Sol 102, NASA-Basis
Eigentlich hätte heute schon Sharons neuer Schichtplan gelten sollen, aber wegen des angekündigten Besuchs sind schon um acht Uhr alle in der Zentrale. Lance ist der letzte, der durch die Tür kommt.
»Falls du mich jetzt auch fragen wolltest«, begrüßt ihn Mike, »nein, Ewa hat sich heute noch nicht gemeldet.«
»Über die Außenkameras ist also auch noch nichts zu sehen?«, fragt Lance.
Mike schüttelt den Kopf. Lance setzt sich auf einen Stuhl am Rand und dreht Däumchen. Sharon sitzt im Sessel neben Mike. Sarah läuft auf und ab. Plötzlich springt Sharon auf.
»Das meint ihr doch nicht ernst, oder?«, fragt sie.
»Was denn?«, meint Mike.
»Dass wir jetzt alle herumsitzen und warten. Es gibt doch genug zu tun.«
»Das gilt dann ja auch für dich?«
Sharon sieht Mike an, ohne etwas zu sagen. Dann verlässt sie die Zentrale.
Lance springt ebenfalls auf. Er will sich aber nicht um den KRUSTY kümmern, wie es eigentlich für heute auf dem Plan stand. Der Kernreaktor ist selbstwartend. Alles, was er tun kann, ist die verschiedenen Werte abzulesen und in eine Datenbank einzutragen. Nein, er wird Ewa auf der Oberfläche erwarten. Gerade, als er die Tür der Zentrale öffnet, ruft ihm Mike nach.
»Was hast du vor?«
Lance zeigt mit dem Finger nach oben.
»Er ist für die KRUSTY-Kontrolle eingeteilt«, erklärt Sarah an seiner Stelle. Mike nickt, und Lance verlässt die Zentrale. Sein Raumanzug müsste in der Werkstatt liegen. Er holt ihn ab und beginnt dann mit einem schnellen Training. In letzter Zeit hat er die Basis sogar manchmal ganz ohne vorherigen Sport verlassen. Das ist zwar angeblich gefährlich, wegen des Stickstoffs im Blut, aber er hat keine Nebenwirkungen verspürt.
Dreißig Minuten später steckt er in voller Montur in der Schleuse. Wenn er den KRUSTY warten will, muss er auch nach draußen. Also werden sich seine Kollegen höchstens wundern, falls er nicht in einer Viertelstunde zurück ist. Was bei diesem Job am längsten dauert, ist der Weg zum und vom Reaktor.
Aber Lance wird den KRUSTY heute komplett ignorieren. Die Werte, die er aufschreiben soll, kennt er sowieso schon auswendig. Sie haben sich seit der Inbetriebnahme des Reaktors nicht wesentlich geändert. Die Technik ist wirklich ausgereift. Früher haben die Menschen noch Gänsehaut bekommen, wenn sie nur an das Wort Kernreaktor gedacht haben. Diese Zeit ist zum Glück vorbei. Auf dem Mars wären sie ohne den KRUSTY ziemlich verloren, der den größten Teil ihrer Energie liefert. Und relativ bald werden sie das auch sein, denn der Reaktor ist bloß für zehn Jahre Laufzeit ausgelegt.
Das rote Licht hört auf zu pulsieren und leuchtet gleichmäßig. Das heißt, dass nun alle Atemluft abgepumpt ist. Lance drückt auf den Öffnungsknopf, und der Schleusendeckel schiebt sich zur Seite. Etwas Staub rieselt von oben auf seinen Helm. Auf der Leiter klettert Lance aus der Schleuse heraus.
Es ist immer noch ein ungewohntes Bild. Das Raumschiff Endeavour, mit dem sie hier angekommen sind, ragte immer linker Hand in den Marshimmel, bis die MfA-Leute es gestohlen haben. Nun dürfen sie es behalten, bis ihre Basis fertiggestellt ist. Also ist der Platz leer. Gerade jetzt wäre die Endeavour sehr praktisch, weil Lance von ihrem Kommandodeck aus die Umgebung wunderbar beobachten könnte.
Er sieht sich um. Wer nicht weiß, dass hier Menschen leben, bemerkt kaum etwas davon. Sein primitives Windrad, ein paar Antennen und weiter hinten der KRUSTY, das ist alles, was deutlich über den Marsboden hinausragt. Die Basis verschwindet beinahe im Regolith. Gerade zieht jemand die Abdeckung des Gartenmoduls zur Seite. Das wird Sarah sein. Um Heizkosten zu sparen, ist das durchsichtige Dach des Gartens nachts abgedeckt.
Lance fröstelt. Es ist noch ganz schön frisch. Er bekommt zwar nicht die wahre Oberflächentemperatur zu spüren, die gerade bei minus 20 Grad Celsius liegt, aber je kälter es ist, desto länger braucht die Anzugheizung, um angenehme Wärme zu liefern. Über das Universalgerät am Arm dreht er die Temperatur etwas höher. Dazu macht er ein paar Kniebeugen. In Richtung Osten erkennt er den Pavillon. Eigentlich eine ziemliche Schnapsidee, denkt er. Es ist ein kleiner, mit Atemluft gefüllter Glaskasten, der über eine unterirdische Röhre von der Station aus erreichbar ist. So können sie sich der Illusion hingeben, sich ohne Anzug an der Mars-Oberfläche aufzuhalten. Lance versteht schon, was Mike und die anderen daran so fasziniert. Es ist die Illusion von Freiheit. Denn sie werden sich in ihrem ganzen Leben nicht mehr ohne technische Unterstützung an der Oberfläche des Planeten bewegen können.
Wann wird Ewa wohl kommen? Und wie wird er sie bemerken? Er stellt sich vor, dass sie einen Rover fährt. Vielleicht hat sie einen zweiten darangehängt, um mehr Vorräte transportieren zu können. Die NASA-Basis liegt zwar versteckt unter dem Boden, doch es gibt genug Hinweise für Ewa, dass sie hier ihr Ziel erreicht hat. Falls sie aus Versehen über die Basis hinwegfahren sollte, ist das auch kein Problem. Das Dach ist stabil genug, um die Besatzung im Untergrund vor kleineren Meteoriteneinschlägen zu schützen.
Er läuft zum Pavillon und wieder zurück. Der kleine Spaziergang tut ihm gut. Lance bleibt stehen und sieht nach oben. Die Sonne wirkt fahl. Sie kommt ihm aber längst nicht mehr so fremd vor wie kurz nach der Landung.
Dann erscheint am nördlichen Horizont plötzlich ein kleiner Hügel. Er fällt Lance sofort auf, weil sich in der Mars-Landschaft sonst nie etwas bewegt. Was geht da vor? Was ist das? Ein simpler Rover ist es jedenfalls nicht, was sich da der Station nähert.
»Mike, siehst du das auch?«, fragt er über den Helmfunk in der Zentrale nach.
»Ja, da ist was, am Horizont.«
»Könnt ihr Details erkennen, Mike?«
»Ich habe die Überwachungskamera so weit wie möglich gezoomt, aber es ist zu viel Staub in der Luft, das Bild bleibt sehr verschwommen. Es sieht mir aber nicht nach einem Rover aus.«
»Den Eindruck hatte ich auch. Ich gehe dem Ding ein bisschen entgegen.«
»Bist du verrückt, Lance? Wenn es nun etwas ganz Anderes ist?«
»Was soll es denn sein? Ewa hat sich für heute angekündigt. Also wird sie da drin wohl am Steuer sitzen. Ich glaube nicht an Gespenster.«
Lance läuft los. Es ist ein heller Tag, und er hat genug Luft bis zum Sonnenuntergang. Der Spaziergang wird ihm gut tun. Außerdem ist er dann der erste, der Ewas Geschenk zu sehen bekommt. Oder der erste, den Ewa umbringt. Hoffentlich kann er dann noch die anderen warnen.
Der Hügel am Horizont wird nur langsam größer. Besonders schnell ist das Fahrzeug jedenfalls nicht unterwegs. Lance dreht sich um. Er ist schon zwei Kilometer von der Basis entfernt. Ewa kommt ihm ungefähr mit der Geschwindigkeit eines Radfahrers entgegen, schätzt er. Eine halbe Stunde später kann er im Dunst erstmals Einzelheiten ausmachen. Es sind zwei Fahrzeuge. Eines scheint seitlich versetzt hinter dem anderen her zu fahren. Da Ewa allein ist, muss sie das wohl per Fernsteuerung angekoppelt haben. Das hintere Fahrzeug scheint etwas flacher als das vordere zu sein. Da beide auf ihn zu fahren, kann er nicht mehr erkennen.
»Zentrale an Lance, du bist schon ganz schön weit weg, ist dir das klar?«, hört er Sharons Stimme. Bestimmt sitzen sie, Sarah und Mike inzwischen gemeinsam in der Zentrale.
»Kein Problem«, antwortet er, »ich habe genug Luft.«
»Wir machen uns trotzdem Sorgen. Wenn etwas passiert, kann dir so schnell niemand helfen.«
»Was soll denn schon schiefgehen, Sharon?«
»Hör mal, Ewa hat immerhin fünf Menschen auf dem Gewissen. Wenn das nun ein Trick ist und sie dich ebenfalls umbringen will?«
»Das ergibt für mich keinen Sinn. Warum sollte sie sich dann gestern anmelden? Und wozu bringt sie dann ein zweites Fahrzeug mit?«
»Was sagst du da? Ein zweites Fahrzeug? Unsere Kamera kann das Bild nicht auflösen«, sagt Mike.
»Ja, sie hat etwas im Schlepptau. Ist also doch gut, dass ich hier draußen bin«, antwortet Lance.
»Pass bitte auf dich auf, ja?«
Lance freut sich, denn es ist Sarah, die ihn darum bittet. Dann geht er Ewa weiter entgegen.
Das Fahrzeug, das auf ihn zu rollt, ist wirklich außergewöhnlich. Es scheint aus vier dicken Stahlträgern zu bestehen, die in seine Richtung zeigen und von Verstrebungen gehalten werden. Die Konstruktion wirkt, als hätte man einen dieser großen Strommasten umgekippt und mit den Füßen voraus auf einen Lastwagen gelegt. In der Mitte befindet sich eine im oberen Teil aus durchsichtigem Material bestehende Kabine, die wie das Gelege eines Insekts in die Metallkonstruktion eingefügt ist. Von dort aus steuert Ewa vermutlich das seltsame Gefährt. Welchen Zweck es wohl hat? Die Logik sagt ihm, dass es wertvoll sein muss, sonst hätte Ewa es nicht mitgehen lassen. Wertvoll ist ein Objekt auf dem Mars aber nicht wegen des teuren Materials, aus dem es besteht, sondern weil es nützlich ist und beim Überleben hilft. Er würde hier jederzeit eine Goldkette gegen eine Rolle Panzertape eintauschen. Wenn er das Fahrzeug von der Seite sehen könnte, wäre es wohl kein Problem mehr, den Zweck zu erraten. Als Ewa vor ein paar Minuten einem kleinen Krater ausweichen musste, hat Lance immerhin schon gesehen, dass das Fahrzeug ziemlich lang sein muss und mehr als zwei Achsen besitzt.
Das andere Gefährt, das seine Route immer sehr genau anpasst, macht ihm die Sache leichter. An seiner Vorderseite hat er einen Anbau entdeckt, der wie eine große Schaufel aussieht. Vermutlich handelt es sich um einen Radlader, Kategorie »sehr nützlich«. Wenn Ewa nur dieses Fahrzeug bei ihnen ließe, könnten sie damit den Ausbau ihrer Basis weit voranbringen. Lance beginnt sofort zu träumen. Ein bisschen mehr Platz zum Wohnen wäre nett, aber noch wichtiger: Sie könnten die Gewächshaus-Fläche verzehnfachen und viel schneller unabhängig von den mitgebrachten Vorräten werden, die sie dann für wirklich schlechte Zeiten aufheben könnten. Natürlich müsste man das alles gut planen, denn der Nahrungsanbau braucht auch Wasser und Energie, die ihnen noch nicht in endlosem Umfang zur Verfügung stehen.
»Lance an Zentrale«, sagt er.
»Wir hören dich«, meldet sich Mike.
»Das hintere Fahrzeug scheint ein Radlader zu sein. Ihr könnt ja schon mal anfangen zu überlegen, was sich damit so alles anstellen ließe.«
Den letzten Satz hätte er vermutlich gar nicht aussprechen müssen. Die Fantasie seiner Kollegen ist bestimmt bei dem Wort »Radlader« schon von selbst angesprungen. Er erinnert sich an die Diskussion von gestern. Vielleicht sollten sie ein solches Geschenk ja gar nicht annehmen. Oder sie akzeptieren es und leiten es an die MfA weiter. Andererseits: was kann es schon schaden, mal eben drei Wochen lang mit diesem Ding ihre künftigen Gartenanlagen auszuheben?
Lance sieht in Richtung Norden. Ewa sollte nun eigentlich nahe genug sein, dass er sie über den Helmfunk erreichen kann. Er probiert es zunächst über die Frequenz der MfA, aber dort meldet sich niemand. Vermutlich hat Ewa ihren alten MfA-Anzug nicht mehr. Die Frequenz, auf der sich das Spaceliner-Projekt in Zukunft verständigen wird, kennt er nicht. Aber er kann natürlich die üblichen Kanäle durchprobieren.
»Lance an Ewa, bitte kommen«, sagt er immer wieder, wartet ein paar Sekunden und schaltet dann einen Kanal weiter.
»Ewa hier. Was ...«
Es knackt nur noch in der Leitung. Oh, er war zu schnell. Er schaltet wieder zurück.
»... mitten in der Wüste?«, hört er den letzten Teil von Ewas Satz.
»Lance hier«, wiederholt er. »Einer muss dich ja abholen.«
»Willst du prüfen, ob ich nicht zufällig völlig durchgeknallt bin und darauf aus, euch alle zu töten?«
Ja, zumindest zum Teil ist er deshalb hier, aber das bleibt sein Geheimnis. »Nein«, antwortet Lance stattdessen, »davon gehe ich nicht aus. Ich hatte nicht vor, mich für die anderen zu opfern, wenn du das meinst.«
»Verstehe«, sagt Ewa. »Ich habe diese Unterhaltung vielleicht etwas blöd angefangen, entschuldige. Vermutlich ist man nicht mehr gesellschaftsfähig, wenn man so lange allein unterwegs ist. Es ist schön, eine menschliche Stimme zu hören.«
»Ich muss dir gleich sagen, dass wir noch nicht sicher sind, was wir mit dir anfangen sollen«, sagt Lance. »Es könnte sein, dass wir dich morgen wieder zurück in die Wüste schicken.«
»Das soll mir dann recht sein, das habe ich ja schon gesagt.«
Ewas Stimme klingt gleichmütig, als würde es ihr wirklich nichts ausmachen, erneut verbannt zu werden.
»Ich würde mich freuen, wenn ich die Chance bekäme, zumindest ein wenig von dem Schaden wiedergutzumachen, den ich angerichtet habe.«
»Müsste diese Wiedergutmachung nicht zuerst deinen MfA-Kollegen gelten?«
»Sicher, Lance, aber sie sind vermutlich noch viel weniger bereit, sie anzunehmen. Bei euch habe ich mir größere Chancen ausgemalt.«
»Wir werden sehen. Auf welcher Art von Fahrzeug kommst du mir denn da entgegen?«
»Lass dich überraschen. In zehn Minuten treffen wir uns.«
Ein mannshohes Gummirad rollt in aller Stille auf ihn zu. Es wird langsamer. Lance sieht, wie sein Profil den Marssand zermahlt. Dann bleibt es stehen. Etwas von dem Sand, den es mitgenommen hat, rieselt herunter. Lance macht einen Schritt nach vorn, um das Rad zu berühren. Durch den Handschuh hindurch spürt er die Wärme des Gummis. Das Profil sieht noch fast neu aus. Er lässt das Rad los und geht im Uhrzeigersinn um das Fahrzeug herum. Es besitzt zehn Achsen. Auch von der Seite wirkt es wie ein umgekippter Strommast. Etwa in der Mitte führt eine Leiter zur Kabine hinaus. Er sieht Ewa hinter dem Fenster winken, entscheidet sich aber, zunächst seinen Rundgang fortzusetzen.
Lance hat schon einen Verdacht, worum es sich bei dem Fahrzeug handelt. Unter der Kabine hat er nämlich das glänzende Metall eines Bohrgestänges entdeckt. Wenn man die Metallkonstruktion senkrecht aufstellt, gibt sie einen stabilen Bohrturm ab. Mit dem Gestänge kann man dann sicher tief in das Erdreich graben. Ewa hat ihnen einen mächtigen Bohrer mitgebracht, der vermutlich zwanzig Mal so leistungsfähig ist wie ihr eigener Bohr-Roboter.
»Willst du nicht reinkommen?«, meldet sie sich.
»Gibt es eine Schleuse?«, fragt er zurück. Er kann keine entdecken. Ohne Schleuse kann er die Kabine nur betreten, wenn Ewa zuvor ihren Raumanzug anlegt und die Atemluft ablässt, und das wäre Verschwendung.
»Nein, leider nicht«, sagt sie.
Hat er es doch geahnt. »Dann fahre ich einfach auf der Leiter mit. So weit ist es ja nicht mehr.«
»Wie du willst«, sagt Ewa. »Dann steig doch bitte auf!«
Lance greift nach der Leiter und zieht sich nach oben. Seine Position ist nicht besonders bequem, aber für eine halbe Stunde hält er das schon aus.
»Bin bereit für die Abfahrt«, sagt er.
»Dann geht es jetzt los«, antwortet Ewa.
Langsam beginnen sich die riesigen Räder wieder zu drehen. Lance verfolgt fasziniert, wie das Fahrzeug an Geschwindigkeit gewinnt. Von hier oben, drei Meter über dem Marsboden, kommt es ihm deutlich schneller vor als vorhin.
»Wie schnell sind wir unterwegs?«, fragt er.
»15 Kilometer pro Stunde.«
Also nicht schneller als ein Radfahrer. Lance dreht sich um. Er kann das andere Fahrzeug nicht erkennen, aber vermutlich folgt es ihnen. Bald sieht er den Pavillon, die Antennen und den KRUSTY.
»Pass auf, die Basis ist unterirdisch angelegt«, warnt er Ewa.
»Keine Sorge, ich war doch schon hier, hast du das vergessen? Ich werde hundert Meter Sicherheitsabstand lassen.«
»Danke«, sagt er. Kurz huscht ein Gedanke durch seinen Kopf: Was, wenn Ewa den Bohrer nicht rechtzeitig bremst, sondern damit einfach durch das Basis-Gelände kracht? Das würde das Dach der Zentrale nicht aushalten. Er müsste mit ansehen, wie seine Freunde und seine Geliebte, sterben. Aber nein, das wird nicht passieren. Trotzdem klettert er die Leiter noch ein paar Stufen nach oben. So ist er der Kabine näher und kann im Notfall versuchen, die Scheiben einzuschlagen, Ewa auszuschalten und die Steuerung zu übernehmen.
»Der Glaskasten da vorn ist aber neu«, sagt Ewa.
Lance ächzt, weil sein linker Arm, mit dem er sich an der Leiter festhält, eingeschlafen ist.
»Das ist unser Pavillon. Er ist über einen Tunnel von der Basis erreichbar und mit Atemluft gefüllt.«
»Das ist ja schlau. Dann könnt ihr euch auf der Oberfläche sonnen«, sagt Ewa.
»Theoretisch schon. Praktisch bekommen wir alle sowieso schon mehr als genug kosmische Strahlung ab, sodass ich mich lieber nicht noch ungeschützt in die Sonne legen würde.«
»Trotzdem, die Idee gefällt mir. Es sind jetzt übrigens nur noch fünf Minuten.«
»Gut.«
Lance wischt sich den Staub vom Helm. Bei jeder Umdrehung schleudern die Räder etwas davon in seine Richtung.
»Lance an Zentrale«, meldet er über den Helmfunk, »wir sind gleich da.«
»Ja«, antwortet Mike, »wir sind schon mit Ewa in Kontakt. Erwarten euch an der Oberfläche.«
In diesem Moment sieht Lance einen Menschen aus dem Mars kriechen. Es ist ein seltsames Bild, weil man von der Station selbst fast nichts bemerkt. Da ist nur plötzlich ein Wesen im Raumanzug, das vorher nicht da war. Inzwischen sind es zwei, und dann folgt ein drittes. Wer wer ist, kann Lance nicht erkennen.
Dann bemerkt er, dass das schwere Fahrzeug bremst. Er klettert ein paar Sprossen nach unten. Als das Fahrzeug Schrittgeschwindigkeit erreicht hat, springt er ab. Erst im Nachhinein realisiert er, dass das keine so gute Idee war. Wäre er dabei gestolpert, hätte ihn das nachfolgende Rad überrollen können. Er ärgert sich, dass er mal wieder so unüberlegt gehandelt hat.
Langsam rollt der Bohrer aus. Lance läuft hinüber zu seinen Kollegen. Sarah umarmt ihn zur Begrüßung.
»Ahnt ihr schon, was Ewa da mitgebracht hat?«, fragt er in die Runde.
»Ewa hat es uns gesagt. Es ist ein Bohrer, und was für einer«, sagt Mike.
»Ich musste sofort an die Grundwasservorräte denken, die Mike und Sharon zehn Kilometer östlich der Basis gefunden haben«, sagt Sarah. »Wenn wir die erschließen könnten, wäre unsere Nahrungsversorgung binnen zwei Monaten von unseren Vorräten unabhängig.«
»Wir sind nicht sicher, ob es sich wirklich um Grundwasser handelt«, sagt Mike. »Wir wissen bloß, dass da irgendetwas Funkwellen reflektiert. Freut euch also bloß nicht zu früh!«
»Was soll es denn sonst sein?«, fragt Sarah.
»Ein Erzlager vielleicht, oder einfach nur eine Trennschicht zwischen zwei Gesteinsarten.«
»Aber mit dem Bohrer könnten wir ohne großen Aufwand nachsehen, dann wüssten wir es.«
»Ja, das stimmt«, antwortet Mike.
»Sie steigt übrigens jetzt aus«, sagt Sharon.
Alle drehen sich zu dem Bohrfahrzeug um. Dann setzen sie sich langsam in Bewegung. Eine schmale Figur klettert die Leiter an der Seite herunter. Mike setzt sich an die Spitze der Gruppe. Als Kommandant ist er für die offizielle Begrüßung zuständig.
Ewa kommt ihnen langsam entgegen. Lance ist froh, dass er nicht die Begrüßungsworte sprechen muss.
»Hallo Ewa«, sagt Mike.
»Hallo Mike.«
»Ich ... es ist eine Überraschung, dich hier zu sehen. Schicker Anzug übrigens.«
»Das Leben steckt voller Überraschungen«, sagt Ewa. »Der Anzug ist neueste Spaceliner-Technik. Die Gelenke sind sogar kraftverstärkt.«
»Und du?«
»Ich bin nicht kraftverstärkt.« Ewa lacht. »Ich weiß schon, was du meinst. Ich dachte, bevor ich sinnlos sterbe, könnte ich doch versuchen, einiges wieder gutzumachen.«
»Das ist ein ehrenvolles Anliegen. Du musst verstehen, dass wir unsicher sind, was deine wahren Motive betrifft. Du warst bisher nicht gerade ehrlich in dieser Hinsicht. Bist du es jetzt?«
»Ich biete euch diese beiden Fahrzeuge an, ganz ohne Hintergedanken. Außerdem habe ich noch weitere Vorräte an Bord, unter anderem drei dieser großartigen Raumanzüge.«
Lance hat das Gefühl, dass Ewa Mikes Frage geschickt umschiffen will.
»Es ist ein Angebot«, sagt Ewa, »das euch das Überleben ganz sicher erleichtern wird. Ihr könnt eure Basis ausbauen. Die Zeiten werden nicht besser werden. Was ihr an Vorräten mitgebracht habt, wird irgendwann aufgebraucht sein. Bis dahin muss eure Basis autark funktionieren. Mit dieser Technik habt ihr einen guten Start.«
»Das stimmt«, sagt Mike.
»Aber ihr müsst es nicht annehmen, das ist klar. Vielleicht wollt ihr es an meine alten Freunde von der MfA weitergeben, das ist völlig okay.«
»Warum bringst du es ihnen nicht selbst?«
»Das ... kann ich nicht. Nein, falsch, sie würden es aus meiner Hand ganz bestimmt nicht annehmen. Von euch vielleicht eher.«
»Okay, das ist nachvollziehbar«, sagt Mike.
»Was ich mich vor allem frage, wenn du erlaubst, Mike«, sagt Sharon, »Wie können wir sicher sein, dass wir dir trauen können? Kannst du uns dazu irgendwelche Sicherheiten geben? Hat dich etwas umdenken lassen? Woher wissen wir, dass du übermorgen nicht wieder deine alten Gewohnheiten aufnimmst?«
Genau das fragt sich Lance auch. Er sieht Sarah nickend zustimmen.
Ewa seufzt. »Ich habe diese Frage befürchtet. Ich kann sie euch nicht erschöpfend beantworten, ohne dass ihr mich für verrückt haltet.«
»Du sprichst in Rätseln«, sagt Sharon.
»Ich weiß. Es ist auch für mich zum Teil noch ein Rätsel. Bitte gebt mir etwas Zeit, und ich werde es euch erklären können. Wenn ihr aber sofort Sicherheit wollt, dann kann ich euch etwas zeigen.«
»Ja, das wäre gut«, sagt Sharon.
Ewa seufzt noch einmal, dann nestelt sie an ihrer Werkzeugtasche. Sie holt einen Gegenstand heraus, der wie eine Waffe aussieht.
»He he he«, ruft Mike, der anscheinend als erster den Zweck des Gerätes erkannt hat. Er springt auf Ewa zu, wohl um ihr die Waffe zu entreißen.
»Warte«, sagt Ewa müde und hält sich den Lauf gegen die Brust. »Falls ich jemals wieder zu einer Gefahr für euch werde, drücke ich mit diesem Ding auf mich selbst ab. Versprochen.«
Das waren ehrliche Worte, denkt Lance. Sie wirkt sichtlich überzeugt, und er hat das Gefühl, dass sie ihr Versprechen erfüllen wird, wenn sie die Gelegenheit dazu hat. Aber er hat keine Ahnung, was dahinter steckt. Es klingt für ihn so, als sei Ewa für ihre mörderischen Handlungen gar nicht selbst verantwortlich – oder zumindest glaubt sie das. Völlig überzeugend findet er das allerdings nicht. Sie werden ein Auge auf Ewa haben müssen.
»Nun gut«, sagt Mike, »das war eine beeindruckende Vorstellung. Ich schlage vor, dass wir uns dann in der Zentrale weiter unterhalten.«
»Ich habe eine bessere Idee«, sagt Lance.