24. 5. 2042, Spaceliner 1
Es war alles noch viel leichter gewesen als gedacht. Rick lässt sich in seinen Sessel sinken und sieht zur indirekt in warmen Tönen beleuchteten Decke seiner Kabine. Alles riecht noch ganz neu, wie ein Auto, das gerade vom Band gelaufen ist. Robert hat er nicht wieder gesehen. Nur drei Stunden nach seinem Anruf bei der Polizei hatte ihn sein Chef zu sich bestellt und ihm die frohe Nachricht verkündet.
»Du bist dabei, Rick!«
Wie hatte er auf diese Worte gewartet. Fast sein ganzes, über vierzig Jahre währendes Leben hatte er darauf hingearbeitet. Als SpaceX damals die Pläne für die BFR, die Big Fucking Rocket, verkündet hatte, war er sechs Jahre alt gewesen. Allein der Name! Und dass die sich trauten, so ein böses Wort zu benutzen, selbst wenn sie es nur dachten und nie sagten! Rick hatte seitdem jeden Schritt seines Idols verfolgt, hatte sich in der Schule angestrengt, um an einem guten College unterzukommen, hatte Raumfahrttechnik studiert und schließlich sogar einen Job in Hawthorne bekommen, wo er täglich an einer der ersten Raketen des Unternehmens vorübergegangen war.
Mit der Zeit hatte er sich hochgearbeitet – bis zum stellvertretenden Leiter der Triebwerksentwicklung. Das hatte er nur geschafft, indem er all seine Freizeit investiert hatte. Rick hatte gern auf Familie und Freunde verzichtet. Er würde ihnen sowieso auf Wiedersehen sagen müssen, wenn er dann Richtung Mars startete, also hatte er lieber ganz auf Beziehungen verzichtet. Die Arbeit war sein Leben gewesen, und er hatte alles diesem einen Ziel untergeordnet.
Bis Robert in seiner Abteilung angefangen hatte. Rick knirscht mit den Zähnen, wenn er sich den Konkurrenten vorstellt. Robert ist zehn Jahre jünger. Er ist nicht brillant, aber er besitzt jugendlichen Charme und einen sportgestählten Körper. Er hat eine Frau und zwei kleine Kinder und gilt als verantwortungsbewusst. Der Heroinfund in seinem Wagen muss ein Schock für seinen Vorgesetzten gewesen sein. Rick lächelt. Sein Plan ist aufgegangen.
»Was ist denn mit Robert? Ist er krank geworden?« Er hatte sich hervorragend beherrscht und sogar noch Interesse an dem Mann geheuchelt.
»Robert hat eine Seite, die wir noch nicht kannten, mehr darf ich dazu nicht sagen«, hatte sein Chef geantwortet.
Rick schließt zur Probe den Gurt. Das blanke Metall der Schnalle fühlt sich gut an. Alles an diesem riesigen Schiff ist großartig. Er war selbst an der Konstruktion der Triebwerke beteiligt. Sieben davon besitzt das Raumschiff – und es bildet dabei nur die Oberstufe der gesamten Konstruktion. Die Erststufe hat sogar 31 Triebwerke. Trotzdem erwartet er einen sanften Start.
Bis dahin hat er allerdings noch ein paar Stunden. Er lässt den Gurt wieder aufspringen, erhebt sich und öffnet die Kabinentür. Sein winziges Zimmerchen grenzt an einen Schacht. Später, in der Schwerelosigkeit, wird er sich in einen Gang verwandeln. Aber jetzt steht das Raumschiff auf seinem Heck. Es ist, als hätte man ein Großraum-Flugzeug auf seine Schwanzflosse gestellt. Rick hat das Bild noch vor sich. Ein 106 Meter hoher Turm ragt aus der hügeligen Ebene vor der zentralkalifornischen Küste auf. Er wundert sich immer noch, dass die Konstruktion nicht kippt. Als Techniker weiß er natürlich, dass er sich um die Stabilität der Rakete keine Sorgen zu machen braucht. Aber das Gefühl, sich mal lieber zur Sicherheit danebenzustellen, das bleibt trotzdem.
Er sieht nach unten. Bis zum Ende des Schachtes sind es noch etwa acht Meter. Die Oberstufe, in der er sich befindet, misst insgesamt fast 50 Meter. Unter dem Wohnbereich liegen noch die Frachträume, die im All von der Lebenserhaltung nicht mit Atemluft versorgt werden. Rick zieht sich aus der Tür und klettert nach oben. Über den Kabinen ist der Gemeinschaftsraum, und an der Spitze des Schiffes folgt der Kommandobereich. Er ist für die Triebwerke mitverantwortlich, aber erst nach dem Erreichen des Erdorbits wird er etwas zu tun bekommen. Hier auf Startplatz 3 der Vandenberg AFB kümmern sich noch die lokalen Techniker um alles.
Rick ist überrascht, wie sehr ihn das Klettern anstrengt. Außer Atem erreicht er den Gemeinschaftsraum. Robert wäre wahrscheinlich ganz locker und mit einer Hand am Geländer hochspaziert. Aber Robert ist nicht da, ha! Wie lange wird es wohl dauern, bis sich die Sache geklärt hat? Ein paar Wochen bestimmt, und dann ist er längst unterwegs zum Roten Planeten.
»Hi Rick, hast du das von Robert gehört?« Rick versucht, sich an das Gesicht zu erinnern, dann fällt ihm ein, dass sie alle ein Namensschild tragen. Natürlich, es ist Tetsu Anan, ein Physiker mit japanischen Wurzeln.
»Ja, ich war echt von den Socken, hast du denn Näheres gehört? Der Chef war recht schmallippig.«
»Irgendwas mit Drogen, sagt jedenfalls Tanya von der Sicherheit. Sie kennt wohl Leute bei der Polizei, sie war ja früher selbst Polizistin.«
»Das kann ich mir bei Robert überhaupt nicht vorstellen. Er hatte doch Familie!«
»Du kannst in einen Menschen nicht hineinsehen, Rick. Vielleicht war er deshalb immer so gut drauf.«
»Aber wie hätte das denn auf so einer Reise zum Mars funktionieren sollen? Er hätte es doch nie und nimmer geschafft, das Zeug an Bord zu schmuggeln.«
»Das wäre ein kalter Entzug geworden«, sagt Tetsu. »Aber ich glaube, wenn man das Zeug braucht, dann verdrängt man die Folgen.«
»Anders geht es wohl gar nicht«, sagt Rick. »Man sieht sich.«
Er läuft durch den Gemeinschaftsbereich, als suche er etwas Bestimmtes. Der Raum ist so groß wie eine kleine Schul-Turnhalle. Durch den senkrechten Stand der Rakete wirkt er eher wie ein Silo. Aus der Ecke rechts über ihm sieht ihn die Bar an. An den Seitenwänden kleben bequeme Sitzmöbel und niedrige Tische. Rick muss an ein surreales Bild von Salvador Dalí denken. Eigentlich würde er noch lieber einen Blick auf die Kommandozentrale werfen, aber dort ist bestimmt gerade viel los, und er kommt sich noch mehr fehl am Platz vor als hier unten.
Neben einer geöffneten Klappe in der Wand kniet ein Mr. Cummings. Als Rick den Nachnamen auf seinem Anzug sieht, fällt ihm der passende Vorname ein – es muss Keith sein.
»Hi, Keith«, grüßt er.
Keith hat anscheinend gerade zu tun, jedenfalls antwortet er nicht.
»Pffft«, sagt Rick, dreht sich um und geht.
»Sorry, Mann, ich war gerade mitten in einer Messung«, ruft Keith ihm da mit einer unglaublich hohen Stimme nach. Aber jetzt ist es zu spät, jetzt hört er ihn auch nicht mehr.