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Jessica wirft einen Blick durch das Fenster des Restaurants Sikala und sieht die laminierte Speisekarte.

Erbsensuppe und Eierkuchen.

Im Innenhof nebenan brummt ein schwerer Motor auf. Jessica geht die wenigen Schritte zu dem großen Mauerbogen, der in den Hof des sechsstöckigen Hauses vom Anfang des 20. Jahrhunderts führt.

Sie hört das gleichmäßige Dröhnen des Motors näherkommen, gleich darauf schiebt sich ein dunkelblauer Mercedes Benz G500 durch die enge Toreinfahrt.

Jessica wartet, bis die Vordertür ganz zu sehen ist, öffnet sie dann schnell und setzt sich auf den mit beigem Leder bezogenen Beifahrersitz.

»Was soll der Scheiß?«, faucht Tim Taussi, der am Steuer sitzt, und hält an, bevor der Wagen vom Bürgersteig auf das Kopfsteinpflaster der Kapteeninkatu rollt.

»Die automatische Verriegelung schaltet sich erst bei achtzig ein, oder?«, sagt Jessica und schließt die Tür. Der Signalton im Wageninneren verstummt.

Der Rapper lehnt sich an seine Tür und vergrößert den Abstand zu Jessica so weit, wie es auf dem Vordersitz des Luxuswagens möglich ist. Dann verschwindet seine verblüffte Miene schlagartig. Er hat Jessica erkannt.

»Es ist schwierig, dich zu erwischen, Tim«, stellt Jessica fest und streicht mit den Fingerspitzen über das perfekt geformte Armaturenbrett. Im Wagen riecht es nach neuem Leder und nach dem Rasierwasser des Rappers.

»Du kannst nicht einfach so reinplatzen!«

»In dein tolles Auto? Es ist toll, das muss ich zugeben. Was hat es gekostet? Dreihunderttausend?«

»So ungefähr, mit dieser Ausstattung«, sagt Taussi.

»Du hast es neu gekauft?«

»Natürlich.«

Jessica lächelt müde.

»Vielleicht schaff ich mir auch so eins an«, sagt sie, und Tim Taussi prustet los.

»Na klar. Bestimmt.«

»Glaubst du nicht, dass eine Polizistin was gespart haben könnte?«

»Was willst du? Ich hab’s eilig.«

Jessica zuckt mit den Schultern. Sie könnte hundert Luxusautos kaufen und sich ansehen, was für ein Gesicht Kex Mace’s dann macht. Das wäre fantastisch.

»Ich wüsste gern, warum von deinem Konto kürzlich zweihunderttausend an eine ukrainische Holdingfirma gezahlt wurden«, erklärt Jessica.

Tim Taussi wird blass, versucht aber, seine Verblüffung hinter einem übertriebenen Grinsen zu verbergen. »Was?«

»Du hast mich gehört«, sagt Jessica und holt ihren Polizeiausweis hervor, einfach nur, um den Mann daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat.

»Das war eine Investition.«

»Toll. Du bist also jetzt Rapper und Business-Angel. Ein echter Dr. Dre. In was?«

»Was in was?«

»In was hast du die zweihunderttausend investiert?«

»Ich werd jetzt nicht …«

»Welche Branche? War es ein Start-up? Eine Brauerei? Ein neues Tschernobyl?«

Tim Taussi trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad und blickt sich nervös um. »Ich muss jetzt los«, sagt er.

»Nur zu. Aber falls du plötzlich das Gefühl hast, dass es doch keine so gute Investition war, liegst du wahrscheinlich ganz richtig. Wir wissen nämlich, dass man dich und viele andere erpresst hat. Und jeder von euch hat brav dieselbe Summe bezahlt. Wir haben darüber nachgedacht, wofür jemand bereit sein könnte, zweihunderttausend zu zahlen«, erklärt Jessica und öffnet die Tür. »Es muss um ein richtig großes Geheimnis gehen, dessen Enthüllung dir alles nehmen würde. Karriere, Ruf und Freiheit.«

»Verpiss dich«, knurrt Tim Taussi und schiebt seine große Sonnenbrille von der Stirn vor die Augen.

»Klar. Ist ja dein Auto. Vorläufig jedenfalls.«

Jessica stellt den rechten Fuß auf den Bürgersteig, dreht sich dann aber noch einmal zu dem Mann um.

»Was ist es übrigens für ein Gefühl, zur Abwechslung mal auf dem Fahrersitz zu hocken? Es geht nämlich das Gerücht, dass du dich auf der Rückbank wohler fühlst, jedenfalls in Mercedes-Jeeps.«

Damit steigt sie aus und schlägt die Tür zu. Der SUV fädelt sich schnell in den Verkehr ein und rast in Richtung Korkeavuorenkatu davon.

»Du steckst gründlich in der Scheiße, du sadistisches Arschloch«, flüstert Jessica, als der Wagen aus ihrem Blickfeld verschwindet. Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr, es ist Mittagszeit. Erbsensuppe und Eierkuchen wären eigentlich gar nicht schlecht.