Die hohen Wellen schlagen heftig gegen den Bug des Aquador 28C, und Essi spürt, wie es in ihrem Magen wogt. Die Rückfahrt von Söderskär nach Aurinkolahti hat schon anderthalb Stunden gedauert. Olga hat sich vier Mal übergeben, und Essi hat das Ruder übernehmen müssen, solange Olga sich über die Reling beugte. Olgas Übelkeit kommt jedoch nicht vom Seegang, sondern von der Kambo-Behandlung, die sie früher am Tag bekommen hat. Wie verdammt blöd muss man sein, um sich Froschgift spritzen zu lassen? Allerdings ist es ein Glück, dass sie Jose Rodriguez haben, der auf die Idee gekommen ist, das Kambo mit Opiaten aufzupeppen und die Mädchen dadurch von der Behandlung abhängig zu machen – und von ihnen.
Essi blickt auf den Monitor des Navis, an dessen rechtem Rand gerade eine schwarze Masse aufgetaucht ist. Der Naturpark Uutela.
Sie nimmt das Gas zurück. Sie hat noch nie ein Boot gesteuert, aber ein paar Mal Olga dabei zugeschaut, wenn sie auf Söderskär neue Mädchen abgeholt haben. Der Bug senkt sich, als sich das Tempo verringert, und die seitlichen Wellen lassen das Boot heftig schaukeln.
Essi weiß, dass sie sie nie wiedersehen wird. Sami, James und die fünf noch atmenden Mädchen, die sie gerade nach Söderskär gebracht haben, wo sie bei Tagesanbruch abgeholt und nach Sosnovyi Bor westlich von Sankt Petersburg gefahren werden.
Mitunter überlegt Essi, wieso keines der Mädchen den Braten riecht, wieso alle glauben, dass einige tatsächlich nach Hause zurückgekehrt sind. Vielleicht ahnen sie die Wahrheit, wollen aber nicht daran glauben.
Das Getöse des Bootsmotors ist verstummt, und Essi hört trotz des starken Windes, wie Olga sich wieder und wieder übergibt. Immer heftiger. Sie sieht die krampfartigen Bewegungen der über den Bootsrand gebeugten Frau.
Irgendetwas stimmt nicht.
Jose hat vor einigen Monaten gewarnt, das Froschgift könne zusammen mit den Opiaten schwere Komplikationen verursachen. Die Wahrscheinlichkeit sei allerdings nicht groß. Außerdem ist Erbrechen nach einer Kambo-Behandlung völlig normal. Es sollte allerdings nicht so lange andauern.
»Alles in Ordnung?«, fragt Essi, ohne Olga aus den Augen zu lassen. Sie ist unter den Mädchen die Einzige, die fast perfekt Englisch spricht.
Jetzt antwortet sie jedoch nicht, sondern würgt nur immer weiter, obwohl es sich schon seit einer Weile so anhört, als gäbe es nichts mehr zu erbrechen.
»Du musst das Boot an den Anleger lenken«, sagt Essi und lässt das Steuer los.
Das Boot gleitet auf die Lichter der Bucht zu. Die Stadt erscheint wie eine Oase, die aus der Dunkelheit aufragt.
»Scheiße, hörst du mich, Olga? Du musst das Boot anlegen.«
Olga dreht Essi das Gesicht zu. Es ist kreidebleich. Ihre Augen sind hervorgetreten.
»Es geht mir nicht gut«, sagt sie und wischt sich die Stirn ab. Vielleicht steht Schweiß darauf, vielleicht hat die Gischt sie nassgespritzt. Das spielt keine Rolle.
»Du tust, was ich dir sage«, erwidert Essi und tritt ein Stück vom Steuer zurück, um der Hure in Schuluniform Platz zu machen.