29. 5. 2042, Spaceliner 1
Allmählich wird es ihm hier zu bunt. Heute wird er nun schon zum zweiten Mal mitten in seiner Freischicht geweckt! Rick zieht sich sein T-Shirt über und stößt sich dabei den Ellbogen an der Wand. Mann, tut das weh. Dieser Tag fängt ja wirklich prima an.
Er stürmt mit Wut im Bauch mit dem Kopf voran aus der Tür und rammt dabei ein fremdes Knie.
»He, Blödmann«, ruft er.
»Noch nie was von rechts vor links gehört?«, bekommt er zur Antwort. Das war Maggie. Sie hatte wohl auch gerade Freischicht. Jetzt ärgert sich Rick, dass er sie so blöd angemacht hat. Asiatinnen, hat er gehört, stehen doch auf ältere weiße Männer. Aber wahrscheinlich ist das auch bloß so ein Gerücht. Er war auch so scharf darauf gewesen, auf diesem Schiff unterzukommen, weil die Besatzung exakt zu zwei Dritteln weiblich ist. In einer künftigen Kolonie, hatten die Planer berechnet, würde das die Chancen auf Reproduktion deutlich erhöhen. Eine solche Kalkulation zeugt für ihn von wahrer Weitsicht. 80 Kilogramm biologische Masse zum Mars zu befördern, kostet angeblich knapp eine Million Dollar. Einen neuen Menschen auf dem Mars zu gebären, kostet die Firma nichts. Nun gut, vielleicht etwas mehr als nichts, weil er gebildet und medizinisch versorgt werden muss. Aber es gehört auch zu den Eigenarten der menschlichen Spezies, dass die Eltern in der Regel alles daran setzen, ihrem Nachwuchs Nahrung, Medizin und Bildung zukommen zu lassen. Eltern mit Kindern arbeiten deshalb auch noch doppelt so gern – ein Effekt, bei dem das Unternehmen nur gewinnen kann.
Rick zieht sich an einem Handgriff nach oben und sieht sich dabei kurz um. Heute kommen sie wirklich alle aus ihren Löchern. Die FM muss eine Vollversammlung angeordnet haben. Das sieht dann nicht nach Arbeit aus wie gestern, sondern nach sinnlosem Herumstehen. Was mag es zu sagen geben? Hat die Firma einen neuen Preis ausgelobt? Wer noch an Bord schwanger wird, bekommt einen Bonus? Oder hat man wegen des sinkenden Aktienkurses herausgefunden, dass sich die Marsbesiedelung doch nicht lohnen wird, und sie kehren um? Einen Pivot machen, nennt man das im Aktiendeutsch. Nein, das hätten sie ihnen erst kurz vor Erreichen des Mars mitgeteilt, wegen der Motivation der Crew, denn zum Abbruch der Reise ist es nun eh zu spät, sie können erst am Ziel wieder umkehren.
Er ist gespannt, aber nicht ängstlich. Gäbe es ein ernsthaftes Problem, ginge es dem Schiff schlecht, dann würden die Sirenen gellen. Jeder würde auf seine Station gerufen und hätte eine Atemmaske in der Hand. Nein, es muss eines der geringeren Übel sein. Vielleicht soll ihnen auch das Gehalt gekürzt werden, oder ... Aber es ist sinnlos. Er sollte sich diese Gedanken nicht machen und sich stattdessen am Blick in die zahlreich vorhandenen Dekolletés erfreuen. Die Schwerelosigkeit hat doch auch ihre Vorteile, und viele der Raumfahrt-Neulinge haben noch nicht einmal realisiert, welche Einblicke sie so bieten.
»Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Passagiere, bitte rückt doch etwas zusammen, damit alle Platz haben. Ihr könnt auch den Raum über euch nutzen.«
Rick fällt nicht ein, wie der diensthabende Flight Manager heißt. Die Frau ist hoch gewachsen und wirkt sehr blass. Ob das ihre natürliche Hautfarbe ist? Oder weiß sie schon, was man ihnen gleich berichten wird?
Da sieht Rick, wie der Senator durch eine Tür hinter der Theke kommt. Er begleitet eine ältere Frau, der er einen Arm um die Schulter gelegt hat. Rick hat sie noch nie gesehen. Sie sieht schlecht aus. Hat sie vielleicht eine ansteckende Krankheit an Bord gebracht? Nein, dann hätte man doch nicht die komplette Mannschaft hier zusammengerufen.
»In fünf Minuten wird Senator Rick Ballantine eine wichtige Ansage machen«, verkündet die FM per Lautsprecher. »Bitte noch etwas Geduld.«
Ballantine spricht leise, aber intensiv zu der älteren Frau. Die zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und verschwindet wieder hinter der Tür.
Eine kräftige, warme Hand landet auf Ricks Schulter. Er weiß schon, dass es Terran sein muss. Sein Kollege benutzt ein Deo, das man als aufdringlich bezeichnen würde, wollte man nett sein. Rick will nett zu Terran sein, denn er braucht ihn, zumindest im Moment noch. Sein Kollege scheint eine spezielle Beziehung zum Senator zu haben, der wohl eindeutig der wichtigste Mann an Bord ist.
»Und, was werden sie uns sagen?«, fragt Terran.
»Wenn du es nicht weißt, wer sonst?«
»Der Typ da unten sicher.« Terran zeigt auf den Senator.
»Und die ältere Dame bestimmt auch, die kurz zu sehen war.«
»Das ist seine Tante. Sie ist die Haupt-Erbin des Firmenvermögens. Ich frage mich wirklich, wie er es geschafft hat, sie zu dieser Reise zu überreden.«
»Vielleicht mag sie ja ihren eingebildeten Neffen.«
»Vielleicht. Er ist aber gar nicht so hochmütig, da schätzt du ihn falsch ein«, sagt Terran.
»Na, du musst es ja wissen.«
Der Schwarze lacht. »Ich weiß mehr, als du ahnst«, sagt er.
Rick erschrickt. War das eine Anspielung? Hat Terran die Wanze unter seinem Bett entdeckt? Er kann es sich nicht vorstellen. Gestern Abend hat er jedenfalls noch eindeutige Geräusche gehört. Aber es ist natürlich möglich, dass sein Kollege die Wanze nicht zerstört, sondern einfach weitergereicht hat. Das wäre sogar sehr geschickt. Im Grunde zu geschickt, so viel Cleverness traut er seinem Kollegen nicht zu. Aber Rick muss aufpassen, er neigt dazu, die Menschen zu unterschätzen. Das wäre ihm bei Robert schon fast zum Verhängnis geworden. Wer hätte denn ahnen können, dass der nette Praktikant ihn in kürzester Zeit überflügeln würde? Nett und erfolgreich, diese Kombination hatte Rick noch nie zuvor bei einem Menschen erlebt. Tja, schade, Robert, genutzt hat es dir am Ende nichts.
»Es ist mir eine Ehre, jetzt Senator Rick Ballantine das Wort zu überlassen. Er hat eine wichtige Ankündigung zu machen. Bitte unterbrecht ihn nicht. Anschließend werden wir versuchen, sämtliche Fragen zu beantworten.«
Die FM hat »Ehre« gesagt, nicht »Freude«. Es ist ihr anzumerken, dass sie Ballantine nicht mag. Das ist ein Fehler, denkt Rick. Sie muss ihn nicht mögen, aber sie darf es sich nicht anmerken lassen. Ballantine vergisst nichts, sonst hätte er es nicht zum Senator gebracht.
»Liebe Freunde«, beginnt Ballantine. Eine geschickte Einleitung, denkt Rick. Er begibt sich auf unsere Stufe. Es ist fast, als würde er vor uns knien.
Tatsächlich geht Ballantine auf die Knie. Rick kann nicht anders, er ist begeistert. Der Mann hat es wirklich drauf.
»Ich mache es so kurz wie möglich, denn ich habe keine Worte dafür, was ich euch sagen muss.«
Nun raus damit! Und wie er die Spannung hält, grandios.
»Seit etwa zwei Stunden ist sämtlicher Kontakt mit der Erde abgebrochen. Nein, es ist kein technisches Problem. Die Erde sendet nicht mehr. Es gehen wirklich keinerlei Sendungen mehr von der Erde aus, abgesehen von automatischen Funkbaken-Signalen. Wir wissen nicht, was passiert ist. Es sieht so aus, als wäre die Erde mit einem Schlag erstarrt.«
Nach diesen Worten bricht das Chaos aus im Saal. Alle reden, schreien, weinen durcheinander. Vor der Theke ziehen drei Gestalten in Uniformen auf, die Sicherheitskräfte der Spaceliner 1. Dann gellt eine Sirene. Rick hält sich die Ohren zu.
Es funktioniert. Das laute Geräusch bringt die Menschen zum Schweigen. Auch sie sind nun wie erstarrt, als hätte die Erde sie angesteckt. Rick tätschelt sich die Wangen. Sie sind kalt, obwohl er schwitzt. Er sieht sich um. Wo ist Terran? Rick hat zum ersten Mal in seinem Leben das dringende Bedürfnis, mit einem Menschen zu sprechen. Schluck es runter, denkt er, es macht dich nur schwach. Es ist doch ein Zeichen, dass Terran ausgerechnet jetzt nicht da ist.
Hinter der Theke tut sich etwas. Der Senator gibt der Flight Managerin das Mikrofon und verschwindet dann hinter der Tür.
»Bevor wir zu den Fragen kommen, noch eine juristische Ankündigung: Da unser Präsident derzeit seine Regierungsgeschäfte in Bezug auf dieses Schiff nicht ausüben kann, übernimmt verfassungsgemäß Senator Rick Ballantine als Kongressabgeordneter temporär diese Funktion. Er hat damit befehlshabende Gewalt. Die Schiffsführung bleibt im Amt, unterliegt jedoch seiner Kontrolle. Ich darf Senator Ballantine im Namen der gesamten Führung unseren Dank für diesen Mut in schweren Zeiten aussprechen.«
Verfassungsgemäß? In welcher Verfassung soll das denn stehen? Wenn ein Schiff die Verbindung zu seinem Ursprungsland verliert, wird dort der Präsident faktisch abgesetzt? Das haben sie sich aber schön hingebogen. Aber solange sich niemand dagegen wehrt ...
»Werden wir umkehren, um zu versuchen, den Menschen auf der Erde zu helfen?«
Die erste Frage kommt von einer Frau mittleren Alters. Sie wirkt wie eine Lehrerin. Die Antworten gibt die Flight Managerin.
»Wir können nicht umkehren. Das Schiff befindet sich auf seiner Flugbahn zum Mars. Erst dort können wir entscheiden, ob wir zur Erde zurückkehren.«
»Heißt das, unsere Eltern, Freunde und Verwandten sind nun alle tot?«, fragt ein junges Mädchen, das kaum über 18 sein dürfte.
»Wir wissen es nicht. Die Erde reagiert nicht. Wir haben keine Instrumente an Bord, mit denen wir sie näher untersuchen könnten. Das Schiff ist für den Flug zum Mars gebaut, für nichts anderes.«
»Was heißt das für unsere Gehälter?«
Der dickbäuchige Mann, der die Frage gestellt hat, könnte ein Bauarbeiter sein, oder ein Koch. Er hat die Daumen unter seine Hosenträger gesteckt.
»Bis auf Weiteres gehen wir davon aus, dass diese von der Firma weiter auf ihre Konten auf der Erde überwiesen werden.«
»Aber wie soll ich dann hier bezahlen, wenn es keinen Zugriff auf mein Konto gibt?«
»Jeder bitte nur eine Frage. Für den Geldverkehr an Bord werden wir ein System entwickeln. Bis dahin ist unser Händler angewiesen, auf Kredit zu verkaufen. Alle Produkte werden aber nur in üblichen Mengen abgegeben. Es gibt genügend Vorräte an Bord, wir sind auf eine mindestens dreijährige Reise vorbereitet.«
Eine hagere Frau mit Hakennase meldet sich. Das muss eine Forscherin sein, denkt Rick. »Gibt es irgendwelche Hinweise auf die Ursache?«, fragt sie.
»Keine, Frau Professor.«
Er hatte Recht!
»Wir haben in den Archivdaten kurz vor dem Verbindungsabbruch nach plötzlichen Strahlungsschwankungen oder anderen Phänomenen gesucht, aber nichts gefunden. Ein Atomkrieg scheidet aus. Von einer weltweiten Epidemie hätten wir vorher etwas gemerkt. Uns fehlt die Phantasie für weitere Szenarien, die letztlich nichts weiter als Spekulationen wären.«
»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erde bald wieder meldet?«
Wieder hat sich eine junge Frau gemeldet.
»Wir sind uns einig darüber, dass eine derart umfassende Störung sich gewiss nicht in kurzer Zeit beheben lässt. Es muss eine ernsthafte Katastrophe eingetreten sein.«
Eine der drei Wachen greift sich das Mikrofon und fragt: »Inwiefern beeinflusst dieser Zwischenfall unsere Pläne zur Mars-Besiedelung?«
»Es bleibt vollumfänglich bei den kurzfristigen Plänen. Auf längere Sicht müssen wir allerdings berücksichtigen, dass nicht wie geplant Nachschub von der Erde eintreffen wird. Es kommen also keine neuen Siedler ...«
Ein Schrei aus dem Publikum unterbricht die Flight Managerin. »Mein Mann, mein Mann«, ist zu hören.
»... und auch keine neuen Vorräte«, spricht die FM weiter. »Das ist aber kein ernsthaftes Problem, denn wir haben sämtliche technischen Möglichkeiten, um uns die Ressourcen des Mars zunutze zu machen. Diese Herausforderung wird uns stärker machen, weil wir keine Alternativen mehr haben. Wir müssen überleben, das sind wir der Erde schuldig. Die Kolonie auf dem Mars war immer auch als Ausweich-Möglichkeit für die Menschheit vorgesehen. Der Ernstfall, auf den wir uns langsam vorbereiten wollten, ist nun schon überraschend früh eingetreten. Das bürdet uns eine enorme Verantwortung auf, die ich euch allen bewusst machen will. Aber jetzt müssen wir uns erst einmal den Alltags-Problemen dieses Fluges widmen. Wer Hilfe braucht, kann sich jederzeit an unser Psychologenteam wenden. Weitere Fragen beantwortet der Crew-Support gern per Bordnachricht. Ich wünsche uns allen aus tiefstem Herzen eine gute Reise.«