Sol 145, NASA-Basis
»Und ... jetzt«, ruft Mike.
Ewa stemmt sich gegen den Boden und zieht am Seil des Flaschenzugs. Langsam, fast in Zeitlupe, richtet sich der Turm auf. Ganz allein hat sie das 30 Meter hohe Bauwerk aus Stahl unter Kontrolle. Es ist beeindruckend, was die Muskelkraftverstärker ihres Anzugs gemeinsam mit der geringen Mars-Schwerkraft und den physikalischen Tricks des Flaschenzugs ausrichten können. Sie zieht und zieht; es ist Teil des Tricks, dass sie viel mehr Seillänge bewegt, als sich der Turm aufrichtet. Ewa kommt ins Schwitzen, aber die Anstrengung ist auch nicht so groß, dass sie befürchten müsste schlappzumachen.
Sie haben sich Zeit gelassen mit dem Projekt, den Bohrturm an anderer Stelle neu zu errichten. Sie haben aus dem Material des alten einen neuen Turm zusammengeschweißt und die Aufhängung des Bohrkopfes erneuert. Sharon hatte Recht behalten: Die Schäden waren reparabel gewesen. Sogar die NASA-Basis ist inzwischen wieder voll funktionsfähig. Im Garten erwartet Sarah in den nächsten Tagen die erste bescheidene Ernte. Die verunglückte Bohrung hat sie am Ende gut einen Monat Zeit gekostet. Angesichts dessen, dass sie noch viele Jahre hier verbringen müssen, ist das nicht viel.
»Achtung«, ruft Mike per Funk, »Kurze Pause in drei – zwei – eins – jetzt!«
Ewa hält das Seil straff und beobachtet den Turm. Er kippelt ganz leicht, dann steht er auf seinen vier Füßen. Er ist nicht ganz senkrecht, weil der Untergrund nicht eben ist, aber das spielt keine Rolle. Sie wollen ihn ja nur auf dem Transportfahrzeug ablegen. Im aufgerichteten Zustand passt der Turm zwar nicht ganz, aber Lance hatte die Idee, dass der Transporter ihn ja auch einfach mit auf dem Boden liegenden Füßen über die Mars-Oberfläche schleifen kann, so wie ein nicht ganz so kräftiger Mann seinen schwereren und total betrunkenen Saufkumpan abschleppt, indem er ihn unter den Achseln ergreift.
»Langsam kommen lassen«, ruft Mike über den Helmfunk.
Ewa hat ihren Standort geändert. Sie befindet sich auf halber Höhe des Hanges und hält nun mit dem Seil gegen die Schwerkraft, die den Turm nach unten ziehen will. Lance hat mit einem hydraulischen Wagenheber den Fuß des Turms angehoben, bis die ganze Konstruktion ins Kippen geriet. Ewa ist nun dafür zuständig, dass die Spitze sanft auf dem Fahrzeug landet. Die Anstrengung ist die gleiche wie vorhin. Diesmal hat sie aber eine bessere Aussicht.
Während sie das Seil langsam durch ihre Hände gleiten lässt, betrachtet sie den Horizont. Obwohl der Himmel generell staubarm ist, sind im Osten gleich drei Staubteufel unterwegs, einer größer als der andere. Sie denkt sich an ihre Messung. Was mag mit der Messstange geschehen sein? Ob sie irgendwann noch einmal als Forscherin über den Mars wandern wird? Sie hilft der NASA-Crew gern bei der Arbeit, aber noch lieber wäre sie mit der Lösung eines wissenschaftlichen Problems befasst. Auf Dauer, macht sie sich Hoffnung, wird der Mensch nicht auf dem Mars leben können, ohne seine Rätsel gelöst zu haben.
»Und aus!«, ruft Mike.
Im gleichen Moment merkt sie es auch. Das Seil verliert jede Spannung. Der Turm hat auf der Ladefläche aufgesetzt.