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Als Helena Lappi auf den runden Knopf drückt, schließt sich die Aufzugstür und lässt sie einen Moment allein mit ihrem heftig pochenden Herzen. Sie presst den Aktenordner, den Jens Oranen ihr gegeben hat, fest an sich und spürt die Macht, die er ihr bringt, geradezu körperlich. Wenn die Information zutrifft, wenn es in Jessica Niemis Vergangenheit tatsächlich irgendwelche psychischen Probleme gibt, wird für Hellu plötzlich alles leichter. Dann ist die aufmüpfige und rebellische Kriminalhauptmeisterin Jessica Niemi psychisch labil, was ihr unberechenbares Verhalten erklärt und einen hervorragenden Grund bietet, sie loszuwerden. Jens Oranen hat betont, dass die Sache hinter verschlossenen Türen gründlich untersucht werden muss. Wenn die Situation es erfordert, muss Jessica Niemi stillschweigend von ihren Aufgaben entbunden werden, ohne dass die Medien Wind davon bekommen, dass eine psychisch kranke Ermittlerin mehr als zehn Jahre mit Pistole und Dienstabzeichen bei der Polizei tätig war. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aus Hellus Sicht fällt das Ergebnis auf jeden Fall positiv aus: Die erste Alternative ist die, dass Niemi bleiben darf, aber fürchten muss, dass Hellu alles enthüllt, und deshalb nach ihrer Pfeife tanzt. Die zweite Alternative bedeutet, dass Hellu sie stillschweigend und endgültig absägt. Und als dritte Möglichkeit das, wovor die oberste Etage Angst hat: eine öffentliche Entlassung, die Schlagzeilen macht und das Polizeipräsidium in ein schlechtes Licht rückt, Hellu aber als willkommene Whistleblowerin erscheinen lässt und demonstriert, dass Erne Miksons Epoche ein für alle Mal vorbei ist. Während der alte Querkopf Probleme unter den Teppich gekehrt hat, ist Helena Lappi diejenige, die Ordnung in die Sache bringt.

Die Aufzugstür öffnet sich in der dritten Etage, und Hellu macht sich resolut auf den Weg zu ihrem Zimmer. Da hört sie hinter sich eine tiefe Männerstimme mit einer ordentlichen Dosis Whisky-Bass.

»Entschuldigung, Helena …«

Die Stimme gehört Kriminalmeister Jami Harjula, den Hellu ausgeschickt hat, um sich die Leiche der jungen Frau in der Bucht anzusehen. Der große, schlaksige Harjula ist unter den neuen Mitarbeitern in Hellus Einheit für Gewaltverbrechen eindeutig am empfänglichsten und am leichtesten zu behandeln: Er respektiert Autoritäten und ist außerdem der einzige Ermittler im ganzen Haus, der eine negative Haltung zu Jessica Niemi zu haben scheint. Und genau deshalb will Hellu ihn in ihrer Nähe haben.

»Harjula«, sagt Hellu und bleibt wartend stehen. Harjula. Die anderen werden am Arbeitsplatz mit dem Vor- oder einem Spitznamen angesprochen, Harjula nur mit dem Nachnamen. So wie bei der Armee, wo Hellu für alle Unteroffizier Lappi war.

»Die Frau aus Vuosisaari ist jetzt bei SS«, sagt Harjula. SS wird die berüchtigte Rechtsmedizinerin Sissi Sarvilinna genannt, die im rechtsmedizinischen Labor an der Kytösuontie fast immer im Dienst zu sein scheint, wenn die Polizei dort eine Leiche anliefert. Die Kollegen witzeln oft, dass Sissi Sarvilinna alle künftigen Morde für einen Monat im Voraus in ihren Kalender einträgt, damit sie nur ja keine Gelegenheit zur Obduktion verpasst.

»Okay.« Hellu wirft einen verstohlenen Blick auf den Ordner in ihrer Hand. Er enthält einen Schatz, eine unermesslich wertvolle Information.

»Gibt es etwas Besonderes?«, fragt sie.

»Vielleicht.« Harjula holt ein Foto auf das Display seines Handys und hält es Hellu hin. »Die Frau hat am rechten Ellbogen ein ziemlich frisches Branding. Punkte, die einen Kreis bilden.«

»Was bedeutet das?«

»Keine Ahnung.«

Hellu sieht Harjula von unten herauf an und scrollt durch die Fotos, die er am Ufer gemacht hat. Sie stoppt bei einem Bild, das die ganze Leiche zeigt. Am Ufer liegt eine schöne junge Frau, deren blonde Haare zu Zöpfen geflochten sind. Ihre Haut ist nicht bläulich, sondern eher schneeweiß. Die Kleidung, die einer Schuluniform gleicht, besteht aus Minirock, Bluse und Krawatte. Kniestrümpfe bedecken einen Teil der unter dem kurzen Rock sichtbaren Beine. An beiden Seiten des Brustkorbs verläuft ein pinkfarbener Gurt, der offenbar zu einem Rucksack gehört. Hellu spürt einen Stich in der Brust. Über Verbrechen und deren Opfer kann man im Kollegenkreis Witze reißen, aber beim Anblick von Leichenfotos vergehen einem die Worte. »Ein Branding? Könnte das eine Art Markierung sein?«

»Das habe ich auch überlegt.«

»Hast du mit Rasmus Susikoski gesprochen?«, fragt Hellu und misst mit dem Blick ihren zwanzig Zentimeter größeren Mitarbeiter, der unter der hellen Neonröhre steht und seinen Schatten auf sie wirft.

»Mit Susikoski? Nein. Wieso?«

»Die Kleidung«, erklärt Hellu und reicht ihm das Handy zurück. »Die vermisste Bloggerin, nach der Niemis Team sucht. Lisa Yamamoto. Die ist Manga-Künstlerin.«

»Das ist ja ein Ding«, sagt Harjula.

Hellu betrachtet seine langen, schmalen Finger, die sich um das Handy legen.

»Genau. Sag Niemi, dass du bei ihr mitmachst.«

Harjula wirkt skeptisch, was Hellu unbeschreiblich guttut. Jami Harjula ist tatsächlich ihr Verbündeter. Sie schenkt ihm ein fast unmerkliches Lächeln.

»Diesmal machen wir es so, dass Jessica die Ermittlung leitet. Obwohl du als Erster in Vuosaari warst«, sagt sie und wirft einen Blick auf ihre Uhr. »Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich darum, dass du alles bekommst, was du brauchst. Und wenn es Probleme gibt, komm sofort zu mir.«