Helena Lappi öffnet an ihrem Handy eine App, die alle von ihrem Fitness-Armband gesammelten Daten leicht lesbar zusammenfasst. Sie betreibt das Biohacking ihres Körpers schon seit einem halben Jahr, und tatsächlich hat sich vieles verbessert: Sie hat zu einem vernünftigeren Schlafrhythmus gefunden, und der Regenerationsgrad ihres Körpers, der jeden Morgen auf dem Display erscheint, ist schrittweise aus der gelben in die grüne Zone aufgestiegen. Aber die verdammte HRV ist immer noch ungewöhnlich niedrig, und das treibt sie an den Rand des Wahnsinns. Die Heart Rate Variability oder Herzfrequenzvariabilität misst den Zustand des vegetativen Nervensystems und damit die Fähigkeit des Körpers, sich Belastungen anzupassen. Hellus durchschnittliche HRV ist so niedrig, dass sie innerhalb der gesamten Sport treibenden Bevölkerung zu den untersten fünf Prozent zählt. Der Entwickler der App weist allerdings in seinem scheinheiligen YouTube-Video darauf hin, dass die HRV individuell ist und nicht mit den Ergebnissen anderer Menschen verglichen werden sollte. Aber trotzdem. Verdammt. Im selben Atemzug wird auf dem Video erklärt, dass eine niedrige HRV ein Zeichen fürs Altern, für chronischen Stress, ein schwaches Herz und allerhand andere unangenehme Erscheinungen ist. Obendrein hat sich irgendeine Besserwisserin vor einigen Wochen in der Sauna der Schwimmhalle lauthals darüber ausgelassen, dass ein niedriger Wert zeigt, dass der Körper ständig im »Fliehen oder Kämpfen«-Zustand ist, der längerfristig chronisch wird. Die durchschnittliche HRV ist 70. Holopainen vom Rauschgiftdezernat hat 124. Hellu nur 22.
»Guten Morgen, Helena.« Der stellvertretende Polizeichef Jens Oranen betritt das Zimmer und geht zügig zu seinem Schreibtisch. Der knarrende Bürostuhl und der elektrisch verstellbare Tisch sehen genauso aus wie die entsprechenden Teile in Hellus Dienstzimmer. Oranens Zimmer ist größer als Hellus, das sich zwei Etagen tiefer befindet, aber auch hier blickt man vom Fenster aus nicht auf den Central Park in Manhattan, und in der Ecke steht kein Servierwagen mit Gläsern und teuren goldbraunen Schnäpsen. Natürlich nicht, es ist nur einfach so, dass Jens Oranen mit seinen dunklen Haaren und seinem massiven Kinn an Don Draper aus der Serie Mad Men erinnert. Allerdings wirkt Oranen irgendwie abgezehrt, und seine graue Haut weckt den Eindruck, dass seine besten Tage hinter ihm liegen. Vielleicht liegt es an all der Düsterkeit und Trauer, die er im jahrelangen Umgang mit schweren Verbrechen erlebt hat. Außerdem sieht er ohne seine blaue Offiziersuniform – und besonders jetzt im abgetragenen beigen Baumwollpullover und schwarzer Jeans – ausgesprochen gewöhnlich aus, wie ein biertrinkender Familienvater, der die Fernbedienung in der Hand hält und auf den Beginn das Eishockeyspiels wartet.
»Wie geht’s?«, fragt er, ohne von seinem Handy aufzuschauen.
»Wir haben heute mit den Ermittlungen im Fall Yamamoto begonnen.«
Jens Oranen sieht Hellu bedeutungsvoll an. Dann schüttelt er den Kopf.
»Die Zeitungen«, sagt er und runzelt die Stirn. »Jede einzelne.«
»Tja.«
»Gut, dass der Fall jetzt bei euch liegt.« Er lehnt sich zurück und schiebt das Handy lässig auf den Schreibtisch.
»Jetzt können wir nur hoffen, dass wir bald etwas herausfinden.«
»Richtig.«
»Bis dahin ist es eher fragwürdig, die Ressourcen der Mordkommission dafür einzusetzen«, sagt Hellu, ohne recht zu wissen, warum sie sich selbst den Teppich unter den Füßen wegzieht.
»Aber ihr habt doch nicht viele offene Fälle?«
»Nein. Außer der Frau aus der Aurinkolahti-Bucht, natürlich.«
»Genau«, sagt Oranen beinahe zerstreut und greift erneut nach seinem Handy. Quälend lange starrt er darauf, ohne ein Wort zu sagen. Hellu schlägt die Beine übereinander und wirft einen Blick auf ihre Uhr.
»Wie kann ich …«
»Jessica Niemi.« Oranen legt das Handy auf den Tisch zurück.
Hellus Herz setzt einen Schlag aus. »Was ist mit ihr?«
Jens Oranen lehnt sich wieder zurück und sieht sie lange prüfend an. Er wirkt wie ein Chirurg, der nicht weiß, wie er seiner Patientin sagen soll, dass die Schere bei der Operation im Magen geblieben ist.
»Wie kommst du mit ihr aus?«, fragt er schließlich.
»Sehr gut. Natürlich«, sagt Hellu und schluckt. In Wahrheit findet sie Jessica Niemis Einstellung unerträglich und fürchtet, dass sie Jessica nicht in den Griff bekommt. Gerade deshalb muss sie jetzt lügen. Hellus Vorgänger Erne Mikson hat Jessica durch und durch gekannt, ihre Impulse kontrolliert und ihre besten Seiten zum Vorschein gebracht. Auch Hellu muss Jessica an der Kandare halten, sonst ist sie in den Augen aller eine schlechtere Vorgesetzte als Mikson, der estnische Sturkopf, der in seinem Grab lachen würde, sooft das niedliche Fräulein Niemi Hellus hart erarbeitete Autorität in Frage stellt.
»Natürlich?«, wiederholt Oranen fragend.
»Ich meine nur, dass … Ich habe keine Probleme mit Niemi. Wieso?«, entgegnet Hellu möglichst selbstsicher. Oranen lacht auf, als wüsste er, dass Hellu Unsinn redet.
»Hör mal. Ich kenne sie nicht gut … Sie ist eine außerordentlich gute Polizistin. Verdammt gut bei der Aufklärung von Gewaltverbrechen. Ein widersprüchlicher Charakter, habe ich gehört und vielleicht auch manchmal miterlebt. Aber die Besten sind oft ein bisschen seltsam. Sie arbeitet selbständig, ist intelligent und obendrein ein Team-Player. Ihre Kollegen scheinen sie sehr zu schätzen«, sagt Oranen. Hellu begnügt sich damit, unsicher zu nicken. Jessica Niemi kommt ihr vor wie ein Film, den alle Kritiker loben, den sie selbst aber verabscheut.
Wieder vergehen quälend lange Sekunden, in denen Oranen seine nächsten Worte besonders genau abzuwägen scheint.
Hellu wird plötzlich von unerträglicher Neugier gepackt. »Worum geht es?«
Jens Oranen sieht Hellu intensiv an. Die Antwort kommt nur zögerlich über seine Lippen.
»Ich habe lange überlegt, ob ich dir davon erzählen soll oder nicht, zumindest jetzt noch nicht. Aber da du die neue Vorgesetzte bist … Da du wohl noch mit keinem Freundschaft geschlossen hast, gehe ich davon aus, dass du es niemandem aus deinem Team weitersagst.«
»Natürlich nicht.«
»In diesem Jahr ist verdammt viel passiert. Gerade in eurer Einheit. Sagen wir mal so: Über viele Umwege bin ich an eine brisante Information gekommen. Als die Zentralkripo versucht hat, die okkultistischen Morde im letzten Frühjahr und die Hexenbande zu verstehen, den Fall Mikael Kaariniemi und die Frage, weshalb Jessica Niemi im Mittelpunkt des Ganzen stand …«
»Was für eine Information?«, fällt Hellu ihm ins Wort und überlegt, weshalb der stellvertretende Polizeichef sie zwingt, nachzufragen und zu quengeln wie ein sechsjähriges Kind am Bonbonregal.
»Jessica Niemi dürfte eigentlich wegen ihrer Krankheitsgeschichte nicht unbedingt bei der Polizei arbeiten«, stößt Oranen rasch hervor.
»Dürfte nicht? Wie meinst du das?«, fragt Hellu und spürt, wie ihr Puls sich beschleunigt. Und die HRV sinkt.
»Natürlich ist das Material absolut geheim. Aber die Dokumente sind wohl echt, obwohl die Angaben nie in die Datenbank eingegeben wurden. Wahrscheinlich finden sie sich nicht in Niemis Krankheitsgeschichte.«
»Worüber reden wir hier eigentlich?«, fragt Hellu stirnrunzelnd.
»Hör zu, Hellu. Ich möchte noch einmal betonen, dass die Sache absolut vertraulich ist. Wir müssen behutsam vorgehen, und wenn wir beschließen, Maßnahmen zu ergreifen, müssen wir eine sichere Strategie entwickeln. Sonst fällt die Sache auf das ganze Präsidium zurück. Und das wollen wir doch nicht, oder?«
»Natürlich nicht, aber …«, beginnt Hellu ungeduldig.
»Du weißt ja, dass die Sicherheitspolizei alle überprüft, die sich an der Polizeischule bewerben.«
»Natürlich.«
»Na, ich habe in den letzten zwei Wochen die Sache in aller Stille untersucht. Ich habe Niemi erneut überprüfen lassen, und dabei hat sich herausgestellt, dass bei der Überprüfung durch die Sicherheitspolizei im Jahr 2007 ziemlich viel Material fehlte oder absichtlich weggelassen wurde. Dinge, die Niemis Zulassung zur Polizeischule nicht unbedingt verhindert, aber in ihren Unterlagen nicht gut ausgesehen hätten. Und dabei hat Erne Mikson eine wichtige Rolle gespielt. Er hatte damals gute Kontakte zur Sicherheitspolizei und wollte Niemi offenbar den Weg bereiten.«
»Hat Mikson frühere Straftaten vertuscht?« Hellu klingt hoffnungsvoller, als ihr lieb ist.
Oranen schüttelt den Kopf. »Keine Straftaten, aber etwas anderes. Du kannst dich bald mit allem vertraut machen«, sagt er und schiebt ihr einen Ordner hin. »Und dann, als Krönung des Ganzen, die merkwürdigste Sache …«, fährt er fort und wirkt gleichzeitig bedrückt und verärgert. »Jessica Niemi wurde vor langer Zeit wegen einer psychischen Erkrankung untersucht.«
Hellu ist sowohl erschüttert als auch siegesfroh. Endlich hat sie etwas gegen Jessica in der Hand.
»Was für eine Krankheit?«
»Eine Art Schizophrenie.«