Sol 66, Mars-Oberfläche
Na toll. Vor ihr geht es einige hundert Meter steil in die Tiefe. Sie ist am Rand eines Canyons angekommen. Eigentlich sind die nördlichen Ebenen überwiegend flach. Warum muss sie dann ausgerechnet jetzt auf so einen Bruch treffen? Ewa stellt sich an den Rand. Ein paar Steine bröckeln ab und rollen langsam nach unten. Sie erwartet das typische Geräusch, aber da ist nichts. Dann fällt ihr ein, dass die Atmosphäre dafür zu dünn ist.
Sie schätzt die Tiefe ab. Es sind vielleicht vierhundert Meter. Im Vergleich zu den Bruchsystemen des Südens, die mehrere tausend Kilometer tief sind, ist es ein Katzensprung dort hinunter. Aber sie ist allein, ihre Kräfte gehen zur Neige und ihr Raumanzug ist nicht für Klettertouren ausgelegt. Soll sie versuchen, das Hindernis zu umgehen? Sie sieht sich um. Der Graben verläuft in beiden Richtungen bis zum Horizont. Das ist im besten Fall ein zusätzlicher Tagesmarsch, ein Tag mehr, den sie nicht hat. Sie muss da jetzt durch.
Was ist das da auf dem Grund des Tales? Es sieht aus, als würden sich Nebelschwaden ausbreiten. Nebel auf dem Mars – das hat sie noch nie gesehen. Es muss sich um Kohlendioxid-Nebel handeln, für Nebel aus Wassertropfen ist es viel zu kalt. Ist das für ihren Abstieg wichtig? Nein. Der Nebel wirkt nicht so dicht, dass sie dort unten die Orientierung verlieren würde. Sie begutachtet die Wände des Grabens. Hier ist der Abstieg zu steil. Aber dort rechts, in einem halben Kilometer Entfernung, müsste es klappen. Es sind nur ein paar hundert Meter, und die Schwerkraft des Mars ist freundlicher zu ihr als die der Erde.
Sie setzt sich in Bewegung. Wenn doch bloß Theo hier wäre! Ihn vermisst sie von der MfA-Mannschaft am meisten. Mit Theo zusammen hätte sie beim Abstieg keine Zeit verloren. Er hat eine Art, die Sicherheit ausstrahlt. Genau das bräuchte sie jetzt, denn sie muss sich eingestehen, dass ihr auch die wenigen hundert Meter Angst einjagen. Der Blick von hier oben ins Tal entspricht dem von einem dieser Mega-Wolkenkratzer auf der Erde nach unten. Sie hat einmal im Grand Canyon eine Wanderung ins Tal unternommen, aber dort hatte es Wege gegeben. Hier ist sie der erste und auf lange Zeit sicher auch letzte Mensch.
Ewa erreicht den Einstieg, den sie ins Auge gefasst hat. Es sieht so aus, als hätte sich hier vor ewig langer Zeit ein Gewässer einen Weg ins Tal gebahnt. Sie geht auf lockerem Geröll voran. Der Bruch muss wirklich uralt sein, denn obwohl die Erosion auf dem Mars viel langsamer verläuft als auf der Erde, sind die Wände längst nicht mehr so steil wie bei ihrer Entstehung, als der Mars noch aktiver war. Ewa dreht sich so, dass sie dem Tal die linke Seite zuwendet. So kann sie ihren Abstieg in langen Serpentinen vornehmen. Nach einer halben Stunde dreht sie um. Es läuft gut. Ab und zu rutscht ihr Fuß ab, doch sie kann sich immer wieder fangen. Ihr Blick geht an der Seitenwand nach oben, so stört sie die Höhe nicht. Bald hat sie die Hälfte geschafft.
Auf einem Stein, der die ideale Höhe zum Hinsetzen hat, legt sie eine Pause ein. Die Tiefe unter sich macht ihr schon gar nicht mehr so viel aus. Der Nebel ist verschwunden, das bedauert sie. Sie hätte sich das Phänomen gern aus der Nähe angesehen. Ewa prüft Uhrzeit und Schrittzähler. Sie wird mit Ab- und Aufstieg wohl einen halben Tag einbüßen. Das kann sie sich eigentlich nicht leisten. Aber was soll sie tun? Wenn sie doch bloß ein Fahrzeug hätte! Der Abstieg ist jetzt nicht mehr steil. Vielleicht kann sie sich einen Schlitten konstruieren? Sie bräuchte eine große Metallplatte, auf der sie Platz nehmen könnte.
Aber solche Gedanken sind sinnlos. Sie hat nichts, aus dem sich ein Schlitten bauen ließe. Ewa erhebt sich wieder. Sie muss weiter.
Sie erreicht den Talboden etwa um achtzehn Uhr. Bis zum Sonnenuntergang wird sie den Aufstieg nicht schaffen. Aber sie kann es sich nicht leisten, jetzt schon Pause zu machen. Ewa sieht nach oben. Der Aufstieg ist nicht steiler als der Abstieg. Sie hatte bisher keine Probleme, und sie besitzt eine elektrische Leuchte an ihrem Helm. Also kann sie weitergehen, auch wenn die Sonne nicht mehr scheint. Wenn sie den Aufstieg heute noch schafft und morgen ebenfalls zwei Stunden länger marschiert, holt sie den Rückstand wieder ein.
»Auf geht’s«, sagt sie laut. Der Berg wartet auf sie. Ewa marschiert los. Sie kommt schnell außer Atem. Natürlich ist es bergauf anstrengender als bergab. Sie wird es trotzdem schaffen. Ihr Herz schlägt schnell, doch es kommt mit den Anforderungen zurecht. Sie findet ein Tempo, das sie dauerhaft durchhalten kann. Der Schmerz, der immer auf ihrer Schulter saß, ist verschwunden. Vermutlich ist er vorausgegangen und wartet oben auf sie. Die Anstrengung wird sich rächen, da ist sie sicher, aber das darf jetzt keine Rolle spielen. Nachdem die Sonne untergegangen ist, wird sie etwas langsamer. Sie muss öfter mit der Helmlampe nach dem besten Weg suchen. Ein Scheinwerfer am Himmel ist eben doch praktischer. Aber auch das spielt keine Rolle. Sie wird diese Wand vor sich überwinden.
In diesem Moment reißt es ihr den linken Fuß weg, auf den sie gerade das Gewicht verlagert hat. Ewa stürzt zur Seite. Sie schafft es, sich so zu drehen, dass der Rucksack den Sturz abfängt. Doch es gelingt ihr nicht, sämtliche Energie des Sturzes aufzufangen. Ihr gesamter Körper kommt ins Rollen. Sie rollt bergab. Der Scheinwerfer am Helm wirft sein Licht auf einen massiven, schwarzen Felsen unter ihr. Sie rollt genau darauf zu. Sie hat keine Chance, die Richtung zu wechseln. Es ist ein Moment wie aus einem Alptraum. Sie darf nicht auf diesen Felsen prallen, aber es ist unausweichlich. Die Schwerkraft zerrt sie auf ihn zu. Dann kracht es, und alles um sie herum wird still.
Ewa öffnet die Augen. Sie lebt. Sie testet all ihre Glieder: keine Schmerzen, die über das Bekannte hinausgehen. Da hat sie wohl riesiges Glück gehabt! Genau im richtigen Moment war der Rucksack an der richtigen Stelle. Vielleicht ist irgendetwas darin zu Bruch gegangen, aber es kann nichts Schlimmes passiert sein. Die Sauerstoff-Behälter sind viel zu stabil. Vielleicht sind die Cracker zerkrümelt.
Dann vibriert ihr Handgelenk. »Leck«, meldet das Universalgerät. Mist. Ihr Anzug verliert Sauerstoff. Es hat mindestens dreißig Sekunden gedauert, bis das System das gemerkt hat, also kann es kein großes Loch sein. Sie muss jetzt ganz ruhig bleiben. In der Werkzeugtasche des Anzugs befindet sich Reparaturgel. Sie braucht das Leck nur zu finden und abzudichten. Ewa setzt sich auf und tastet ihren Anzug ab. Sie spürt nichts. Sie braucht Licht, also nimmt sie erst einmal die Taschenlampe aus der Tasche. Damit leuchtet sie den ganzen Anzug ab. Am Knie findet sie einen Kratzer. Ist das die Stelle? Der Stoff lässt sich hier auseinanderziehen. Das muss das Leck sein. Sie holt das Reparaturset heraus. Die Tube mit dem selbsthärtenden Abdichtgel ist nur noch halb voll. Jemand muss sich an ihrem Anzug bedient haben, um einen Schaden auszubessern. Auch das noch! Sie drückt die Tube über dem Leck aus. Der Materialstrang reicht genau. Jetzt kann sie nur hoffen, dass der Anzug kein weiteres Loch hat. Das Gel muss aushärten, deshalb darf sie das Knie erst einmal nicht bewegen. Ewa sitzt drei Minuten lang ganz still. Jetzt sollte es dicht sein. In spätestens dreißig Sekunden müsste auch das System melden, dass der Anzug keine Luft mehr verliert. Ewa zählt in Gedanken mit. Als sie bei dreißig ankommt, gerät sie ins Schwitzen. Neununddreißig, vierzig: ihr Universalgerät vibriert erneut. »Anzug dicht«, meldet es. Uff! Sie hat es geschafft!
Sie hat etwa fünfzig Meter eingebüßt. Ewa steht auf. Sie muss den oberen Rand des Canyons erreichen, erst dann hat sie es wirklich geschafft. Sie packt die Taschenlampe nicht wieder weg und benutzt sie nun, um die Beschaffenheit des Bodens besser zu prüfen. Schritt für Schritt geht es nach oben. Ewa wirft keinen Blick zurück. Sie hat nur ein Ziel. Dann ist sie endlich da, die Kante. Der Abgrund verwandelt sich vor ihren Augen in eine harmlose Ebene. Sie lässt sich auf den Boden fallen. Jetzt hat sie sich die Rast verdient.