Sie treffen
sich in der Kabine des Senators. Rick ist beeindruckt. Der Raum hat mindestens zwölf Quadratmeter Grundfläche. An einer Wand gibt es ein Sofa, vor dem ein flacher Tisch und zwei Sessel stehen, auf der anderen befindet sich das Bett. Die Wand über dem Bett nimmt ein Fenster ein. Ein Fenster? Rick vergegenwärtigt sich die Form des Schiffes. Das ist unmöglich. Es muss sich um einen riesigen Bildschirm handeln, der ähnlich wie ein Bullauge von einem metallenen Beschlag eingerahmt ist. Rick würde am liebsten gegen des Glas hauchen. Wäre es wirklich ein Fenster, müsste es dann anlaufen. Aber vielleicht hat man sogar diesen Effekt simuliert, um die Täuschung zu vervollständigen?
»Setzen Sie sich?«, fragt der Senator und zeigt auf das Sofa und die Sessel. Von den Anwesenden kennt Rick nur Maggie, die Pilotin. Mit dem Japaner Tetsu hat er sich irgendwann mal kurz unterhalten. Er vertritt die Forscher an Bord. Und dann ist da noch Jean Warren, die das Schiff offiziell als Captain führt, sich in der Öffentlichkeit jedoch stark zurückhält. Was wird ihr Geheimnis sein? Rick hat keine Ahnung, wo ihre Kabine ist, und so überwacht er sie bisher auch nicht mit seinen Wanzen. Er hofft, dass seine neue Funktion ihm da noch ganz neue Möglichkeiten bietet.
Er schwebt zu den anderen und setzt sich ganz bescheiden auf den Rand des Sofas. Ganz automatisch bleibt einer der Sessel frei, auf dem der Senator Platz nimmt.
»Beehrt uns Ihre Tante nicht?«, fragt Rick.
»Sie fühlt sich nicht so gut. Die Vorgänge auf der Erde ...«
»Oh.«
»Das soll heute auch unser Thema sein«, sagt der Senator. Man merkt ihm an, dass ihn der Termin langweilt und er ihn schnell hinter sich bringen will.
»Zuerst möchte ich Ihnen meinen neuen Stellvertreter vorstellen.« Er zeigt auf Rick, und Rick senkt bescheiden den Kopf.
»Der Gesundheitszustand meiner Tante erfordert, dass ich mich mehr um sie kümmere. Deshalb kann ich mich weniger als bisher in das Geschehen an Bord einbringen. Rick habe ich aufgrund seiner hervorragenden Zeugnisse und seines bisherigen sehr engagierten Auftretens an Bord ausgesucht. Außerdem hoffe ich, dass er näher an der Crew dran ist als ich es wegen meiner Herkunft je sein könnte. Er genießt, denke ich, das Vertrauen all der Servicekräfte, das wir in dieser schweren Zeit umso mehr benötigen.«
Servicekräfte. Wahrscheinlich hätte er beinahe 'Sklaven' gesagt, denkt Rick. Aber es spielt keine Rolle. Er braucht die Achtung von Ballantine nicht, die er nie bekommen wird.
»Danke, Mister Ballantine«, sagt er. »Ich werde mein Bestes tun, mich dieses Vertrauens würdig zu erweisen.«
»Das hoffe ich«, antwortet der Senator und fixiert ihn. In Ballantines Blick liegen Verachtung und Wut. Rick ist sich darüber im Klaren, dass der Senator jede Chance nutzen wird, ihn loszuwerden und anschließend zu zertreten. Er darf ihm diese Chance nicht bieten.
»Ich bitte Sie alle, meinen Stellvertreter so gut wie möglich zu unterstützen. Er spricht in meinem Namen. Gibt es denn etwas Neues von der Erde?«, fragt Ballantine und sieht Tetsu an.
»Leider nicht. Wir haben inzwischen all unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, zumal die Entfernung täglich steigt. Wir können sicher sagen, dass von der Erde keine elektromagnetische Aktivität ins All dringt.«
»Nicht mal mehr Radio und Fernsehen?«
»Wir können nicht ausschließen, dass lokale Sender in Betrieb sind, aber nichts, was mit genügend Leistung gen Himmel strahlt.«
»Und was eine Zivilisation sonst ausmacht?«
»Die Konzentration klimaschädlicher Gase scheint konstant geblieben zu sein, aber das ist nach so kurzer Zeit normal. Die Zirkulationsmuster der Atmosphäre haben sich ebensowenig verändert. Es gibt auch keinerlei Notsignale.«
»Vielleicht haben sich ja alle verabredet, mit uns kein Wort mehr zu reden, und in Wirklichkeit läuft das Leben normal weiter.«
»Ich weiß, Herr Senator, dass Sie das nicht ernst meinen, aber wir haben diese These tatsächlich geprüft. Wir halten es für unmöglich, bewusst eine derartige Funkstille herbeizuführen. Wir müssten zumindest Kommunikation zwischen den Erdsatelliten empfangen.«
»Das Rätsel scheint demnach unlösbar.«
»Aus der Entfernung, ja. In sechs Monaten könnten wir darauf verzichten, in eine Bahn um den Mars einzuschwenken, und sofort die Rückreise antreten. Dann könnten wir uns persönlich überzeugen.«
»Wenn ich richtig informiert bin, gibt es da nur ein kleines Problem: Wir werden nicht genug Treibstoff für unsere Landung haben.«
»Das ist korrekt, Herr Senator. Für die Landung auf der Erde benötigen wir weitaus mehr Treibstoff als für den Mars. Normalerweise hätte man uns im Erdorbit aufgetankt.«
»Aber es wird vermutlich niemand auf uns warten.«
»Richtig, Senator Ballantine. Deshalb empfiehlt die Forschungsabteilung, dem ursprünglichen Plan zu folgen und auf dem Mars zu landen. Mit dort hergestelltem Treibstoff könnten wir später zur Erde zurückfliegen.«
»Wie viel später?«
»Mit dem nächsten Startfenster in zwei Jahren.«
»Gut, dann wäre das geklärt. Rick, wie ist die Stimmung?«
»Im Großen und Ganzen gut. An den ersten beiden Tagen war der Krankenstand höher als gewohnt, aber das hat sich normalisiert. Um Langzeit-Effekte zu vermeiden, sollten wir eine engmaschige psychologische Betreuung gewährleisten.«
»Organisieren Sie das.«
»Gern«, sagt Rick. Er wird jedes Crewmitglied persönlich in Begleitung des Psychologen besuchen. Er hat schließlich noch zwei Wanzen zu verteilen.
»Jean, gibt es von Ihrer Seite aus bestimmte Anliegen?«
»Nein, alles verläuft reibungslos«, antwortet die Kapitänin. Sie macht einen seltsamen Eindruck auf Rick. Sie wirkt, als wäre sie nicht ganz da. Oder als würde sie gern verschwinden. Mit ihrer grauen Kleidung, ihren grauen Haaren und ihren grauen Augen verschmilzt sie beinahe mit der Sofa-Polsterung. Was ist bloß mit ihr passiert? An ihren Namen, Jean Warren, meint er sich zu erinnern. War sie nicht mal eine bekannte NASA-Astronautin?
»Wenn es sonst nichts gibt ... Maggie?«
Die Pilotin meldet sich. »Ich würde gern, so früh es geht, mit der NASA-Crew auf dem Mars sprechen. Ich denke, eine Zusammenarbeit bietet sich an.«
Auf Ballantines Stirn bilden sich zwei lange Falten.
»Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen ...«
»Aber diesen Staat gibt es doch gar nicht mehr«, unterbricht sie Ballantine. »Es sind alles Menschen wie wir.«
»Klar, kontaktieren Sie sie. Aber bitte keine Zusagen und Versprechungen, bevor Sie nicht mit mir gesprochen haben. Oder mit Rick natürlich.«