George Gordon Byron, Lord Byron
 (1788 bis 1824)

Gebet der Natur

 

 

 

Erhabner Vater aller Leben,

Hörst du mein flehendes Gebet?

Kann deine Gnade wohl vergeben,

Wenn Sünde reuig zu dir fleht?

 

Ach, Herr des Lichtes, hör’ mein Lallen,

du siehst, wie mich die Nacht umhüllt;

Ohn’ dich kann nicht ein Sperling fallen:

Verscheuche mir des Todes Bild.

 

Ich bete nicht mit einer Sekte;

Stets war es deine Allmacht nur,

Die mich erhob und mich erschreckte,

Drum schone deiner Kreatur!

 

Der Frömmling liege vor Altären,

Der Heide vor dem Götzenbild,

Der Priester mag durch Fabeln lehren,

In deren Dunst sich Gott verhüllt.

 

Soll Menschenweisheit sich beschränken

Auf eines got’schen Domes Nacht?

Ich kann dich nur im Lichte denken

Und die Natur in deiner Macht.

 

Soll Menschenweisheit Höllen schaffen,

Und drohet, weil ein Adam fiel,

Uns allzumal als Adams Affen

Der ähnlichen Verdammung Ziel?

 

Soll Gott nur denen Gnade schenken,

Die alle rings erbarmungslos

Verketzern, welche anders denken

Und nicht auf Worte schwören bloß?

 

Soll brüsten sich ein eitler Glaube,

Nur er sei auf der rechten Bahn?

Und soll der Wurm im niedern Staube

Urteilen über Gottes Plan?

 

Ha! Sollen die, sich selbst ergeben,

Einschlürfen aller Laster Wein,

Entscheiden über Tod und Leben

Und aller andern Richter sein?

 

Nicht fordre ich, was Propheten fordern;

Gott, dein Gesetz ist die Natur;

Ich fühle Flammen in mir lodern,

Die deine Gnade tilget nur.

 

Du, der die Sterne weiß zu leiten

In Bahnen durch des Äthers Reich,

Der stillt der Elemente Streiten,

Vor dem der Pol dem Pol ist gleich;

 

Du, der du mich ans Licht gerufen,

In dessen Hand mein Ende liegt,

Erhebe mich von Stuf’ auf Stufen,

Damit die Tugend in mir siegt!

 

O, höre meines Flehens Lallen,

Mag Weh, mag Lust mein Schicksal sein,

Mit dir nur will ich steigen, fallen,

Und dir vertrau’ ich ganz allein.

 

Kehrt wieder dieser Staub zum Staube,

Und schwingt mein Geist sich himmelan,

Dann triumphiert und jauchzt mein Glaube

Und wird mit Lob und Preis dir nah’n.

 

Doch sollten meine Lebengeister

Tot mit dem Leib im Grabe ruhn:

Verehr’ ich – lebend noch – den Meister,

Dem ich gewidmet all mein Tun.

 

Dir tönen meines Preises Lieder,

Ich danke dir für jede Lust;

Ich weiß, ich finde einst +dich wieder,

Und bin dann dein mit ganzer Brust.

29. Dezember 1806.