Jessica spürt, wie die Wirkung des Schocks nachlässt und der Schmerz in ihrer zerbrochenen Hand zunimmt. Sie fühlt sich brennend heiß an, als läge sie bis zum Handgelenk in kochendem Wasser.
»Ich hätte Jason irgendwann und irgendwo umbringen können. Zum Beispiel in der Nacht in Vuosaari. Aber Lisa wollte ich genau hier begraben. Das war irgendwie schön. Ich musste lachen bei dem Gedanken, dass ganz Finnland nach ihr sucht, und dabei ist sie keine zehn Meter von ihrer Wohnung eingemauert. Dass ich sie dann schließlich beide hinter dieser Wand versteckt habe … Das hatte etwas Poetisches. Die Liebenden durften ein bisschen Quality time miteinander verbringen«, sagt Essi.
Und gerade als Jessica etwas erwidern will, wird der Vorschlaghammer wieder geschwungen. Sein Kopf streift Jessicas Oberschenkel, trifft auf den Boden und schlägt ein Loch in den Beton. Jessica schreit auf und schiebt ihre heile Hand in die Manteltasche. Sie ist immer dabei.
Essi lässt den Vorschlaghammer los und schiebt ihre Hand unter den Bademantel. Und in den zwei Sekunden, in denen sie die Pistole zieht, gelingt es Jessica, sich auf die Knie zu kämpfen und ihr Pfefferspray ins Gesicht zu sprühen. Die Waffe geht los, der Schuss hallt ohrenbetäubend laut in dem kleinen, kargen Raum, doch die Kugel verfehlt Jessica.
Der Pfefferspray hat Essi nicht in die Augen getroffen, sie wedelt mit der Hand und legt sie dann schützend vors Gesicht.
»Verdammte Hure! Was soll das!«
Jessica zielt mit dem Sprühkopf erneut auf Essi und drückt eine ordentliche Menge Pfefferspray aus der Dose, der jedoch größtenteils von Essis erhobener Hand abgefangen wird. Jessica lässt die Sprühdose fallen und schreit vor Schmerz – sie spürt die Knochen der zerquetschten Hand, als sie sich auf die Knie kämpft und sich auf Essi wirft. Der letzte Angriff.
Essi bleibt keine Zeit, erneut abzudrücken, offenbar hat ein Teil des Sprays doch sein Ziel erreicht, denn sie wischt sich mit dem Ärmel ihres Bademantels über die Augen, und es gelingt Jessica, sie zu Boden zu stoßen und sich auf sie zu setzen.
»Scheißhure, ich bring dich um!«, schreit Essi. Auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck, wie ihn Jessica vor langer Zeit schon einmal gesehen hat. Er ist zutiefst unmenschlich.
Jessica rollt sich mit ihrem ganzen Gewicht auf die Hand, in der Essi die Waffe hält. Dann packt sie Essi an den Haaren und schlägt ihren Kopf mit aller Kraft auf den Beton. Und als der Arm unter ihr weiterzappelt, knallt sie Essis Kopf wieder und wieder auf den Beton. Gerade als sie glaubt, Essis Kopf könne nicht noch mehr Schläge aushalten, hört sie den Schuss und spürt, wie ihre Schulter in Stücke springt. Es ist vorbei.
In den Sekunden nach dem Schuss fühlt Jessica eine Müdigkeit, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitet, und spürt den harten Beton unter ihrem Hinterkopf. Vor sich sieht sie die vom Kampf lädierte Gestalt, die langsam aufsteht. Der weiße Bademantel ist blutdurchtränkt, und die Wunden an der Stirn bluten heftig. Jessica zuckt der Gedanke durch den Kopf, dass das zerquetschte, blutige Gesicht der Frau aus ihren Träumen stammen könnte, dass ihre Liebsten sich ihr genau so zeigen. Und dass wohl alles so enden soll.
»Guter Versuch, Bulle«, zischt Essi und spuckt Jessica Blut ins Gesicht. Dann hebt sie die Waffe. Jessica blickt in den Lauf der Pistole und nimmt von allem Abschied.
Doch statt des Schusses ist ein dumpfer Schlag zu hören, als der Vorschlaghammer durch die Dunkelheit schwingt und Essi am Oberkörper trifft. Sie fällt neben Jessica zu Boden wie ein schwerer Sack, leises Röcheln dringt aus ihrem Mund. Dann sieht Jessica Nikolas Ponsi. Er kniet neben ihr.
»Ich habe den Notruf alarmiert. Hilfe ist unterwegs!«, sagt er und wickelt ein Stück Stoff, das er von seinem Mantel abgerissen hat, um Jessicas Schusswunde.