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Sahib legt einen Stapel zusammengeheftete Blätter auf den Tresen. Die Namen stehen in zwei Spalten nebeneinander, offenbar mehrere hundert. Frank Dominis ist einmal vorbeigekommen, um sich nach dem Fortgang der Befragung zu erkundigen, und hat betont, dass die Namen absolut vertraulich zu behandeln sind.

»Möchten Sie was trinken?«, fragt Sahib und tritt hinter die Theke. Jessica wirft einen Blick auf den Gang zur Garderobe und auf die Vorhänge, bei denen Frank Dominis sich mit einer von Kopf bis Fuß tätowierten jungen Frau unterhält, deren Gesicht dank Botox zum chronischen Duckface geworden ist. Die Art, wie Dominis seine Finger über die Schulter der Frau wandern lässt, sagt mehr als tausend Worte.

»Ein Wasser, bitte«, sagt Jessica, und Jusuf verdoppelt die Bestellung mit einem Kopfnicken.

»Sie erinnern sich also an den Mann, aber nicht an seinen Namen?«, fragt Jusuf. Sie haben Sahib die Videoaufzeichnungen aus dem Saal und von der Garderobe gezeigt. Sahib sieht sich die Aufnahmen von dem asiatischen Mann noch einmal genau an, als wollte er ihnen eine zweite Chance geben.

Jessica fühlt, wie ihr Handy vibriert. Sie zieht es hervor und liest die eingegangene Nachricht. Zweimal, um sicherzustellen, dass sie versteht, was sie liest. Was zum Teufel? Sie muss gleich mit Jusuf reden.

»Ich erinnere mich, dass er als einer der Ersten kam. Und dass es kein finnischer Name war«, sagt Sahib, holt zwei Gläser unter der Theke hervor und lässt aus dem langen Hahn Wasser hineinlaufen. Jessica steckt ihr Handy in die Tasche zurück.

»Hat er Finnisch gesprochen?«

»Verdammt, das weiß ich nicht mehr. Er hat wohl nur seinen Namen genannt. Wie fast alle anderen, die ich nicht kannte«, antwortet Sahib.

»Auf der Liste stehen außer Yamamoto keine japanischen Namen. Oder andere asiatische, soweit ich sehe«, seufzt Jessica nach einer Weile und macht sich daran, die Liste noch einmal durchzusehen.

»Ziemlich engstirnig gedacht, es kann doch sein, dass er einen finnischen Namen hat«, kommentiert Jusuf und lacht ungläubig auf.

»Natürlich. Aber wenn der Typ ein Helsinkier der zweiten oder dritten Generation ist, warum hat er dann in Lisas Wohnung nicht Finnisch mit ihr gesprochen?«, wendet Lisa ein, als Sahib hinter der Theke verschwunden ist. »Als er das Bild bestellt hat.«

Jusuf trinkt einen Schluck Wasser und zuckt die Achseln.

»Sie haben wohl niemanden nach dem Ausweis gefragt?«, erkundigt er sich bei Sahib, der mit einem Bierkasten zurückkommt.

»Nur ein paar. Wenn ich sie nicht kannte und wenn sie jung aussahen. Aber der Typ, den Sie meinen, war so um die vierzig.«

»Sie erinnern sich also an gar nichts?« Jessica runzelt die Stirn.

Sahib schüttelt den Kopf und lächelt schief. »Glauben Sie, ich würde lügen?«

»Manchmal erinnert man sich erst, wenn man in die richtige Richtung geschubst wird«, antwortet Jusuf versöhnlich.

»Es herrschte von Anfang an ein ziemliches Gedränge. Da kommt man nicht zum Nachdenken. Der Ablauf ist ziemlich klar: Man grüßt, fragt nach dem Namen und streicht ihn auf der Liste durch. Dann nimmt man den Mantel und gibt die Garderobenmarke raus. Die Namen sind alphabetisch nach dem Nachnamen geordnet«, erklärt Sahib und öffnet eine Dose Coca-Cola Zero. »Vielleicht war es ein englischer Name.«

»Davon stehen hier ziemlich viele«, sagt Jessica mit einem Blick auf die Liste. »Sehen Sie noch einmal alle durch und versuchen Sie, sich zu erinnern. Wir müssen den Namen herausfinden. Streichen Sie die Namen aller Männer durch, die Sie persönlich kennen. Danach soll Dominis dasselbe tun. Mal sehen, wer dann übrigbleibt«, fährt sie fort, reicht Sahib die Liste und holt einen Kugelschreiber aus der Tasche.

»Okay«, sagt Sahib und trinkt langsam von seiner Cola.

Jessica fasst Jusuf am Ärmel seines Pullovers und dirigiert ihn zur Terrassentür.

»Was ist?«, fragt er, als sie außer Hörweite sind.

»Rasmus hat eine Nachricht geschickt.«

»Über die Teledaten?«

»Nein. Hör zu. Nina und Rasmus haben eine mögliche Verbindung zwischen der Frau aus der Aurinkolahti-Bucht und unserem Fall entdeckt«, sagt Jessica und wirft einen Blick über Jusufs Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe ist.

»Was?«

»Allem Anschein nach ist das Opfer, eine 22-jährige Ukrainerin, in eine Schulmädchenuniform gekleidet – oder vielleicht gekleidet worden.«

»Schulmädchen?«

»Wie aus einem Manga-Comic.«

»Was zum Teufel?«

»Du sagst es.«

»Wer ermittelt dazu?«

»Jami Harjula.«

»Glaubst du, dass er uns zugeschoben wird?«, fragt Jusuf und verschränkt die Arme.

»Der Fall oder Harjula?«

»Beide.«

»Vielleicht. Meiner Meinung nach macht die Manga-Frau von Aurinkolahti die ganze Sache eindeutig zu einem Mordfall. Und das ist noch nicht alles. Der Fundort der Leiche ist ziemlich genau da, wo Jason Nervanders Handy zuletzt lokalisiert wurde.«

»Ich brauch jetzt eine Kippe«, sagt Jusuf und streicht sich über den kurzgeschorenen Schädel.

»Nur zu.« Jessica nickt zur Terrasse hin.

Gedankenverloren sieht sie Jusuf nach, der auf die Terrasse geht. Dann wendet sie den Blick zu den offenen Vorhängen und der dahinter liegenden Garderobe. Sie sieht Frank Dominis, der sein Handy ans Ohr hält und sie anstarrt. Er beendet das Gespräch abrupt, lächelt Jessica zu und verschwindet hinter dem Vorhang.