3. 10. 2042, Spaceliner 1
»Rick?«
Er hebt seinen Arm. Die Flight Managerin ruft ihn. Rick hat gerade seinen Kontrollgang durch das Schiff begonnen. Jeder weiß, dass er ab 11 Uhr Standardzeit alle Bereiche inspiziert, und alle wissen, dass er dabei nicht gern gestört wird. Maggie Oh, die junge Flight Managerin, hat sich bisher als sehr kooperativ erwiesen. Rick vermutet, dass sie die Hoffnung hegt, irgendwann den abgesetzten Captain ersetzen zu dürfen. Wenn Maggie ihn trotzdem unterbricht, muss es wichtig sein. Also fragt er:
»Was gibt es, Maggie?«
»Ich habe hier die Nachricht einer Gabriella Fortini auf einem verschlüsselten Kanal. Das Signal wurde über den russischen Mars-Orbiter an uns geroutet.«
Fortini: Wenn er sich richtig erinnert, ist das die Ärztin des »Mars für Alle«-Projekts. Sie hatte sich bereit erklärt, mit ihm zusammenzuarbeiten. Dass ihre Nachricht über eine russische Sonde ging, passt dazu. Soviel er weiß, hat die MfA bei den Russen Sendekapazitäten angemietet, weil sie günstiger als alle anderen waren.
Rick entscheidet sich, die Inspektion abzubrechen. Die Ärztin wird nicht ohne Grund das Risiko eingehen, einen Funkspruch abzusenden. Er muss schleunigst wissen, was sie zu sagen hat. Es ist nur schade, dass er sich wegen der Entfernung noch nicht direkt mit ihr unterhalten kann.
»Maggie? Schicken Sie mir die Nachricht bitte in die Kabine.«
»Schon passiert.«
»Danke, Maggie, Sie machen Ihren Job wirklich gut. Aus Ihnen wird noch etwas«, sagt Rick und beendet die Verbindung.
Wenn sich die Frau nur auch privat noch ein bisschen entgegenkommender zeigen würde, denkt er, wäre sie vielleicht längst Captain. In dieser Hinsicht zeigt sie ihm allerdings die kalte Schulter. Aber Rick weiß, dass nur Hartnäckigkeit zum Erfolg führt. Sie zur Verbündeten zu haben, ist an sich schon eine Menge wert. Eine Frau für ihn wird sich schon noch finden.
Rick fliegt beinahe in seine Kabine zurück. Das Gefühl, dass wieder einmal einer seiner Pläne aufgeht, beflügelt ihn. Dass er den Triumph mit niemandem teilen kann, ist dabei nur ein Wermutstropfen.
Er schließt die Kabinentür. Dann nimmt er den Funkscanner aus dem Schreibtisch und kontrolliert jeden Winkel seiner Kabine. Wenn sich hier irgendwo eine Wanze befindet, die per Funk mit der Außenwelt kommuniziert, wird er sie finden. Er vergisst diese Prozedur nie, wenn er sein Zimmer betritt. Andere könnten schließlich auf ähnliche Ideen kommen wie er selbst. Aber er wird darauf nicht hereinfallen.
Die Kabine ist sauber. Rick ist zufrieden.
»Computer, Nachricht von Gabriella Fortini abspielen«, befiehlt er.
»Autorisierung erforderlich.«
Er hält sein Gesicht vor die Kamera, die das Muster seiner Iris erkennt und seine Körpertemperatur misst.
»Autorisierung erfolgt«, sagt die Automatenstimme. »Spiele Nachricht ab.«
Auf dem Bildschirm erscheint die wohl zum Sparen von Übertragungskapazität grob gerasterte Aufnahme einer Frau, deutlich über 30 und mit wallenden Haaren. Die Augenfarbe kann er nicht erkennen. Gabriella gefällt ihm. Und sie ist offensichtlich so klug, es sich mit den Mächtigen der plötzlich viel kleineren Menschheit nicht zu verscherzen. Das schmeichelt ihm.
»Hallo Rick«, sagt sie leutselig, »ich möchte die Chance eines unbeobachteten Augenblicks nutzen, Ihnen eine vielleicht wichtige Information zu geben. Eine ehemalige Angehörige des MfA-Projekts hat aus Ihrem Versorgungsschiff zwei Fahrzeuge gestohlen. Die Frau heißt Ewa Kowalska und ist von unserer Initiative verbannt worden. Sie handelt also weder im Namen der MfA noch hat sie unsere Unterstützung. Ich hoffe sehr, dass Sie dies bei unserer künftigen Zusammenarbeit berücksichtigen.«
Die Frau schüttelt ihre Haare. Rick ist ganz hin und weg.
»Aus praktischen Gründen ist es kaum möglich, mir zu antworten. Ich habe diese Übertragung ohne Mitwisser hier gestartet und hoffe, dass unsere direkte Verbindung auch Ihrerseits ein Geheimnis bleibt. Anderenfalls würde das meine Position hier beschädigen. Ich kann nicht verhehlen, dass der Megakonzern hinter ihrem Projekt unter den MfA-Angehörigen kein allzu großes Ansehen genießt. Wir werden noch gemeinsam an der Überzeugung arbeiten müssen, dass nur eine Konzentration aller Ressourcen das langfristige Überleben der Menschheit sichern kann.«
Ja, Mädchen, da hast du verdammt Recht. Und die Konzentration wird in meinen Händen stattfinden.
»Damit verabschiede ich mich bis zu unserer persönlichen Begegnung in sechs Wochen.«
Ciao, bella, denkt er. Ja, ich bin schon sehr gespannt, dich persönlich kennenzulernen. Italienerinnen sollen ja besonders feurig im Bett sein. Dann kann ihm die kühle Maggie gestohlen bleiben.