14

Nina Ruska hört noch das Heulen der Sirenen. Dann lässt sie das Handy sinken, berührt den roten Hörer, und Jusufs Name verschwindet vom Display. Sie wirft einen Blick auf Rasmus, der am anderen Tischende intensiv am Computer arbeitet und ständig in die Faust hustet, als hätte er einen Frosch im Hals. Bei genauerem Nachdenken fällt ihr ein, dass Rasmus, der immer noch bei seinen Eltern wohnt, einmal von seinen Katzen erzählt und erwähnt hat, alle drei hätten ganz unterschiedliche Wesensarten und Vorlieben.

»Schnupfen?«, fragt sie und öffnet ihre Wasserflasche.

»Nein, wieso?«

Vielleicht hat Rasmus tatsächlich im Schlaf den Schwanz einer seiner Katzen im Mund gehabt. Nina betrachtet ihn eine Weile und schüttelt dann den Kopf. »Schon gut.«

»War das Jusuf?«, erkundigt sich Rasmus.

»Ja. Sie sind auf dem Weg zum Fenix, um sich die Aufzeichnungen der Überwachungskameras anzusehen.«

»Okay«, sagt Rasmus, bevor er wieder zurücksinkt und auf den Monitor starrt. Nina schließt die Augen, stützt sich auf den Tisch und presst ihre Fingerkuppen auf die Nackenmuskeln. Die Sauferei am Samstag steckt ihr immer noch in den Knochen. Die vorige Woche war insofern eine extreme Ausnahme, als Nina kein einziges Mal im Fitness-Center war, sondern stattdessen nach der Arbeit in einer Bar gesessen hat. An drei Abenden. In gewisser Weise der Gegenpol zu ihrem normalen Leben, mit dem Unterschied, dass der Sport meist jeden Tag auf dem Programm steht. Und es ist auch nicht jeden Abend spät geworden, zwei Bier am Mittwoch und ein paar am Donnerstag. Sechs Glas Bier und einige Pfefferminzdrinks am Samstag hatten sie dann so unternehmungslustig gemacht, dass sie das Taxi mit einem gutaussehenden Arzt geteilt hat, der aber an ihrer Haustür einen Rückzieher gemacht und beschämt seinen Ehering an den Finger gesteckt hat. Das kann ich Minna nicht antun.

Aha. Toll. Schön, dass dir das auf meiner Fußmatte einfällt. Verpiss dich, du scheinheiliger Kerl.

»Nina?« Rasmus’ leise Stimme holt Nina aus ihren Gedanken. Das Hüsteln hat aufgehört.

»Ja?« Nina verschluckt sich an ihrem Wasser und hustet nun ihrerseits.

»Ich lese gerade Jami Harjulas Bericht über den Fundort der Leiche. Hier steht, dass die Frau keinen Mantel oder Jacke anhatte. Und dass an der Leiche auf den ersten Blick keine Spuren äußerlicher Gewalt zu sehen sind und dass sie höchstens einige Tage im Wasser gelegen hat«, berichtet Rasmus.

»Was hat das mit …« Nina hustet würgend in die Faust. Das Wasser, das sich in ihre Luftröhre verirrt hat, lässt sie ausgerechnet jetzt an Ertrinken denken. Wie schrecklich muss es sein, wenn sich das Wasser nicht heraushusten lässt, sondern unweigerlich in die Lunge eindringt. Der Frau in der Aurinkolahti-Bucht ist offenbar genau das passiert. Was für eine entsetzliche Art zu sterben.

»Solltest du dich nicht auf diesen Fall konzentrieren, Rasse?«, sagt Nina mit zusammengekniffenen Augen, als der Husten nachlässt. »Überlass die Frau dem Streifenpolizisten.«

»Aber mir geht der Rucksack nicht aus dem Sinn …«

»Der Rucksack?«

»Die Personalpapiere der Frau steckten im Rucksack. Den sie auf dem Rücken hatte, als sie gefunden wurde.«

»Na und?«

»Die Tote hat keinen Mantel an. Und trotzdem einen Rucksack. Findest du das nicht seltsam, wenn man bedenkt, dass die Temperatur da draußen bei null Grad liegt?«

»Seltsam? Ja. Unsere Sorge? Nein«, sagt Nina.

»Wie kann jemand im November ins Wasser geraten, ohne Straßenkleidung, aber mit einem Rucksack?«

»Vielleicht ist sie vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs ins Meer gefallen.«

»Ich hab schon die Passagierlisten der größten Reedereien überprüft … Und beim Grenzschutz …«

»Rasse!«, fällt ihm Nina mit flehender Stimme ins Wort. Sie hat nicht genug Energie, um über einen Fall nachzudenken, der ihnen nicht zugeordnet wurde. Das Verschwinden von Yamamoto und Nervander gibt ihnen schon genügend Rätsel auf. Aber Rasmus will nicht nachgeben.

»Der Name findet sich da nicht. Außerdem, wenn ein Passagier verschwindet – ob auf einem großen oder kleinen Schiff – erfährt die Notrufzentrale und somit die Polizei davon. Und wenn man die Routen der Passagierschiffe an der Helsinkier Küste berücksichtigt, ist die Alternative praktisch ausgeschlossen. Die Leiche wurde in gutem Zustand gefunden und …«

Nina bedenkt Rasmus mit einem Blick, der eisig genug ist, um Männer seiner Art – die nicht ganz so selbstsicheren und schlagfertigen – zum Schweigen zu bringen.

»Mensch, Rasse, du hast doch mit dem Instagram von diesem Akifumi alle Hände voll zu tun.«

»Schon, aber …«

»Aber was?«

»Hier steht, dass die Frau Kniestrümpfe, einen lila Minirock, eine Bluse und eine Krawatte trägt.«

»Na und?«, fragt Nina und sieht, dass die ewige Unsicherheit, die Rasmus ins Gesicht geschrieben steht, einer bei ihm seltenen Entschlossenheit gewichen ist. Er sieht sie an, als wäre ihr etwas Wesentliches entgangen. »Woraus willst du hinaus, Rasse?«

»Kniestrümpfe, weiße Bluse, kurzer lila Rock und Krawatte. Und ein pinkfarbener Rucksack«, zählt Rasmus auf und schiebt seinen Laptop zur Seite, sodass Nina ihn genauer sieht. Die Schuppen auf den Schultern seines Pullovers sind aus zwei Metern Entfernung verblüffend deutlich zu erkennen. Und plötzlich versteht Nina, was Rasmus meint.

»Zum Teufel, Rasse. Denkst du, dass …«

»Die Frau könnte direkt aus einem Manga-Comic stammen.«