»Was ist?«, fragt Jessica, während Sahib ihr die Tür aufhält, als wäre er bei der Arbeit und sie ein Ehrengast.
»Komm und sieh es dir an«, sagt Jusuf und geht mit energischen Schritten in das Büro des Restaurantchefs. Aus den Lautsprechern kommt Tanzmusik, allerdings noch längst nicht so laut wie während der Öffnungszeiten. Jusuf eilt an den Schreibtisch und greift nach der Maus. Jessica beugt sich hinter ihn. Auf dem Monitor erscheint ein Fenster mit einer Schwarz-Weiß-Aufnahme, die von der Decke aus gemacht wurde.
»Die Kamera ist im großen Saal vor der Tanzfläche.«
»Aha.«
»Siehst du den Typ?« Jusuf zeigt auf einen Mann asiatischer Herkunft, der vor den Fenstern steht. »Der ist als einer der ersten Gäste gekommen. Der Portier hat ihn nach seinem Namen gefragt und ihn auf der Liste vermerkt. Der einzige Gast, der sich trotz Aufforderung nicht an der Spider’s Web-Wand fotografieren ließ.«
»Na ja, er ist Asiate, aber viel älter als Akifumi.«
»Ich meine auch nicht, dass er es wäre«, sagt Jusuf und zoomt das grobkörnige Bild größer. Jessica glaubt, den Teergeruch eines Shampoos oder Haarbalsams zu riechen, obwohl Jusuf die Haare so kurz trägt, dass an beidem nicht wirklich Bedarf besteht.
»Sondern?«, fragt Jessica. »Derjenige, der bei Lisa ein Gemälde gekauft hat?«
»Genau. Guck dir das an.« Jusuf spult das Video vorwärts. Am unteren Rand laufen die Minuten so schnell wie Sekunden.
»Siehst du? Es vergeht fast eine Dreiviertelstunde, und der Typ rührt sich nicht von seinem Platz am Fenster. Die Bar füllt sich mit Gästen, die Leute plaudern und schlendern herum. Aber dieser Kerl steht die ganze Zeit buchstäblich wie eine Statue vor dem Fenster und guckt nur ein paar Mal auf sein Handy. Er hat ganz offensichtlich keine Bekannten auf der Party, niemand grüßt ihn.«
»Er wartet«, folgert Jessica.
»Genau. Und dann … Sieh dir das an.«
Auf der schwarz-weißen Videoaufnahme holt der Mann sein Handy aus der Tasche, tippt darauf herum und hält es ans Ohr. Die Digitaluhr am unteren Rand zeigt 18:41:12.
»Der Typ ruft jemanden an, aber sein Mund bleibt zu.«
»Weil der Anruf nicht angenommen wird.«
»Richtig. Er wartet eine Weile, schaltet das Handy aus und steckt es wieder in die Tasche. Und hier …« Jusuf klickt das Video von der Garderobe an. »Lisa gibt ihre Sachen an der Garderobe ab. Und wirft einen Blick auf ihr Handy.«
»Und die Uhrzeit ist …«
»18:41:18. Meiner Meinung nach kann kein Zweifel bestehen. Der Typ hat versucht, Lisa anzurufen.«
»Aber sie hat sich nicht gemeldet.«
»Vielleicht wusste sie nicht, dass der Typ sie da drinnen erwartet. Dass sie ihm auf jeden Fall bald begegnen würde. Ob sie wollte oder nicht.«
Jusuf holt das Bild des Mannes, der mit ernster Miene vor dem Fenster steht, erneut auf den Monitor. Die Aufnahme ist nicht besonders scharf, doch das Gesicht des Mannes ist verblüffend deutlich zu erkennen. Sein Gesicht sieht aus, als wäre es aus einem Gemälde ausgeschnitten und mit einem anderen zusammengefügt worden, mit einem, zu dessen Stimmung es überhaupt nicht passt.
»Spul mal vorwärts, zu der Stelle, wo Lisa den Saal betritt«, bittet Jessica.
Jusuf klickt auf die Spultaste, und am unteren Rand rast die Zeit wieder vorwärts. Nach einer Weile kommt Lisa in einem auffallenden Kleid ins Bild. Jusuf wechselt zum normalen Tempo. Auf der Aufnahme unterhält sich Lisa eine Weile mit einer Frau in mittleren Jahren, hinter der ein Fotograf steht. Eine Reporterin. Dann bleibt Lisa stehen, um einen dunkelhäutigen Jungen zu umarmen, und geht schließlich allein zur Fotowand. Blitzlichter zucken, als sie für die Fotografen posiert.
»Guck mal, wie der Typ Lisa anstarrt«, sagt Jusuf und zeigt auf den Mann, der immer noch an derselben Stelle steht, zehn Meter von der Fotowand entfernt.
»Der wirkt wie ein verdammter Geist«, flüstert Jessica. »Wie ein Gespenst.«
»Ein Gespenst«, wiederholt Jusuf leise. »Du sagst es.«
Lisa bekommt ein Glas Sekt und lässt den Blick durch den Saal wandern.
»Guck.«
Die Aufnahme zeigt Lisas Augen nicht, aber ihre Körpersprache und das zum Fenster gewandte Gesicht verraten Jessica und Jusuf, dass sie den Mann bemerkt und erkannt hat.
»Das Warten wird belohnt«, sagt Jusuf leise.
Eine Weile sehen Lisa und der Mann sich nur an. Dann stürmt eine Schar junger Frauen herbei, sie begrüßen Lisa und bilden eine Mauer zwischen ihr und dem Fenster. Eine von ihnen fasst Lisa am Handgelenk und zieht sie offenbar in die Menschenmenge. Lisa wirft jedoch noch einen raschen Blick auf den Mann, bevor sie aus dem Bild verschwindet. Und jetzt geht auch der Mann davon.
»Okay. Sie haben sich erkannt«, sagt Jessica.
»Eindeutig.«
»Und? Was ist danach passiert?«
»Ich muss mir die Aufnahmen vom ganzen Abend ansehen. Vielleicht reden sie irgendwann miteinander«, meint Jusuf.
»Fang am Ende an. An der Garderobe. Sieh dir an, mit wem Lisa die Bar verlässt. Und ob der Mann zur gleichen Zeit geht – oder vielleicht sogar mit ihr zusammen«, sagt Jessica und klopft Jusuf auf die Schulter.
»Das kann eine Weile dauern.«
»Macht nichts. Ich ruf Rasse an und bitte ihn um die Teledaten von Lisas Handy. Besonders interessant ist der Anschluss, von dem Lisa um zwanzig vor sieben angerufen wurde.«
»Hoffen wir, dass es kein Prepaidhandy ist, das jetzt irgendwo im Müll liegt«, sagt Jusuf, dehnt die Arme und fährt fort: »Und dann brauchen wir noch die Gästeliste.«
Jessica geht zur Tür und sieht, wie der breitbeinig auf der Terrasse stehende Türsteher sich die nächste Zigarette anzündet.
»Das dürfte kein Problem sein«, flüstert Jessica und merkt, dass sie lächelt. »Liste ist Liste.«