Tom und Elenna schlugen ihr Lager hinter ein paar Felsen auf, außer Sichtweite des Dorfs. Auf dem aschebedeckten Boden waren Fußspuren zu erkennen. Sie mussten von den geflohenen Dorfbewohnern stammen.
Tom und Elenna ließen sich am Lagerfeuer nieder, das Tom entfacht hatte, und aßen. Die Flammen erschienen winzig gegen die sprudelnde Lava, die in der Ferne aus dem Vulkan schoss und den Himmel grell erleuchtete. „Der Baum des Seins ist irgendwo da draußen“, dachte Tom beunruhigt. „Ich hoffe, Sanpao hat ihn noch nicht gefunden.“
„Und wie sollen wir die Piraten ins Gefängnis bringen?“, fragte Elenna zwischen zwei Bissen.
Tom nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. „Sie haben so viel Essen und Trinken gestohlen, dass sie bald satt und betrunken einschlafen werden. Dann nehmen wir ihnen die Waffen weg und locken sie damit ins Gefängnis“, erklärte Tom.
Elennas Augen leuchteten vor Begeisterung auf. „Wir überfallen die Plünderer!“
Tom sprang auf. „Es ist dunkel genug“, sagte er. „Komm, je schneller wir hier fertig sind, desto schneller können wir mit unserer Mission weitermachen. Und Sanpao hat dann weniger Männer, die uns aufhalten können.“
Elenna schob mit dem Fuß Erde über das Feuer, um es zu löschen. Tom schwang seinen Schild über die Schulter, stellte einen Fuß in den Steigbügel und zog sich in den Sattel hoch.
Die Freunde ritten zurück zum Dorf. Tom blinzelte in die Dunkelheit. Auf den Mauern standen keine Piraten mehr. Elenna und Tom ließen die Pferde anhalten und lauschten einen Moment. Alles war still. Nur das dumpfe Rumpeln des Vulkans war zu hören.
„Die Piraten schlafen wohl alle und sie haben nicht einmal Wachen aufgestellt. Wahrscheinlich denken sie, wir seien längst über alle Berge“, wisperte Tom.
Er lenkte Storm direkt neben die Mauer. Tom stellte sich im Sattel auf und streckte die Hände nach der Maueroberkante aus. Er bekam einen Spalt im Stein zu fassen. Er ging in die Knie, sprang und warf das linke Bein über die Mauer. Schnell zog er sich hoch und kletterte über die Brüstung.
Er landete auf einem Vorsprung, der rings um die Mauer verlief. Steinstufen führten zur Straße hinunter. Brennende Fackeln waren an den zerstörten Häusern befestigt. Ihr Lichtschein war hell genug, dass Tom Schutthaufen und eine weite Öffnung in der Mitte erkennen konnte. Das musste der Dorfplatz sein.
Er blickte über die Mauer und entdeckte Elenna, die schon auf Storms Sattel stand. Er lehnte sich über die Brüstung und streckte ihr die Hand entgegen. Elenna ergriff sie und kletterte an der Wand hoch, während Tom gleichzeitig zog.
Dann schlichen Tom und Elenna lautlos die Treppe hinunter zur Straße. Elenna zupfte Tom am Ärmel und zeigte auf eine dicke Mauer und eine schwere Holztür unter einer Treppe. Im kleinen Türfenster waren Gitterstäbe.
„Das Gefängnis“, flüsterte sie.
Die Tür stand offen und der Schlüssel steckte im Schloss. Der Gefängniswärter war wohl zusammen mit den anderen Dorfbewohnern Hals über Kopf geflohen und hatte alles stehen- und liegengelassen. Rechts und links des Türrahmens waren Vertiefungen, in die man einen Balken stecken konnte, um die Tür noch besser zu sichern. Tom drückte die Tür auf und sah hinein. Die Scharniere quietschten. Er grinste. „Perfekt, es ist leer.“
Die Freunde gingen Richtung Dorfplatz und stiegen dabei vorsichtig über den Schutt der niedergerissenen Häuser und überquerten Straßen, in denen geplünderte Vorratsfässer lagen.
Tom hörte von vorne ein rasselndes Geräusch.
„Klingt wie Schnarchen“, murmelte er.
Elenna und er näherten sich dem Dorfplatz und duckten sich hinter einen zerbrochenen Karren. Zwischen den Marktständen hingen Hängematten und in jeder lag ein schnarchender Pirat. Manche murmelten im Schlaf, andere kratzten sich. Einer rülpste laut und rieb sich den Bauch. „Verdammter Fraß“, murmelte er im Schlaf.
Tom winkte Elenna leise weiter. Sie schlichen aus ihrem Versteck. In einer Ecke lag eine kleine, zusammengerollte Gestalt – Aaron. Im Licht der Fackeln schimmerten seine Wangen feucht. Er musste sich in den Schlaf geweint haben.
Manche Piraten hatten ihre Waffen bei sich in der Hängematte, aber die meisten hatten sie auf den Boden fallen lassen. Elenna hatte bereits eine Armbrust und ein Entermesser aufgehoben. Tom duckte sich, um einen Dolch unter einer Hängematte hervorzuziehen. Er bewegte sich vorsichtig, um den über ihm schlafenden Piraten nicht zu wecken. Speichel rann dem Mann aus dem geöffneten Mund.
Tom steckte den Dolch in seinen Gürtel und griff nach einer Lederpeitsche, die an einem Pfosten lehnte. Der Pirat in der Hängematte schnarchte laut und tief. Sein Mund klappte auf und Tom konnte im Mondlicht den Goldzahn erkennen.
„Unser Freund von vorhin“, dachte er. „Und was haben wir hier?“
Neben dem Arm des Piraten lag ein Entermesser mit einer goldenen Klinge.
Langsam und ganz sanft zog Tom die Waffe aus der Hängematte. Er grinste, als er das Entermesser in der Hand hielt. In die glänzende Klinge waren Zeichen graviert und der Griff war juwelengeschmückt.
„Von wem hast du das wohl gestohlen?“, überlegte Tom.
Als er weiterging, stieß er mit dem Fuß gegen eine Flasche. Sie rollte gegen den Metallrahmen eines Marktstands und es schepperte.
Der Pirat mit dem Goldzahn fuhr hoch. „Welcher gemeine Hund treibt sich hier rum?“, knurrte er.