Jessica setzt sich an den Computer und schlägt die Beine übereinander. Jusuf macht Zigarettenpause, aber der Monitor ist an. Jessica greift nach der Maus und zoomt auf das Gesicht des Mannes am Fenster. Sie nimmt das Handy aus der Tasche und fotografiert den Bildschirm, obwohl die Auflösung alles andere als optimal ist. Dann betrachtet sie die Aufnahme auf ihrem Handy und hofft, dass Jusuf einen anderen Bildwinkel entdeckt, der das Gesicht des Mannes aus größerer Nähe und genauer zeigt.
Plötzlich erscheint anstelle des Gesichts Rasmus’ Name auf dem Display.
»Hallo, Rasmus.«
»Hallo. Jetzt habe ich alle Anrufdaten. Von einem Anschluss … Er beginnt mit +81, ist also ein japanischer Anschluss, und von ihm wurde Yamamotos Nummer innerhalb einiger Tage viele Male angerufen, und auch umgekehrt«, berichtet Rasmus.
»Und jetzt? Ist das Handy an?«
»Nein. Es war zuletzt gestern eingeschaltet, den Sendemastdaten nach kam das letzte Signal um zehn nach drei am Nachmittag aus Töölö. Nur dreihundert Meter von Lisas Wohnung.«
»Verdammt«, sagt Jessica, schnappt sich einen Stift vom Tisch und nimmt einen Bogen Papier aus dem Drucker. »Wann wurde Lisa angerufen und umgekehrt?«
»Neben der Uhrzeit, die du mir genannt hast, noch zwei Mal am selben Tag, also am Samstag, um 17:15 und 17:56 Uhr. Lisa hat keinen der drei Anrufe angenommen. Aber am Tag davor hat Lisa selbst um 09:30 Uhr diese Nummer angerufen, ebenso einen Tag vorher um 08:12 Uhr. Den letzten … oder chronologisch gesehen den ersten Anruf bekam Lisa am 20. November um 17:12 Uhr.«
»Am 20. Am Mittwoch also«, murmelt Jessica nach einem Blick auf den Wandkalender im Büro. »Lisas Mitbewohnerin hat erzählt, dass ein japanisch sprechender Mann am Mittwoch zwischen fünf und sechs in der Wohnung war.«
»Das Gespräch hat nur fünf Sekunden gedauert.«
»Das macht Sinn. Am Haus war die Klingel kaputt, deshalb hat er Lisa von der Straße aus angerufen. Was bestätigt, dass es derselbe Typ ist wie auf dem Video aus dem Nachtclub.«
»Großartig«, sagt Rasmus. »Bisher habe ich schon festgestellt, dass die Nummer in Japan nicht öffentlich ist. Ich schreibe gerade eine Bitte um Amtshilfe nach Tokio, und wenn wir Glück haben, bekommen wir bald genauere Informationen über den Anschluss und den Besitzer des Handys.«
»Textnachrichten?«
»Nicht von diesem Anschluss.«
»Okay. Bitte den Provider um eine Karte der Bewegungen des Anschlusses«, sagt Jessica. »Und schick mir die Telefondaten jetzt gleich.«
Sie ist schon im Begriff, das Gespräch zu beenden, hebt das Handy dann aber schnell wieder ans Ohr. »Noch was, Rasse.«
»Ja?«
»Danke. Gute Arbeit.«
Jessica hört beinahe, wie Rasmus errötet.
»Da nich für. Du solltest dich auch bei Nina bedanken. Sie …«
Jessica legt auf. Sie tritt gegen den Papierkorb unter dem Schreibtisch und wirft das Handy auf die Tischplatte. So weit sind wir noch nicht.
Sie betrachtet die Daten und Uhrzeiten, die sie aufgeschrieben hat. Lisa und das Gespenst haben sich am Mittwoch getroffen. Danach hat Lisa den Mann am Donnerstag und am Freitag angerufen. Am Samstag hat das Gespenst seinerseits versucht, Lisa zu erreichen, doch sie hat die Anrufe nicht angenommen. Da der Mann nach dem Samstagabend kein einziges Mal mehr angerufen hat, weiß er vermutlich, dass Lisa sich nicht melden würde.
Jessica legt den Stift auf den Tisch.
Als es klopft, blickt sie auf und sieht Sahib, der mit dem Papierbündel an der Tür steht.
»Es gibt einige Namen, die weder Frank noch ich kennen«, sagt er und reicht Jessica die Liste. Der Daumen seiner freien Hand steckt wieder in der Tasche der Trainingshose. Nun bemerkt Jessica am Zeigefinger des Mannes einen schwarzen Ring, offenbar ein topmoderner, mit Sensoren ausgestatteter Oura-Ring.
»Ich würde vorschlagen, dass Sie mit Kex oder den Leuten seiner Plattenfirma reden. Die müssten ja jeden Gast auf der Liste kennen«, fährt er fort, während Jessica die Liste überfliegt. Die meisten Namen sind durchgestrichen.
»Okay«, sagt sie. Sie hat die Augen auf die Liste in ihrem Schoß gesenkt, spürt aber immer noch den Blick des großen Mannes. Nach einer Weile hebt sie den Kopf.
»Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«, fragt sie.
»Nein, und Sie mir?«, gibt Sahib lächelnd zurück. »Sie wollten mich doch hier haben.«
»Zwei Menschen werden vermisst. Haben wollen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck.«
»Dann eben nicht«, brummt Sahib mit einem Blick auf seine riesige Uhr.
Jessica mustert seine faltenlose Trainingshose und die fleckenlosen weißen Turnschuhe. Der Mann ist auf seine Art elegant oder hat sein lässiges Outfit jedenfalls gut gewählt.
»Halten Sie Ihr Handy eingeschaltet«, sagt sie.
»Yes, Ma’am.«
Sahib trommelt mit den Fingern auf den Türrahmen und verschwindet.
Kurz darauf tritt Jusuf durch die Tür, als wolle er das Vakuum füllen, das Sahib hinterlassen hat. Der alte Zigarettengeruch weicht frischerem.
»Hast du ihn nach Hause gehen lassen?«, fragt Jusuf, die Hände in die Hüften gestemmt.
»Auf der Liste sind ungefähr zehn Männer, die wir überprüfen müssen. Ich rede mit dem Rapper und falls nötig auch mit seiner Plattenfirma.«
»Du? Nicht wir?«
»Du bleibst hier und siehst dir den Rest der Aufzeichnungen an. Aus Pasila kommt jemand und macht Kopien, dann kannst du notfalls im Dezernat weitermachen.«
Jusuf schüttelt den Kopf, aber nicht aus Protest. Die Geste ist eher eine Art Reflex, die nicht Jessicas Autorität in Frage stellt, sondern seine eigene Berufswahl. Er hat oft gesagt, wie sehr er es bereut, früher nicht hundertprozentig auf den Sport gesetzt zu haben. Allerdings würde er sich mit über dreißig wahrscheinlich inzwischen schon dem Ende seiner Karriere in der Unihockey-Liga nähern.
»Was ist mit der Liste?«
Jessica reicht ihm die Papiere.
»Verdammt, das ist keiner von denen«, flucht Jusuf, während er die Seiten überfliegt.
»Rasmus hat gerade angerufen, die Telefonnummer gehört zu einem japanischen Anschluss.«
»Aha. Liege ich falsch mit der Vermutung, dass die japanischen Behörden noch eine ganze Weile brauchen werden, um den Besitzer auszugraben?«
»Nein. Aber der Prozess wird wohl beschleunigt, weil eine der Betroffenen Halbjapanerin ist.«
»Wann bekommen wir weitere Infos?«, fragt Jusuf. Jessica zuckt mit den Schultern.
Sie stützt sich auf den Tisch, steht auf und wird plötzlich von einem seltsamen Déjà-vu-Gefühl erfasst, als wäre sie früher schon einmal in diesem Raum gewesen.
»Gehen Sie?«, fragt Frank Dominis, der neben Jusuf an der Tür aufgetaucht ist.
»Ich ja, Jusuf nicht«, antwortet Jessica und zieht sich den Mantel an.
Dominis streicht sich unsichtbaren Staub vom Hemd.
»Schade«, sagt er.
»Was ist schade?«
»Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen«, grinst Dominis augenzwinkernd und eilt dann dahin, wo die Stimme der tätowierten Frau zu hören ist. Jessica sieht ihm angewidert nach.
Was für ein Schleimer, verdammt.