Aurore Dupin, Baronin Dudevant,
genannt George Sand
 (1804 bis 1876)

Das Teufelsmoor

 

 

 

Die Landarbeit

 

Ich hatte lange und mit großer Schwermut Holbeins Landmann betrachtet und wandelte nun durch die Landschaft und dachte über das Landleben und über das Schicksal des Landmanns nach. Es ist sicher traurig, seine Kräfte und seine Tage opfern zu müssen, um in diese missgünstige Erde, die sich die Schätze ihrer Fruchtbarkeit nur entreißen lässt, einzudringen, wenn dann am Tagesende ein Stück schwärzesten und gröbsten Brotes die einzige Entschädigung und der einzige Ertrag für eine so harte Arbeit ist. Die Reichtümer, die der Boden trägt, die Ernten, die Früchte, die stolzen Tiere, die sich an den hohen Gräsern mästen, sind das Eigentum Einzelner und die Ursache zur Ausnutzung und Knechtschaft der Mehrzahl. Der Müßiggänger liebt um ihrer selbst willen für gewöhnlich weder Felder noch Wiesen, noch die Naturschauspiele oder das prächtige Vieh, das sich für ihn Goldstücke verwandeln muss. Der Müßiggänger möchte bei seinem Aufenthalt auf dem Lande nur etwas frische Luft atmen und seine Gesundheit kräftigen, dann kehrt er in die großen Städte zurück, um die Früchte der Arbeit seiner Vasallen zu vergeuden.

Der arbeitende Mensch ist zu beschäftigt, zu unglücklich und zu sehr um seine Zukunft besorgt, um sich an der Schönheit der Landschaft und an den Reizen des ländlichen Lebens erfreuen zu können. Auch für ihn bedeuten die goldenen Felder, die schönen Wiesen und das prächtige Vieh Säcke voller Taler, an denen er nur in bescheidenem Maße Anteil hat, was aber für seine Bedürfnisse nicht ausreicht; und dennoch heißt es für ihn jedes Jahr diese verfluchten Säcke füllen, um seinen Herrn zufrieden zu stellen und sich das Recht zu erkaufen, kärglich und elend auf seiner Besitzung leben zu dürfen.

Und doch ist die Natur ewig jung, schön und freigiebig. Sie verleiht allen Wesen und allen Pflanzen, die man ungehindert sich entwickeln lässt, Poesie und Schönheit. Sie besitzt das Geheimnis des Glückes, das ihr noch niemand hat entreißen können. Der glücklichste Mensch wäre jener, der durch das Verstehen seiner Arbeit und durch das Wirken seiner Hände sein Wohlbefinden und seine Freiheit aus dem Gebrauch seiner Verstandeskräfte schöpfte und noch dazu mit Herz und Verstand zugleich zu leben, sein Werk zu verstehen und das Gottes zu lieben wüsste.

Der Künstler erlebt bei der Betrachtung und Wiedergabe der Naturschönheiten Freuden dieser Art, doch wird ihm, dem das Herz am rechten Fleck sitzt und der menschlich fühlt, seine Freude angesichts der Leiden der Menschen, die dieses Paradies auf Erden bevölkern, getrübt. Das Glück wäre dort vollkommen, wo unter den Augen der Vorsehung Geist, Herz und Hände gemeinsam eine wohltuende Harmonie zwischen der Freigebigkeit Gottes und den Freuden der menschlichen Seele bildeten. Alsdann könnte der Maler von Allegorien statt des erbärmlichen und grausigen Todes, der mit der Peitsche in der Hand in des Landmanns Furche schreitet, ihm einen strahlenden Engel zur Seite stellen, der mit vollen Händen das gesegnete Korn in die dampfende Furche sät.

Der Traum eines friedlichen, freien, poesievollen arbeitsamen und einfachen Daseins für den Mann vom Lande ist nicht so undenkbar, dass man ihn als Hirngespinst abtun müsste. Der traurige und sanfte Ausspruch Vergils: „Glücklich wäre der Landmann, wenn er um sein Glück wüsste!“, drückt eine Klage aus, ist aber auch, wie alle solche Klagen, eine Voraussage. Der Tag wird kommen, da auch der Landmann Künstler sein kann, wenn auch nicht, um all das Schöne wieder zu geben (was überdies weniger zu bedeuten hat), wohl aber, um wenigstens mit zu empfinden. Sollte man nicht meinen, dass diese geheimnisvolle unmittelbare Erkenntnis der Poesie nicht schon als etwas Naturgemäßes, als unbewusste Träumerei in ihm ruht?

Bei all denen, die in unseren Tagen etwas Wohlstand begünstigt und bei denen das Übermaß des Unglücks nicht jede sittliche und geistige Entwicklung erstickt, ist das empfundene und als solches erkannte reine Glück in einem Anfangsstadium. Und wenn, aus Schmerzen und Daseinsmüdigkeit geboren, schon Stimmen von Poeten laut wurden, warum sollte man da sagen, die Hände der Arbeit schließe Regungen der Seele aus. Gewiss könnte übermäßige Arbeit und unüberwindliches Elend einen solchen Ausschluss herbeiführen; doch sage man nicht, dass, wenn der Mensch in vernünftigem und nutzbringendem Maße arbeitete, es nichts als schlechte Arbeiter und schlechte Poeten mehr gäbe. Der ist ein wahrer Poet, der aus dem Gefühl für Poesie reinen Genuss schöpft, und hätte er auch in seinem Leben nicht einen einzigen Vers geschrieben.