14. 8. 2042, Spaceliner 1
»Hi Terran,
kann ich dich kurz sprechen?«
Chad steht in der Tür der Kabine des schwarzen Technikers. Terran hat sich bereit erklärt, sich an dem kleinen Test zu beteiligen – vorausgesetzt, er wird dadurch nicht in ein schlechtes Licht gerückt. Chad kann es ihm nicht übel nehmen. Rick Summers, der Administrator, scheint ein Problem mit den Rechten von Minderheiten zu haben. Dadurch hat es Terran, der offen zugibt, schwul zu sein, sowieso schon nicht besonders leicht. Als Jean noch das Kommando hatte, meint er, hätte sie keine Form von Diskriminierung geduldet. Aber seit Summers das alleinige Sagen hat, muss Terran aufpassen, seinen Job nicht zu verlieren – obwohl das Schiff nach bald einem Vierteljahr im All Techniker wie ihn dringend braucht.
»Komm rein und mach die Tür zu«, antwortet Terran, wie sie es abgesprochen haben. »Muss ja nicht jeder hören.«
In den letzten Wochen haben sie sich öfter getroffen, um das heutige Gespräch wie eine normale Unterhaltung unter guten Bekannten wirken zu lassen.
Chad schließt die Tür und setzt sich auf Terrans Bett. In der Kabine ist es eng. Unter ihnen lauscht in diesem Moment ein Mikrofon. Sie wissen allerdings nicht, ob jemand die Unterhaltung live verfolgt oder ob alles aufgezeichnet wird.
»Und, was gibts?«, fragt Terran.
»Ich weiß nicht, ob ich dir das überhaupt erzählen sollte«, mein Chad. »Ich bräuchte einfach mal eine Stimme von jemand außerhalb des Führungszirkels, also von einem normalen Menschen wie dir.«
»Na, aber hoffentlich nichts Illegales? Dann werfe ich dich hochkant raus, das weißt du.«
»Terran, du kennst mich doch.«
»So gut nun auch wieder nicht.«
Terran spielt das Szenario wirklich überzeugend mit.
»Ich brauche bloß deine Meinung zu etwas, das ich gehört habe, okay? Ich lasse auch alle Namen weg, um dich nicht in Schwierigkeiten zu bringen.«
»Na gut, ja, unter dieser Bedingung. Von illegalen Sachen will ich nichts hören, Chad.«
»Ich doch auch nicht.«
»Dann fang schon an.«
»Nach der Schicht gestern war ich auf der Toilette«, beginnt Chad.
»Hoffentlich kommen jetzt keine unappetitlichen Details.«
»Nein, Terran. Ich war auf dem Klo, ganz ohne Details, Vorhang zugezogen, da haben sich auf der anderen Seite des Vorhangs zwei Typen unterhalten, der ...«
»Keine Namen, bitte.«
»Klar, Terran. Also der eine meinte, man müsste doch was gegen diesen aufgeblasenen Fatzke am Steuer unternehmen, nicht meine Worte, Terran, nicht meine Worte! Und noch schlimmer: der andere hat ihm zugestimmt.«
»Dann hast du die beiden hoffentlich gemeldet, Chad.«
»Nein, noch nicht, ich ... ach, es ist ein komisches Gefühl, zwei Kollegen anzuschwärzen, oder nicht? Ich meine, ich habe doch gar nichts in der Hand, ich habe sie nicht mal gesehen und kann mich bei der Stimme auch irren. Deshalb habe ich gedacht, ich gehe mal zu dem Treffpunkt, den sie genannt haben, unten im Versorgungstrakt, Ebene 7, Container 22B.«
»Bist du wahnsinnig, Chad?«
»Nein, ich verstecke mich da irgendwo. Ich kann doch nicht mit einem vom Klo aus belauschten Gespräch ankommen, und so bekomme ich vielleicht noch ein paar zusätzliche Details heraus. Das ist heute um 21 Uhr Standardzeit. Was hältst du davon?«
»Mann, das wäre mir wirklich zu heiß. Halt dich da lieber raus, du bringst dich nur in Schwierigkeiten«, sagt Terran.
Chad antwortet nicht. Er sitzt nur da und scharrt mit dem Fuß auf dem Boden.
»Hm«, sagt er schließlich. »Vermutlich hast du Recht. Ich danke dir, Kumpel. Muss dann mal zurück zur Schicht. Gute Freischicht noch.«
»Man sieht sich.«
Chad verlässt Terrans Kabine und schließt die Tür hinter sich. Dann gibt er Isaac über den selbstgebauten Funksender das vereinbarte Zeichen im Morse-Code.
Container 22B ist dunkel.
Er besteht aus Metall, das sein Inneres komplett umschließt. Nur hinten haben die Bleche ein Loch, das auf der Rückseite mit Container 48C verbunden ist. In dem Loch wartet eine winzige Kamera darauf, dass sich die Tür öffnet. Isaac hat die Kamera aus seinem alten Telefon entnommen, das er sowieso nicht mehr braucht, aber aus nostalgischen Gründen mit auf die Reise genommen hat: einem iPhone XXX, im Jahre 30 erschienen und damit hoffnungslos veraltet.
Pünktlich um 21 Uhr Standardzeit öffnet sich die Außentür des Containers. Ein Wachmann mit Uniform und Taser ist in der Öffnung zu erkennen, der den Container mit einer Taschenlampe ausleuchtet.
»Hier ist nichts, Sir«, sagt er.
»Sehen Sie lieber genauer nach«, antwortet die Stimme einer Person, die nicht im Bild auftaucht. »Wenn ich etwas finde, das sie übersehen haben, verpasse ich Ihnen persönlich eine Gehaltskürzung.«
»Es tut mir leid, aber der Raum ist leer.«
»Sie haben es so gewollt.«
Der Wachmann wird beiseite gestoßen und eine zweite Person erscheint im Türrahmen. Wer sie nicht schon an der Stimme erkannt hat, für den ist nun klar: Es ist Rick Summers, Administrator des Spaceliner 1. Summers besitzt ebenfalls eine Taschenlampe und leuchtet in alle Winkel. Doch auch er findet nichts – weil es nichts zu finden gibt.
»Zu schade«, murmelt Summers schließlich, »dieses Mal war es wohl falscher Alarm.«