5. 10. 2042, Spaceliner 1
»Mensch, Terran ...«
Terran legt den Finger auf die Lippen. Maggie bleibt in der Tür stehen und sieht ihn verwundert an. Er zeigt ihr noch einmal, dass sie nichts sagen soll. Dann kniet er sich vor sein Bett und zieht den Kasten mit der Wäsche heraus. Die Wanze liegt auf den Unterhosen. Terran greift nach der kleinen Kiste daneben und öffnet sie. Dann nimmt er die Wanze, legt sie auf dem weichen Polster der Kiste ab und schließt den Deckel. Er schiebt den Bettkasten zurück und winkt Maggie, damit sie hereingeschwebt kommt und die Tür schließt.
Sie umarmen sich. Es fühlt sich komisch an; Maggie erreicht kaum seine Schultern. Sie kommt ihm vor wie die Tochter, die er nie haben wird, dabei ist sie genauso alt wie er. Kennengelernt haben sie sich an der Universität.
Terran zeigt auf den Bettkasten.
»Summers hört mich ab«, flüstert er. »Die Wanze ist jetzt gut isoliert, wir sollten aber trotzdem nicht so laut reden.«
»Der Administrator?« Maggies Gesicht rötet sich, was bei ihrer Hautfarbe herzallerliebst aussieht. Terran mag sie wirklich. Ihr Wesen ist dem seiner Schwester sehr ähnlich.
»Ja, das Schwein. Tut die ganze Zeit, als sei er mein bester Freund.«
»Wie bist du darauf gekommen?«
»Zufällig beim Aufräumen«, lügt Terran. Er belügt Maggie nicht gern, will ihr aber auch nichts von Chad, Jean und Isaac erzählen. »Sie war ganz hinten an der Unterseite des Deckels festgeklebt. Am besten, du kontrollierst deine Kabine auch mal.«
»Aber woher weißt du, dass Summers dahinter steckt?«
Maggie ist klug, sie stellt die richtigen Fragen.
»Wir haben einen Versuch gemacht. Es ist ganz eindeutig.«
»Wir?«
Terran winkt ab. Maggie lächelt.
»Verstehe«, sagt sie. »Ein andermal.«
»Ganz genau«, sagt Terran. »Und wie geht es dir?«
»Ich wollte mich gerade bei dir ausheulen. Passt es jetzt?«
»Ja, für dich habe ich immer Zeit, das weißt du doch.«
»Danke. Du erinnerst mich so an meinen großen Bruder. Ich bin dir wirklich dankbar. Es ist gerade so anstrengend in der Zentrale, weißt du. Dauernd muss man aufpassen, was man sagt. Seit Jean weg ist, wollen sich anscheinend alle bloß noch bei Summers einschleimen. Er ist aber auch sehr geschickt. 'Das hast du gut gemacht, aus dir wird noch was.' Dauernd verteilt er solche Komplimente, die wie Versprechen klingen, und dann kommen wieder die Drohungen, dass es einem ergehen könnte wie Jean.«
»Oh, ich glaube, dem Captain geht es heute besser denn je«, sagt Terran.
»Das kann ich mir vorstellen«, meint Maggie. »Immerhin ist sie dem Irrsinn in der Zentrale entkommen und hat nun meist mit normalen Menschen zu tun. Was ich mir allein dauernd an Anmachsprüchen anhören muss!«
»Von Summers?«
»Ja, ich ignoriere alles und lächle dazu, aber du glaubst kaum, wie schwer es mir fällt, ihm nicht mal die Meinung zu sagen.«
»Soll ich ihm mal die Meinung ins Gesicht sagen?«
Terran hebt seine Faust und lässt die Fingerknöchel knacken.
»Lass mal«, Maggie lacht, »das bringt dich doch nur in Arrest. Aber sehr nett von dir. Wenn es mir zu viel wird, setze ich ihn schon selbst mit ein paar Griffen außer Gefecht.«
Terran erinnert sich noch gut an die Studienzeit. Sie hatten zusammen auch Kampfsport-Kurse belegt, und Maggie hatte sich als sehr talentiert erwiesen.
»Es ist wohl am besten, wenn du es schaffst, den Status Quo zu bewahren. Es muss ein paar vernünftige Leute in der Zentrale geben. Wenn es mal ernst wird, sitzt die Zentrale am längeren Hebel.«
»Was meinst du damit? Wann sollte es ernst werden?«
»Ich habe nichts Konkretes im Sinn. Falls der Administrator es irgendwann übertreibt, meine ich. Er scheint mir auf dem besten Weg dahin. Wusstest du, dass er verboten hat, dass Menschen des gleichen Geschlechts sich umarmen oder Hand in Hand gehen? Das diene der Stärkung des Überlebenswillens der Menschheit, behauptet er. Unter besonderen Umständen wie jetzt müssten sich auch Schwule und Lesben bereitfinden, sich in die natürliche Fortpflanzung einzubringen.«
»Nein, davon habe ich noch nichts gehört«, sagt Maggie.
»Er verteilt diese Anordnung nicht an Heteros«, erklärt Terran, »oder die, die er dafür hält.«
»Teile und herrsche«, sagt Maggie. »Mit den Leuten auf dem Mars versucht er es ähnlich. Er hat die NASA- und die MfA-Crews angestachelt, sich bei ihm als Spione zu bewerben.«
»Und das hat funktioniert?«
»Ich glaube schon. Gerade neulich kam eine verschlüsselte Botschaft direkt an ihn herein. Ich konnte den öffentlichen Schlüssel zuordnen. Er gehört einer Gabriella Fortini. Laut öffentlichen Unterlagen ist sie Bordärztin der MfA.«
»Gut zu wissen. Vielleicht sollte jemand ihre Freunde warnen«, sagt Terran.
»Wegen einer Nachricht, deren Inhalt wir nicht kennen?«
»Du hast Recht, damit würden wir uns auf Summers’ Stufe begeben. Hast du denn eine Ahnung, worum es gehen könnte?«
»Vor einer Weile hat das Versorgungsschiff von dort unten gemeldet, dass es einen Einbruch gegeben habe. Vielleicht ging es darum«, sagt Maggie.
»Das ist interessant. Offiziell hat der Administrator das aber nie bekannt gegeben, oder?«
»Nein, er befürchtet wohl, das könnte seine Autorität untergraben.«
»Das passt zu ihm«, sagt Terran.
»Darf ich dich noch einmal umarmen, bevor ich wieder zum Dienst gehe?«
»Gern, Maggie.«
Sie legt die Arme um ihn, und er hält sie fest. Terran beugt den Kopf nach unten. Ihre Haare riechen nach Honig. Er ist dem Leben dankbar.