Die hohen, unbelaubten Bäume im Kapteeni-Park schwenken ihre Äste im Takt des Windes. Auf einer Holzbank sitzt eine Frau, die sich nach vorn gebeugt hat und mit ihren drei kleinen Hunden schimpft. Die Hundeleinen haben sich ineinander verwickelt, und die Frau ist unzufrieden.
Jessica betritt das Restaurant Sea Horse an der Ecke des Parks und trifft im Foyer auf einen Portier im dunklen Anzug.
Im Sea Horse herrscht auch zur Mittagszeit Garderobenpflicht – was es zu einem nach Helsinkier Maßstäben ungewöhnlichen Restaurant macht. Auch sonst ist das unter dem Spitznamen Sikala bekannte Restaurant eine exotische Erscheinung im Stadtteil Ullanlinna, dessen Bevölkerung in den 2010er Jahren jünger und trendbewusster geworden ist: Die Inneneinrichtung hat sich offenbar seit der Eröffnung 1934 kaum verändert. Wie Jusuf es einmal ausgedrückt hat, ist das Sikala so out, dass es fast schon wieder in ist.
Jessica zeigt dem Portier unauffällig ihren Dienstausweis und geht weiter, ohne ihren Mantel abzugeben.
Die Mittagszeit hat ihren Höhepunkt erreicht, und das Lokal ist entsprechend gut besucht. Vom Büfett steigt Jessica der Duft des Hackbratens einladend in die Nase. An der Bartheke wird Moscow Mule gemixt und in Kupferbecher gefüllt, die vermutlich für die Herrenrunde in der vorderen Loge bestimmt sind.
Jessica geht weiter zum Ende des Saals und sieht einen Raum, an dessen offener Tür »Schwarzes Pferd« steht. An einem kleinen Tisch neben der Tür sitzt ein muskulöser, tätowierter junger Mann, der von seiner Zeitung aufblickt, als sie sich nähert. Der Bodyguard des Künstlers.
Der Mann wirft einen Blick auf die Karte, die Jessica um den Hals hängt, und nickt herablassend, als würde sie seine Erlaubnis brauchen, um den Raum zu betreten.
Sie geht am Tisch vorbei hinein. An einem langen Tisch am Ende des Raums sitzt ein jüngerer Mann in schwarzem Hoodie und weißer Jeans, der auf seinem Smartphone herumtippt.
»Hallo«, sagt er lässig, als er Jessica sieht, legt das Smartphone auf den weißgedeckten Tisch, steht auf und gibt ihr die Hand.
Der Künstler, der unter dem Namen Kex Mace’s rappt, hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen, dass sicher jeder sein Gesicht kennt. Doch die Stimme des Mannes klingt anders, als Jessica sie in Erinnerung hat, es ist nicht die Stimme, mit der er seine Texte rappt, und auch nicht die, mit der er im Radio oder im Fernsehen spricht.
Jessica stellt sich vor, holt erneut ihren Dienstausweis hervor und zeigt ihn dem Rapper.
»Tim«, erwidert der Mann, was an sich höflich ist. Jessica hat sich immer über Prominente geärgert, die sich nicht die Mühe machen, ihren Namen zu nennen, sondern davon ausgehen, dass ihn alle kennen. Und das ist ja oft auch der Fall. Es geht jedoch eher um die höfliche Geste als darum, das Gegenüber zu informieren.
»Der Portier achtet genau darauf, dass die Mäntel an der Garderobe bleiben«, sagt Tim lächelnd. Seine Stimme ist tief und charismatisch. »Nur Polizisten dürfen im Mantel rein.«
Jessica nimmt ihm gegenüber Platz.
»Jetzt wissen also alle, dass ich mich mit einer Polizistin treffe«, witzelt Tim und setzt sich wieder hin.
Jessica betrachtet eine Weile die Augen des Mannes, die trotz seines gelassenen Wesens unruhig und müde sind. Zu seinem schwarzen Hoodie von Oakland Raiders trägt er eine dicke Halskette aus Weißgold.
Jessica nickt zur Tür hin. »Sitzt da Ihr Bodyguard beim Kaffee?«
Tim lacht schallend. »Ein Freund. Ich hab ihn gebeten, eine Weile rauszugehen, damit wir ungestört sind.«
»Wie schön, wenn man Freunde hat«, sagt Jessica. Bei ihrem sarkastischen Tonfall wird Tim Taussi ernst.
Jessica mustert den Mann, sein eckiges Gesicht und das kräftige Kinn. Die blauen, klaren Augen wirken trügerisch ehrlich. Der Typ ist gleichzeitig ein Junge aus der Nachbarschaft und doch weltmännisch. Kex Mace’s ist insofern eine Seltenheit unter den finnischen Promis, als er sich bewusst über die gewöhnlichen Sterblichen erhoben hat. Alles war von Anfang an eine Kopie der großen Welt: Chauffeure, Bodyguards, Hubschrauber. Den Klatschblättern nach hat er im vorigen Jahr seine Freunde im Privatjet zum Konzert von Eminem in Stockholm fliegen lassen. Trotzdem hat er, aus der Nähe betrachtet, nicht die Ausstrahlung einer großen Pop-Ikone, sondern wirkt wie ein ziemlich normaler Bursche, der nach mehrtägigem Feiern verkatert ist.
»Danke, dass Sie sich so kurzfristig Zeit für ein Treffen nehmen konnten«, sagt Jessica und schlägt die Beine übereinander.
»Wahrscheinlich würde ich sowieso hier sitzen, in meinem Wohnzimmer.« Tim gähnt. »Ich wohne fünf Etagen höher, im Loft.«
Er zeigt mit dem Finger zur Decke, und Jessica weiß nicht, ob er erwartet, dass sie aufblickt und vor Bewunderung nach Luft schnappt. Sie hat den Eindruck, dass in diesem Raum und an diesem Tisch feuchtfröhliche Partys gefeiert und viele kurzfristige Freundschaftsbeziehungen geknüpft worden sind.
»Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen zu Lisa Yamamoto stellen«, erklärt sie.
Als Tim den Namen hört, wird er schlagartig ernst. »Ich hab keinen Schimmer, wo sie ist. Die Sache macht mir richtig Angst«, sagt er.
Neben ihnen ist ein großes Fenster, hinter dem jemand Flaschen in den Recycling-Container wirft. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die Aktion ist bald beendet, aber das Geräusch von zerbrechendem Glas hallt noch eine Weile in den Ohren nach.
»Erzählen Sie mir von Samstagabend, von der Feier zur Veröffentlichung Ihres Albums. Haben Sie mit Lisa geredet?«
Tim Taussi runzelt die Stirn und blickt zum Fenster hinaus.
»Ja. Irgendwas bestimmt. Wir sind Freunde. Aber wenn Sie meinen, ob sie mir was gesagt hat, woraus man irgendwelche Schlüsse ziehen könnte …« Er schüttelt den Kopf. »An so was erinnere ich mich nicht.«
»Hier oben wurde dann weitergefeiert. In Ihrer Wohnung.«
»Ja, wir sind aus dem Fenix direkt hierher.«
»War Lisa dabei?«
Tims Blick wandert vom Fenster zur Decke, dann zu Jessica und zum Schluss zu seinen eigenen Fingerknöcheln, über die er mit den Fingern der anderen Hand streicht. An seinem unbehaarten Handgelenk schimmert eine goldene Day-Date.
»Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher.«
»Sie sind sich nicht sicher?«
»Ich war total daneben. Wir waren vielleicht zwanzig … Nein, ich glaub nicht, dass sie dabei war. Ich meine, ich hab darüber nachgedacht, als ich gelesen hab, dass sie verschwunden ist. Und ich hab mit ein paar Leuten darüber geredet, wer alles bei mir war. Niemand erinnert sich, dass er sie gesehen hätte. Aber wäre ja nicht das erste Mal, dass auch mehrere irgendwas übersehen.«
»Würden Sie mir einen Gefallen tun und alle anrufen, die Ihrer Erinnerung nach bei der Nachfeier waren? Ich muss Gewissheit haben, ob Lisa hier mitgefeiert hat oder nicht.«
»Na klar. Aber ich bin mir zu fünfundneunzig Prozent sicher, dass sie nicht hier war. Jedenfalls nicht lange.«
Jessica öffnet auf ihrem Handy den vergrößerten Screenshot von der Aufnahme der Überwachungskamera und zeigt ihn Tim.
»Wissen Sie, wer das ist?«
Tim Taussi sieht sich das Bild konzentriert an.
Hinter der Wand erschallen freudige Ausrufe. Offenbar haben die Moscow Mules ihr Ziel erreicht.
»Nein«, sagt Taussi schließlich.
»Erinnern Sie sich, ihn gesehen zu haben?«
»Wo? Bei der Feier? Nein …«
Tims Befremden erscheint Jessica echt. Das Gespenst ist mit den ersten Gästen zu der Party gekommen, hat sich aber nicht mit Kex Mace’s fotografieren lassen. Der Künstler hat die erste Dreiviertelstunde an der Fotowand verbracht, und in dieser Zeit hat sich der Saal zusehends gefüllt. Es ist also durchaus möglich, dass sich die Blicke von Kex und dem Gespenst kein einziges Mal gekreuzt haben.
»Okay«, sagt Jessica, zieht den Reißverschluss ihres Mantels ein Stück herunter, holt den dünnen Papierstapel aus der Brusttasche und legt ihn dem Rapper hin.
»Sehen Sie sich die Namen an, die noch nicht durchgestrichen sind.«
Tim geht die Liste rasch durch. Auf seinem stumm geschalteten Handy gehen pausenlos Mitteilungen ein. Jessica fährt der Gedanke durch den Kopf, dass ein Mensch, der ständig im Mittelpunkt steht, leicht zum Dreckskerl werden kann.
»Okay«, sagt Tim und sieht Jessica an. »Was ist mit denen?«
»Kennen Sie alle?«
»Ja. Jeden Einzelnen.«
Jessica räuspert sich verwundert. Wie ist das möglich? Jusuf hat gesagt, auf der Aufnahme der Überwachungskamera sei zu sehen, dass Sahib die Ankunft des Mannes auf der Gästeliste vermerkt. Dennoch ist er nicht unter den Männern auf der Liste. Irgendjemand muss hier lügen.
»Und keiner von ihnen ist dieser Typ?«, fragt Jessica und legt einen Finger auf das Display ihres Handys. Sie muss immer wieder dieselben Fragen stellen. Bei polizeilichen Ermittlungen geht es oft in erster Linie darum, die Erinnerung der Menschen zu wecken, ihre Aufmerksamkeit auf winzige Details zu lenken, die man sonst leicht übersieht.
»Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wer das ist. Und er ist definitiv keiner von diesen Namen«, sagt Tim mit einem Blick auf seine Uhr.
»Okay.« Jessica gibt sich alle Mühe, ihre Frustration zu verbergen. Rasch geht sie alle drei Seiten der Liste durch, um sich zu vergewissern, dass Tim nichts übersehen hat. Alles scheint jedoch bedauerlich klar, an seiner Aussage gibt es nichts zu deuteln.
»Und Jason Nervander?«, fragt sie dann und steckt die Liste in die Tasche.
Tim Taussis Miene verfinstert sich. »Was ist mit ihm?«
»Haben Sie irgendeine Idee, wo er vor seinem Verschwinden gewesen ist?«
»Ich hab das Arschloch seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.«
Jessica verschränkt die Hände auf dem Tisch. Sie erinnert sich an Sahibs Worte. Die Leute von Kex haben keinen Respekt vor Jason. Die spontane Reaktion des Rappers scheint diese Einschätzung zu bestätigen.
»Arschloch?«, hakt sie nach und legt fragend den Kopf schräg.
»Genau.«
»Sie haben etwas gegen ihn?«
Tim blickt zur Tür, als wolle er sich vergewissern, dass er immer noch allein mit Jessica ist. Und auch, dass der als Freund titulierte Bodyguard immer noch vor der Tür sitzt.
»Und wie. Er hat Lisa schlecht behandelt.«
»Inwiefern?«
Tim seufzt, diesmal schwer.
Jessica weiß, dass es schwierig sein kann, mit der Polizei zu reden, vor allem, wenn es um die Angelegenheiten eines anderen Menschen geht. Schwierig und manchmal auch gefährlich. Bei einigen geht es gegen ihr Prinzip.
»Sie waren irgendwann mal zusammen. Vielleicht vor einem Jahr. Aber Jason, der Wichser …«
Tim verstummt. Jessica erinnert sich an Essis Aussage, Jason habe Lisa betrogen. Wenn man an Tims eigenen Ruf denkt, wirkt es allerdings ein bisschen albern und scheinheilig, dass er die lockere Moral anderer Menschen verurteilt.
»Er hat sie geschlagen«, sagt Tim nach einer Weile, und Jessica spürt, wie ihre Wachsamkeit wächst. Davon hat Essi kein Wort gesagt.
»Jason hat Lisa geschlagen?«
»Ich bin auch kein Heiliger«, meint Tim und lächelt melancholisch. »Aber als Jason bei einem Seitensprung erwischt wurde und Lisa ihn danach gefragt hat, ist er wütend geworden und hat ihr in die Fresse gehauen. Das ist wohl ein paar Mal passiert, ehe sie sich endgültig getrennt haben. Seitdem hat Jason auf unseren Partys nichts mehr zu suchen.« Tim klingt jetzt eher wie der aus den Medien bekannte Künstler als wie er selbst. Vielleicht ist Kex Mace’s mehr als nur ein Rap-Name, vielleicht ist es ein dreistes Alter Ego, das in regelmäßigen Abständen an die Oberfläche dringt, mit großen Gefühlen und einer lauten Stimme.
»Hat Lisa das bei der Polizei angezeigt?«, fragt Jessica, obwohl sie weiß, dass sie inzwischen längst auf die Anzeige und die eventuelle Anklageerhebung gestoßen wäre.
Tim zuckt träge mit den Schultern und schüttelt den Kopf.
»Ich verstehe. Danke, Tim. Eine letzte Frage noch«, sagt Jessica. Sie holt ein anderes Foto auf das Display ihres Handys. Es ist eine bei Facebook kopierte sonnige Aufnahme von Olga Belousova, der Frau, die jetzt auf einem Untersuchungstisch im rechtsmedizinischen Labor liegt. Auf dem Bild steht Olga, eine Schiffermütze auf dem Kopf, an Deck eines kleinen Motorbootes, im Hintergrund schimmert eine Stadt, die in der Ortsangabe am Rand des Fotos als Odessa bezeichnet wird.
»Kennen Sie diese Frau?«, fragt Jessica und zeigt Tim das Bild.
Sie behält sein Gesicht im Blick, wie sie es immer tut, wenn sie versucht, bei einer Befragung den kleinsten Hinweis darauf zu entdecken, dass etwas ungesagt bleibt.
Und tatsächlich kommt die Reaktion diesmal eine Spur zu schnell, gerade so, als hätte Tim es eilig, die Frage so zu beantworten, wie er es im Voraus beschlossen hat.
»Nein«, sagt er und gibt ihr das Handy zurück.
»Sind Sie sicher?«
»Ja.« Tim verschränkt die Arme im Nacken. »Wer ist das?«
Jessica sieht ihn bedeutungsvoll an und steht auf. »Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt. Egal was. Und fragen Sie alle nach Lisa. Ob sie bei der Nachfeier dabei war oder sich mit irgendwem ein Taxi geteilt hat. Wir müssen das wissen.«
Tim nickt und stemmt die Hände in die Seiten. Nicht trotzig, sondern irgendwie gelangweilt.
Als Jessica den Raum verlässt, bedenkt Kex’ Freund sie mit einem langen, verächtlichen Blick.
»Braver Hund«, sagt sie und sieht aus den Augenwinkeln noch die plötzlich verblüffte Miene des Mannes.
Als sie zwischen den Tischen der Mittagsgäste hindurch zum Ausgang geht, ist sie absolut sicher, dass der momentan verkaufsstärkste Künstler Finnlands sie gerade angelogen hat.