Jessicas ehemalige Vorgesetzte strahlt eine neuartige Energie aus, mit ihrem optimistischen Blick und ihrer straffen Kostümjacke wirkt sie wie neugeboren. Erst nach einer Weile fällt Jessica auf, dass Hellu obendrein ihre Haare braun gefärbt hat. Jessica muss an einen Hasen denken, der wegen des schneelosen Winters auf seine Tarnfarbe verzichtet hat. Eine weitere Veränderung ist am Handgelenk zu sehen: Die massive Smartwatch fehlt. Vielleicht konnte Hellu die Qual, die aus dem Wissen entsteht, nicht mehr ertragen.
»Die Angaben, die Essi gemacht hat, treffen zu«, sagt Hellu. »Ein Bordell in einer unterirdischen Lagerhalle. In unmittelbarer Nähe zum Golfplatz in Vuosaari, teilweise sogar darunter. Nathan Reddick hat anhand der Fotos bestätigt, dass es sich um dieselben Räumlichkeiten handelt.«
»Hat man dort jemanden gefunden?«, fragt Jessica.
Hellu schüttelt den Kopf. »Aber jetzt kennen wir die Namen der Firma, die die Halle gemietet hat, und einiger Subunternehmer, die an der Renovierung beteiligt waren. Ich weiß nicht, ob dabei letzten Endes irgendetwas herauskommt, aber der Fall liegt nicht mehr bei uns und nicht einmal mehr bei der Zentralkripo.«
»Und Essi?«
»Sie wird auf ihren Geisteszustand untersucht. Aber es ist klar, dass sie, umgangssprachlich ausgedrückt, total verrückt ist«, antwortet Hellu und blickt vom Schreibtisch zu Jessica auf. Da wir gerade von Verrückten reden, scheint sie zu denken, spricht es aber nicht aus.
»In Pasila verändert sich einiges, Niemi. Jens Oranen geht. Irgendein Führungsjob im privaten Sektor. Das ändert die Lage.«
»Willst du damit sagen, dass du die neue Vizepolizeichefin wirst?«
Hellu schnaubt freudlos und schüttelt heftig mit dem Kopf.
»Auf den Posten sind viele scharf, und ich hab gerade erst in der Einheit angefangen«, erwidert sie und lehnt sich vor. »Aber dass Oranen geht, verschafft mir in vielen Dingen mehr Spielraum.«
»Zum Beispiel?«, fragt Jessica, und Hellu antwortet mit einem langen, bedeutsamen Blick.
Jessica verdreht ungläubig die Augen. »Meinst du das im Ernst?«
Daraufhin stülpt Hellu die Unterlippe vor, sodass sie aussieht wie eine Figur aus einer Komödie. »Hör mal, Niemi.«
»Verdammt nochmal, nenn mich wenigstens Jessica.«
Hellu schüttelt heftig den Kopf. »Ich hab eine Weile gebraucht, um zu kapieren, dass du der Kapitän dieser Mannschaft bist.«
»Und du bist …«
»Die Trainerin, nehme ich an. Und Oranen ist der zurücktretende Geschäftsführer.«
»Okay.« Jessica verschränkt die Arme vor der Brust und sieht abwartend zu, als Hellu die Schreibtischschublade öffnet und die Mappe herausholt, die Jessica schon einmal gesehen hat.
»Ich möchte wissen, wie das alles … Das, worum es in dieser Mappe geht: Wie äußert es sich?«, fragt Hellu unsicher, als wüsste sie selbst nicht genau, wonach sie sich erkundigt.
Jessica sieht der Hauptkommissarin in die Augen und ist zunehmend davon überzeugt, dass es sich nicht um einen seltsamen Streich, einen Test oder eine Falle handelt. Hellu scheint ihr tatsächlich die Hand zu reichen, so seltsam es klingt.
»Was führst du im Schilde, Hellu?«, fragt Jessica trotzdem, denn sie kann nicht anders.
Die Hauptkommissarin behält ihre versöhnliche Miene bei.
»Nikolas Ponsi wird für den Rest seines Lebens bereuen, dass er seinen Verdacht hinsichtlich Essi nicht bei der Polizei gemeldet hat. Und wenn ich jetzt ein Risiko eingehe, das auch nur entfernt damit vergleichbar ist … Zum Teufel, Niemi! Ich will es nur verstehen. Ich finde, dazu habe ich das Recht«, sagt Hellu. »Das ist alles.«
Jessica sieht ihr tief in die Augen. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ehrlich zu sein und auszuprobieren, wie weit sie damit kommt. Letztlich weiß sie ja nicht einmal, ob sie noch Polizistin sein will.
Das Surren des Rotors eines Hubschraubers, der irgendwo in der Nähe vorbeifliegt, durchbricht die Stille.
»Manchmal sehe ich Dinge, die nicht existieren«, sagt Jessica, nachdem sie eine Weile über ihre Wortwahl nachgedacht hat.
Hellu reagiert gelassen auf ihre Antwort und blättert langsam in dem Bericht, obwohl sie ihn wahrscheinlich schon zigmal gelesen hat.
»Hast du Schwierigkeiten, zwischen beidem zu unterscheiden? Also zwischen dem, was wirklich ist und …«
»Nein«, antwortet Jessica rasch. Sie betrachtet ihre eingegipste linke Hand in der Armschlinge. Dann schüttelt sie den Kopf und spricht langsam weiter, als wollte sie ihre übereilte Äußerung korrigieren. »Aber es kann sein, dass es eines Tages so weit kommt. Dass es schwierig wird, den Unterschied zu erkennen.«
»Versprichst du, es mir dann zu sagen?«
Jessica lacht leise auf. »Glaubst du im Ernst, dass ich es weiß, wenn es passiert?«
Hellu sieht Jessica eine Weile an, als wollte sie ihr befehlen, keine Klugschwätzerin zu sein. Doch dann bricht sie in schallendes Gelächter aus, wie Jessica es sich in ihren wildesten Träumen nicht hätte vorstellen können.
»Touché, Niemi.«
»Sag Jessica.«
»Niemi.«