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Andreas stand in der Küche und starrte in den Schrank, in dem normalerweise ihre Essensvorräte lagen. Es war nichts mehr da. Kein noch so kleiner Kanten Brot, kein Apfel, kein Müsli, auch die Cornflakes-Schachtel war leer. Nicht ein einziger verdammter Krümel lag da noch.

Das Abendbrot war schon spärlich ausgefallen. Sie hatten Stullen mit der restlichen Teewurst gegessen. Die Rinde war so hart, dass sie zwischen den Zähnen knirschte.

Flora schlief noch. Sie lag unter einer muffig riechenden Steppdecke vergraben. Nur ihre Haarspitzen waren zu sehen. Eine Weile lauschte er auf die Geräusche, die sie machte. Ein paar dahingebrabbelte Wörter, ein Seufzen, ein Lachen. Es gefiel ihm, ihr zuzuhören – so wie man dem Plätschern eines Baches lauschte. Wovon träumte sie?

Seine eigenen Träume waren meist Albträume. Beinahe in jeder Nacht befand er sich wieder im Jugendwerkhof Torgau, hockte eingesperrt in einer Zelle. Alle anderen waren schon fort. Auch Tanja. Er war allein. Ganz und gar allein. Nur die Wände waren da, die allmählich auf ihn zurückten. Schließlich, als ihm die Luft wegblieb, erwachte er von seinem eigenen rasenden Herzschlag. Jedes Mal fuhr er in Panik hoch von seinem Lager, rang nach Atem und gab sich Mühe, den Traum so schnell wie möglich zu vergessen.

Es war noch früh am Morgen, gerade mal acht Uhr. Wie es aussah, würde Flora noch eine Weile weiterschlafen. Er musste sich irgendwie ohne sie beschäftigen. Sein Magen knurrte, und er ging in den Flur und suchte in den Taschen der Jacken nach Kleingeld. Zu seiner Überraschung fand er ein paar Münzen: zwei Markstücke, ein paar Groschen, vier Zwanzigpfennigmünzen und einmal fünfzig Pfennig. Für einfache Brötchen und den billigsten Käse sollte das gerade genügen.

Andreas kritzelte eine Notiz, dass er kurz einkaufen sei, und heftete das Papier mit einer Pinnnadel an die Korktafel. Wäre es nicht besser, Flora mit den frischen Brötchen zu überraschen? Einen Moment stellte er sich ihr schlaftrunkenes Gesicht vor, wenn er sie zum Frühstück weckte, das Lächeln, das sich allmählich in ihrer Miene ausbreiten würde. Womöglich umarmte sie ihn ja sogar. Er nahm den Zettel wieder ab und warf ihn in den Papierkorb, der unter den Garderobenhaken stand.

Das Treppenhaus war marode. Ein Teil des Geländers fehlte. Durch die zerstörten Fenster drang ungehindert der Wind. Unten quietschte eine Tür, und Andreas hielt einen Moment inne. Eigentlich wohnte nur noch eine alte Frau in dem Haus. Brachte sie den Müll raus oder schaute nach ihrer Katze? Er beugte sich über die Reste des Geländers, konnte aber nichts erkennen.

Flora hatte ihm von den Punks erzählt, mit denen sie hier einige Monate gelebt hatte. Die meisten waren inzwischen im Westen. Andere hatten das Abrisshaus verlassen, ohne auch nur Tschüs zu sagen. Einige wenige waren zu ihren Eltern zurückgekehrt.

»Und warum bist du geblieben?«, hatte er gefragt.

»Weil ich nicht weiß, wo ich sonst hinsoll.«

»Der Westen lockt dich nicht?«

»Nein. Ich bin in Leipzig zu Hause.«

»Und deine Eltern?«

»Die können mich mal.«

»Was ist passiert?«

»Die haben mich rausgeworfen.«

»Warum?«

»Sie haben gedacht, ich hätte ihnen Geld geklaut.«

»Und? Hast du?«

»Es war nur geborgt. Ich hätte es zurückgezahlt, ehrlich.«

Flora fragte ihn nie, wo er am liebsten sein wollte, was mit seiner Mutter, seinem Vater war oder wie er seine Zukunft plante oder ob er überhaupt eine Vorstellung davon besaß, wie er einmal leben wollte. Trotzdem war er froh, dass sie sich gefunden hatten. Dass sie seine Anwesenheit in ihrem Leben wie selbstverständlich akzeptierte.


Als er unten an der Haustür wie aus dem Nichts gepackt wurde, war er im ersten Moment starr vor Schreck. Im zweiten Moment versuchte er zu schreien, aber etwas wurde in seinen Mund gestopft. Mit einem gewaltigen Ruck zerrte ihn jemand, der sehr stark war, irgendwohin – in einen Raum, der ihm verschwommen vorkam. Er sah die Decke über sich schweben wie ein Gespinst, das jeden Moment reißen konnte. Eine Glühbirne ohne Licht geriet in seinen Blick. Andreas japste nach Luft, hustete, versuchte, das Stück Stoff, oder was das war, auszuspucken. Dann traf ihn ein Schlag an der Schläfe. Mit einem Knüppel? Einer Schusswaffe? Oder der bloßen Faust? War’s das jetzt? Wurde er umgebracht?

In Panik drehte er sich nach dem Angreifer um. Da sauste ein zweiter Hieb auf ihn nieder. Und diesmal fiel er in ein schwarzes Loch.