Friedrich von Schlegel
 (1772 bis 1829)

Philosophie des Lebens

 

 

 

Erste Vorlesung

Von der denkenden Seele, als dem Mittelpunkt des Bewusstseins, und von dem falschen Weg der Vernunft.

 

„Es gibt viele Dinge im Himmel und auf der Erde“ heißt es bei einem eben so geistreichen als tiefsinnigen Dichter, „… wovon sich unsere Philosophie nichts träumen lässt.“ – Dieser zufällig hingeworfene genialische Ausspruch ist auch auf unsere jetzige Philosophie größten Theils noch anwendbar, und ich möchte ihn mit einer geringen Veränderung ganz zu dem meinigen machen; indem ich für meinen Endzweck nur noch hinzu setzen würde: und auch „… zwischen Himmel und Erde“ gibt es viele solche Dinge, von denen unsere Philosophie sich nichts träumen lässt. Eben weil die Philosophie mehrentheils nur träumt, wissenschaftlich träumt, weiß sie so vieles nicht, ahnet gar nichts davon, was sie eigentlich wissen sollte. Sie verliert ihren wahren Gegenstand aus den Augen, verliert den festen Grund und Boden, auf dem sie sicher stehen und ungehindert wirken könnte, wenn sie die ihr eigentümliche Region verlässt, und immer während nur auf der einen Seite sich in den Himmel versteigt, dort allerlei metaphysische Luftgebäude oder dialektische Hirngespinnste bildet oder sich in die Erde verirrt, und gewaltsam in die äußere Wirklichkeit eingreifend, da alles nach ihren Ideen neu gestalten uud reformiren will. Zwischen diesen beiden Abwegen würde der rechte Weg in der Mitte liegen, und die eigentliche Region der Philosophie ist eben die des geistigen inneren Lebens zwischen Himmel und Erde.