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Jessica schwingt den Vorschlaghammer, der in der weißen Wand versinkt wie ein Messer in weicher Butter. Grauer Steinstaub breitet sich aus, als einige der Backsteine auf den Boden fallen.

»Nicht so nah!«, ruft Jessica hustend und scheucht Essi mit einer Handbewegung zurück.

Nachdem sich der Staub gelegt hat, sieht sie, dass einige Steine ins Innere der hohlen Wand gerutscht sind. Sie sind jedoch nicht auf den Boden gestürzt, sondern liegen in fast einem Meter Höhe auf irgendetwas. Und im selben Moment strömt ein Geruch in den Raum, den Jessica selbst im Schlaf erkennen würde: der Geruch des Todes.

Da ist Jason.

Jessica packt den Holzgriff mit beiden Händen, hebt den Vorschlaghammer erneut, diesmal vorsichtiger, damit sein Gewicht nicht die Stelle trifft, wo wahrscheinlich eine Leiche liegt, und vergrößert die Öffnung, die sie in die Wand geschlagen hat.

Sie wedelt den dichten Staub weg und sieht einen schwarzen Plastiksack, den eine gleichmäßige Schicht von feinem Schutt und Mörtelstaub bedeckt. Rasch lässt sie den Hammer fallen, wischt mit der Hand über den Sack, spürt den Staub an ihren Fingern und ertastet unter dem Plastik abwechselnd etwas Hartes und etwas Weiches.

Mit der Taschenlampe ihres Handys leuchtet sie auf den Sack, in dessen Mitte sie einen Reißverschluss entdeckt. Und je länger sie hinschaut, desto größer wird ihre Gewissheit, dass sich unter dem Reißverschluss das Gesicht eines toten Menschen abzeichnet. Scheitel, Stirn, Nase und Wangen. Jessica holt tief Luft und betrachtet die Öffnung in der Wand. Schwarze Leichensäcke sind heutzutage ein seltener Anblick: Sie wurden durch weiße ersetzt, in denen die Ermittler, die den Todesfall untersuchen, leichter Indizien finden. Die schwarze Farbe hat die Eigenschaft, alles zu schlucken. Doch diese Leiche hat keine Amtsperson eingepackt. Es war nicht vorgesehen, dass sie genauer untersucht wird.

»Komm nicht her«, sagt Jessica zu Essi, die an der Tür steht. Dann hustet sie, greift wieder nach dem Vorschlaghammer und hebt ihn noch einmal in die Luft. Diesmal trifft er tiefer und zerbricht die Wand in einem halben Meter Höhe. Ein dumpfes Dröhnen ist zu hören, kleine Steinbrocken fallen auf den Boden.

Jessica fasst den Sack mit beiden Händen und zieht ihn heraus. Sie spannt ihre Kräfte bis zum Äußersten an, bis die schwere Last ihr folgt und neben ihr auf den Boden sackt. Eine Weile sitzt Jessica auf dem Boden und schnappt nach Luft, dann wischt sie sich den Schweiß von der Stirn und greift nach dem Reißverschluss. Der Moment der Wahrheit.

Bald darauf sieht sie das dunkelblaue Gesicht eines jungen Mannes. Augen und Mund sind weit aufgerissen, es sieht aus, als hätte der Mann sich zu Tode erschreckt. Es tut mir leid, Jason. Wir konnten nichts für dich tun.

An Jason Nervanders Leiche, die zwei Wochen lang im verschlossenen Sack in einem kühlen Raum gelegen hat, hat die Verwesung eingesetzt, der Gestank ist grauenhaft. Untersuchungen zufolge verbinden sich im Geruch einer vermodernden Leiche über 400 Komponenten; er ist stechend ranzig, und wenn man ihn einmal gerochen hat, kann man ihn weder vergessen noch verwechseln. Jessica würgt und blickt mit tränenden Augen zu Essi hinüber, die immer noch mit verwirrter Miene an der Tür steht. Sie hätte die junge Frau um keinen Preis mit in die Waschküche nehmen dürfen.

»Geh ins Treppenhaus, Essi! Ruf die Polizei«, sagt Jessica, doch Essi rührt sich nicht. Sie steht unter Schock. »Du brauchst das nicht zu sehen …«

Jessica zieht den Reißverschluss zu und steht auf. Sie muss sofort Hellu oder Jusuf anrufen, aber in dem Moment sieht sie hinter der Wand etwas Seltsames. Was zum Teufel

Sie ist einen Schritt an das Loch herangetreten, das sie in die Wand geschlagen hat, und merkt nun, dass unter den losen Backsteinen noch etwas liegt. Sie hebt ihr Handy hoch und beugt sich vor, um hinter die Wand zu schauen. Dort ist ein zweiter Leichensack.

Jessica tritt die vorstehenden Backsteine los, damit sie an den Sack heranreicht. Um ihn herauszuholen, muss sie die Wand ganz aufbrechen, aber vorher kann sie versuchen, den Toten zu identifizieren.

Sie sieht den Reißverschluss und fasst mit der einen Hand danach, während sie mit der anderen das Licht ihres Handys auf den Sack richtet. Der Staub blockiert den Verschluss, aber nachdem Jessica eine Weile an dem Reißverschluss gezerrt hat, öffnet er sich und legt den Blick auf ein anderes Gesicht frei. Ein Gesicht, das ganz anders aussieht als auf den zig Fotos, die sie sich angeschaut hat. Und dennoch besteht kein Zweifel daran, dass es dasselbe Gesicht ist. Jessica begreift, dass ihr ein entsetzlicher Fehler unterlaufen ist. Nie hätte sie damit gerechnet, dieses Gesicht zu sehen. Es gehört Lisa Yamamoto.