Wach auf, Jessica.
Jessica öffnet die Augen und merkt, dass sie keine Luft bekommt. Sie sieht nur Schwärze. Es ist, als würde sie versuchen, durch ein großes, weiches Kissen zu atmen, das irgendwer auf ihrem Gesicht festhält.
Sie versucht, um Hilfe zu rufen, doch die Stimme, die ihr aus der Kehle steigt, hallt gedämpft in ihren Ohren wider.
Es kommt ihr vor, als lägen um ihre Hand- und Fußgelenke eiskalte Fesseln, die ihre Arme und Beine fixieren.
Du bist wach, mein Schatz.
Und dann wird etwas von ihrem Gesicht weggezogen, und an die Stelle der totalen Finsternis tritt das Halbdunkel der Nacht. Jessica sieht, wie die kalten Hände ihrer Mutter ihre Handgelenke loslassen.
Die blutnassen Haare hängen der Mutter ins Gesicht wie schwarze Algen, die man vom Grund eines zugewucherten Teichs hochgerissen hat. Die spitzen Backenknochen sind gebrochen und lassen das Gesicht aussehen, als hätte die Mutter den Mund zu einem grotesken Grinsen verzogen. Das eine Auge ist eine blutige Masse; wo die Nase sein sollte, befindet sich ein dunkelroter Krater.
Der kalte, feuchte Hauch, der über Jessicas Gesicht zieht, scheint auf ihrer schweißnassen Haut festzufrieren. Plötzlich spürt sie, dass sie vor Kälte zittert.
Setz dich auf.
Jessica spannt ihre Bauchmuskeln nicht an und merkt auch nicht, dass sie sich aufsetzt. Dennoch sitzt sie plötzlich auf der Sofakante. Die Uhr der Digibox zeigt halb vier.
Die Mutter ist vom Sofa aufgestanden, ohne dass Jessica es gemerkt hat. Nun sitzt sie mit dem Rücken zu Jessica am langen Tisch und bürstet sich die Haare. Ihre Hände bewegen sich eckig und mechanisch.
An ihrem Ohr zischt etwas.
Jessica spürt einen Druck an ihren nackten Knöcheln. Sie beugt sich vor, um über die Sofakante zu blicken, und sieht, dass eine Gestalt, die unter dem Sofa liegt, sich an ihre Fußgelenke klammert. Die Gestalt hat kein Gesicht. Nur eine schwarze Fläche.
Warum hast du es getan, Jessica?
Ich wollte, dass es jemand weiß. Weil Erne nicht mehr da ist.
Jessica sieht Ernes Gesicht an der Küchentür vorbeihuschen. Vielleicht hat Erne sie und ihre Mutter die ganze Zeit beobachtet, doch jetzt ist da nur noch der Rücken des alten Mannes, der in der Küche verschwindet.
Ich möchte dir helfen, Jessica. Wir sind für dich da.
Jessica starrt auf die Gestalt unter dem Sofa. Die Finger, die sich um ihre Knöchel winden, sind lang und dünn. Wie die Krallen eines Geiers.
Lass mich los.
Im selben Moment spürt Jessica Panik, die in jeden Winkel ihres Körpers strömt wie eine Sturzwelle, die ein Labyrinth überflutet.
Ich wollte euch immer beschützen. Dich und Toffe. Und jetzt verdirbst du alles.
Die Mutter ist aufgestanden und schwebt in ihrem schwarzen Kleid auf die Küche zu.
Sag, dass es dir leidtut.
Es tut mir leid.
Da stehen alle gleichzeitig auf. Aus dem Halbdunkel taucht eine Gestalt nach der anderen auf, sie gleichen hohen Pflanzen, die aus der Erde zum Himmel sprießen.
Die Mutter bleibt an der Tür stehen und sieht Jessica an.
Der Tag, den du am meisten fürchtest.
Was meinst du?
Die Mutter lächelt zärtlich.
Schau zum Fenster hinaus.
Jessica geht langsam ans Fenster und legt ihre Stirn an die Scheibe. Das Glas ist kühl.
Sie sieht die im Wind schaukelnden Straßenlampen, deren Lichtkegel über den nassen Asphalt lecken. Mitten auf der leeren Straße marschieren Gestalten, die zum Fenster in der sechsten Etage aufblicken. Jessica sieht die grauen Tiergesichter und die gespaltenen Hörner auf den Köpfen.
Plötzlich steht ihre Mutter neben ihr und lächelt liebevoll.
Jessica stockt der Atem, als sie die blanken Knochen ihrer Mutter an ihrer Haut spürt.
Heiligabend.