Erstes Kapitel
Diese gegenseitige Gezwungenheit war von großem Einfluss auf mein Wesen. Obgleich ich ebenso schüchtern war wie er, wenn auch lebhafter, da ich jünger war, so gewöhnte ich mich bald daran, alles, was ich empfand, in mich zu verschließen, meine Pläne in aller Einsamkeit zu gestalten und bei ihrer Ausführung nur auf mich allein zu zählen und die Meinung, die Teilnahme, den Beistand, ja selbst die bloße Gegenwart anderer als Hemmnis zu betrachten. Ich hegte die angenommene Gewohnheit, niemals von dem zu sprechen, was mich gerade beschäftigte, mich der Unterhaltung nur wie einer lästigen Notwendigkeit zu unterziehen, und sie daher mit unaufhörlichen Spöttereien zu beleben, die mir gleichzeitig helfen sollten, meine wahren Gefühle zu verbergen. Von jener Zeit her haftet mir ein gewisser Mangel an Offenheit an, den mir noch heute meine Freunde vorwerfen, und die Unfähigkeit zu ernster Unterhaltung, die ich stets nur mit Mühe überwinde. Gleichzeitig entsprang daraus ein heftiges Verlangen nach Unabhängigkeit, ein wahres Unbehagen den mich umgebenden Verwandtschaftskreisen gegenüber und eine unbezwingliche Furcht, dass neue Beziehungen daraus erwachsen könnten.
Ich fühlte mich nur wohl, wenn ich ganz allein war, und noch heute wirkt jener Seelenzustand derart nach, dass selbst in den geringfügigsten Angelegenheiten – wenn ich zwischen zwei Dingen die Wahl treffen soll – der Anblick eines menschlichen Angesichts mich verwirrt und meine erste Eingebung die ist, ihm zu entfliehen, um in friedlicher Stille mit mir zu Rate zu gehen. Trotzdem besaß ich keineswegs jene ausgeprägte Sehnsucht, die solch ein Charakter vorauszusetzen pflegt. Obgleich ich mich nur mit mir selbst beschäftigte, lag mir wenig an meiner Person. Im Grunde meines Herzens barg ich eine Neigung zur Empfänglichkeit, deren ich mir jedoch keineswegs bewusst war, die aber, da sie vollkommen unbefriedigt blieb, mich in der Folge von allen Gegenständen wieder abhängig machte, die meine Aufmerksamkeit erregt hatten. Bestärkt wurde diese allgemeine Gleichgültigkeit noch durch den Gedanken an den Tod, einen Gedanken, der mich schon in frühester Jugend gepackt hatte und von dem ich nie begriffen habe, wie die Menschen ihn sich so leichtfertig aus dem Sinne schlagen können.