Im Pariser Salon des Jahres 1817, dem ersten unter der Restauration, wies in den Augen des Publikums nichts auf eine Veränderung hin. Trotz des Exils von Jaques-Louis David stellten dieselben Meister aus, die Verteidiger derselben Lehren. Zu ihnen gesellten sich junge Leute, ihre Schüler und Nachahmer, fähige Epigonen für den guten Zweck. Es wurde zweifellos bedauert, dass die Politik wieder einmal ihre Themen aufgedrängt oder vorgeschlagen hatte, Themen, die wenig zum Auftrag der Kunst passten: historische Anekdoten oder religiöse Inhalte. François-Pascal Gérard hatte Die Ankunft Heinrichs IV in Paris ebenso feierlich dargestellt wie einst den Zehnten August. Es zeigte sich mittlerweile auch schon ein gewisser Überdruss, zwar hatten einige Künstler mit zögerndem Mut ein paar dramatische oder mit Lichteffekten versehene Szenen entworfen, aber alles in allem war dies doch recht wenig. Der junge Horace Vernet lieferte zwar mit seiner Schlacht bei las Navas de Tolosa ein großartiges Gemälde, er war jedoch ein Einzelfall, und die Statue Grand Condé des Bildhauers David d’Angers weckte lediglich die Neugier.
Und dennoch hinterfragte sich zu dieser Zeit eine nervöse, erregbare und unruhige Jugend in den Ateliers und im Louvre und suchte nach der Zukunft. Sie ahnte, ohne sich der genauen Gründe dafür bewusst zu werden, dass sich das Leben aus den Formeln, die ein halbes Jahrhundert lang die Größe der französischen Kunst ausgemacht hatten, zurückgezogen hatte. Die einst darin enthaltene Seele gab ihnen keinen Halt mehr. Was blieb, waren die historisch ehrwürdigen, aber veralteten akademischen Regeln. Auf diese Jugend konnten die berühmten Professoren nicht mehr einwirken. Sie suchte ziellos oder orientierte sich, wie es manchmal vorkommt, wenn man nicht mehr weiter weiß, an einem Kollegen, der scheinbar einen Moment lang inspiriert war.
Aber plötzlich zeigte sich die bisher verborgen gebliebene Arbeit, und im Salon von 1819 war Théodore Géricaults Floß der Medusa ein unerhörter Skandal. Allein die Größe dieser Leinwand mit etwa 419 *716 cm war eine Herausforderung, sie besaß eine Autorität, die sich selbst jenen aufdrängte, die sich über sie aufregten. Nun konnte es nicht mehr so weitergehen, der Kampf hatte begonnen. Théodore Géricault verleugnete darin alles, was bisher von der Französischen Schule hoch gehalten worden war: die Hierarchie der Genres. Er verlieh doch tatsächlich einem Ereignis des Zeitgeschehens die Größe einer Heldensage, durch das schöne Ideal, durch die Überlegenheit der Zeichnung, die klare Geschlossenheit, die ausgeglichene Anordnung und durch die Gelassenheit. Dieses mächtige und kraftvolle Gemälde verkündete die Freude am Malen, den Anspruch der Bewegung, des Dramas, des Lebens. Über Davids Themenwahl hinausgehend, stützte es sich auf die Lehren der Vergangenheit und verkündete, gestärkt durch die Tradition, an die es anknüpfte, eine freie Kunst. Die Kritiker, die ansonsten Freude daran hatten, dass die anekdotischen und die religiösen Themen überhand nahmen, stöhnten, und die Jugend nahm Géricault begeistert als ihren Bannerträger auf. Sicher teilten nur wenige seine Instinkte eines epischen Realisten, aber er ist mit seinem Beispiel allen vorangegangen und hat sie ermutigt, sich zu behaupten.
Géricault übte eine eigenartige Anziehungskraft auf alle aus, die ihm näher kamen, auch auf den jungen Eugène Delacroix. Seine Zeichnungen, Gouachen und Aquarelle gingen in eine Richtung, die oft die Intuition von Gros bestätigte. Gleichzeitig eröffnete er in einem anderen Bereich neue Wege. In der 1796 erfundenen Lithographie hatte es bisher nur zaghafte und unvollkommene Versuche gegeben. Géricault griff sie auf und legte mit bewundernswerter Sicherheit alle ihre Möglichkeiten dar. Farbig, fettig, geschmeidig, und wenn es sein musste, überschwänglich, bot die Lithographie, die David und seinen Schülern schlechte Dienste geleistet hätte, der aufgeregten Jugend ihre Komplizenschaft. Géricaults Werk war dauerhaft und tiefgehend, aber nach der Medusa zog er sich zurück. Im Salon von 1822 stellte er nicht mehr aus und starb Anfang 1824 an den Spätfolgen eines Reitunfalls.
Noch vor seinem Tod hatte ein anderer die Fackel übernommen. Dante und Vergil in der Hölle wurde 1822 im Salon ausgestellt, und damit wurde Eugène Delacroix berühmt. Und mit ihm traten andere an, die für eine vorübergehende Prominenz sorgten: Richard Parkes Bonington, Charles-Emile Champmartin, Xavier Sigalon, Camille Roqueplan, Ary Scheffer und Achille Devéria.
Im Salon des Jahres 1824 ging es nicht mehr um Einzelerscheinungen, denn die Bewegung hatte sich bereits verallgemeinert und damit stand mit den auftretenden Romantikern die Ausrichtung der Kunst auf dem Spiel. Als ob sie den Erneuerern zusammen mit Bonington zur Seite stehen wollten, stellten auch Copley Fielding, John Constable und Thomas Lawrence aus.
Die Schule machte Front gegen diese Abtrünnigen und Provokateure. Sie musste sich auf einen Kampf einlassen, der für die Künstler viel härter als für die Schriftsteller war. Victor Hugo und seine Mitstreiter hatten es mit abgenutzten, veralteten Formulierungen und mit mittelmäßigen Schriftstellern zu tun. Man schleuderte ihnen Beleidigungen oder Beschimpfungen entgegen, aber keine Werke. Die Schule, deren Untergang die Künstler betrieben, war immer noch zu lebendig, schließlich hatte sie bis vor kurzem noch Begeisterung hervorgerufen. Girodet trug auf dem Salon von 1819 mit Pygmalion noch einen glänzenden Erfolg davon. Aber die Zeit arbeitete gegen die Schule, und seit dem Exil Davids hatte niemand mehr die notwendige Autorität und Handlungsfähigkeit, der Jugend die Disziplin beizubringen, sie zu vereinen und ihr das Vertrauen in die bewährte Lehre zurück zu geben. Sie brauchte einen Anführer. Man wandte sich an den bis gestern noch ausgeschlossenen Ingres.
Die zusammen mit Roger befreit Angelika auf dem Salon von 1819 ausgestellte Große Odaliske wurde als systematische, die Kunst zu ihren Anfängen zurückführende Verfehlung abgetan. Die Erneuerer nahmen Ingres mit Sympathie auf. Durch den Schwur Ludwigs XIII. kam es im Salon des Jahres 1824 in der Haltung der Orthodoxen zu einer unerwarteten Änderung zu Ingres’ Gunsten. Er erschien als der benötigte Retter. Man dachte nicht mehr an den persönlichen Charakter seines Genies, sondern nur noch an sein Wissen und an seine Energie.
Ingres wurde 1825, im Krönungsjahr Karl X., Mitglied des Instituts de France. Die Krönungszeremonie wurde im gotischen Stil ausgestattet: mit einer Galerie vor der Fassade der Kathedrale von Reims und Tribünen in deren Innerem. Bei dieser festlichen Gelegenheit wurde der Triumph des gestern noch verachteten Mittelalters bestätigt. Alles hatte zu dieser Umkehrung beigetragen: Die Religion und die Politik waren daran interessiert und die Entwicklung der Geschichtswissenschaften unterstützte sie, und Victor Hugos Roman Notre-Dame de Paris sollte 1831 die Begeisterung zu einem Höhepunkt führen. Sie zeigte sich dann überall: in den Ideen der Künstler und der Schriftsteller, in der Mode, in den Möbeln und im Nippes.