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Essi öffnet die schwere Stahltür einen Spaltbreit, um Lisa einzulassen.

»Was ist los?«, lallt Lisa. »Ich möchte lieber schlafen gehen …«

»Komm rein. Ich erzähl’s dir«, sagt Essi und mustert die leere Straße von einem Ende zum anderen.

Lisa betritt den Fahrradkeller, die Schnürsenkel ihrer weißen Superstars haben sich gelöst. Sie ist den ganzen Weg zu Fuß gegangen. Ursprünglich hatte sie an der Metrostation Kamppi ein Taxi nehmen wollen, konnte aber das Etui mit ihrer Bankkarte nirgendwo finden. Erst auf dem Heimweg hat sie gemerkt, dass es in ihrer Manteltasche steckt. Das Schlüsselbund ist auf jeden Fall verschwunden, sodass sie die Haustür nicht benutzen konnte.

»Ist vielleicht ein bisschen wild geworden«, sagt Lisa leise und stößt den Atem aus. »Ich glaub, ich muss gleich kotzen …«

Essi geht durch den grau gestrichenen Flur, Lisa folgt ihr schwankend.

»Was zum Teufel ist los?«, fragt Lisa, als sie die letzte Tür erreichen, hinter der sich der Waschkeller befindet.

»Hast du alles genau so gemacht, wie ich gesagt habe, Lisa? Das Handy ausgeschaltet und …«

»Ja«, antwortet Lisa müde. »Hat das was mit dem japanischen Typ zu tun?«

»Vielleicht. Hauptsache, er hat nicht gesehen, dass du nach Hause gekommen bist.«

»Deshalb der Fahrradkeller? Glaubst du etwa, der steht vor unserem Haus Wache?« Lisa lacht auf und rülpst leise.

Lisa ist schwer betrunken, aber irgendwie spürt sie etwas Seltsames an Essi. Und plötzlich bereut sie es, nach Hause gegangen zu sein, sie wäre jetzt lieber in der Menschenmenge, die bei Kex Mace’s weiterfeiert.

Essi öffnet die Tür zur Waschküche und drängt Lisa hinein. Und da sieht Lisa Jason, der mit trauriger Miene auf der Trockenschleuder sitzt.

»Was …« Lisa dreht sich zu Essi um.

»Lisa, bitte«, stammelt Jason.

»Seid mal eine Sekunde still, alle beide«, befiehlt Essi streng. Lisa zuckt zusammen.

Nun holt Essi eine kleine Pistole mit Schalldämpfer aus der Tasche ihrer Steppjacke. Lisa spürt, wie ihr Herz einen Schlag aussetzt.

»Essi …«

»Mir liegt daran, dass ihr es wisst: Die ganzen Streitigkeiten, die Gerüchte und Lügen, die euch zu Ohren gekommen sind. Das war ich«, erklärt Essi.

»Was …«

»Ich hätte nie gedacht, dass mich sowas interessiert. Aber vielleicht war ich ein bisschen neidisch auf das, was ihr hattet. Außerdem passte das alles so gut ins Bild.«

»In was für ein Scheißbild? Was quasselst du da, Essi? Was ist das?«, ruft Lisa, doch Essi bringt sie zum Schweigen, indem sie die Waffe hebt. Lisa spürt einen Kloß im Hals, und als sie Jason ansieht, merkt sie, dass auch er nichts versteht. Dass sie beide in diesen Raum gekommen sind, ohne im Geringsten zu ahnen, was gleich geschehen wird.

»Essi?«, sagt sie, und ihre Stimme bricht.

Einen Moment lang glaubt Lisa in Essis großen Augen etwas Warmes zu sehen, vielleicht einen Anflug von Menschlichkeit. Doch dann begreift sie, dass das Glitzern in den Augen nicht daher rührt, dass sich die Neonröhren in Tränen spiegeln. Essi sieht aus, als wäre sie erregt.