Jessica steigt an der Ecke der Tehtaankatu und der Kapteeninkatu in ein Taxi und bittet die Fahrerin, zum Wendeplatz an der Eevankatu in Pasila zu fahren, einen Block vom Polizeigebäude entfernt. Sie nimmt oft ein Taxi, wenn sie dienstlich allein unterwegs ist, manchmal auch morgens, um rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen. Doch sie fährt nie direkt beim Polizeigebäude vor, damit ihre Kollegen nicht misstrauisch werden. Mitunter investiert sie auch ihr eigenes Geld, um Informanten zu bestechen. Bei Leuten, die etwas wissen, haben überzählige Fünfziger noch nie geschadet.
Es gibt Momente, in denen Jessica ein schlechtes Gewissen hat, weil sie Nutzen aus ihrem großen Eigentum zieht.
Es ist verdammt stressig und mühsam, ihren Reichtum vor den Kollegen zu verbergen. Keiner von ihnen weiß, dass Jessicas schäbige Einzimmerwohnung im Stadtteil Töölö nur Kulisse ist, dass ihr wirkliches Zuhause nebenan liegt, eine fast zehnmal so große, zweistöckige Wohnung voller Antiquitäten und unermesslich wertvoller Kunst. Dass die Aktien, die sie von ihren vor langer Zeit verstorbenen Eltern geerbt hat, irgendwann einmal zig Millionen Finnmark wert waren. Und dass die Ziffer heute noch höher ist, obwohl die Währung auf Euro umgestellt wurde.
Wenn sie ihre Kollegen in ihre Einzimmerwohnung einlädt, muss sie sorgfältig darauf achten, dass sich in der Wohnung alles Notwendige findet. Das ist ihr nicht immer gelungen. Zum Beispiel hat Jusuf sich einmal über den Gestank gewundert, der aus dem Abfluss im Bad stieg, weil die Dusche seit über einem Monat nicht benutzt worden war. Seitdem bemüht Jessica sich, vor dem Eintreffen der Gäste wenigstens einige Stunden in der Wohnung zu verbringen, damit sie halbwegs bewohnt erscheint.
Manchmal fragt sie sich, was dieses Versteckspiel überhaupt soll. Würde sich die Einstellung ihrer Kollegen wirklich verändern, wenn sie ihnen verraten würde, dass sie Millionärin ist? Würde Jusuf ihr die Freundschaft aufkündigen, wenn er es wüsste?
Erne war der Einzige, der Jessicas Hintergrund kannte, der vom tragischen Schicksal ihrer Familie und ihrem großen Vermögen wusste. Er wusste auch, dass Jessica angeschlagen war. Aber all diese Geheimnisse wurden im letzten April mit ihm begraben.
Die seit zwei Tagen vermissten Influencer Jason Nervander …
Jessica braucht einen Moment, um zu begreifen, dass die leisen Worte kein Produkt ihrer Fantasie sind, sondern aus dem Lautsprecher im Taxi kommen.
»Sorry, könnten Sie das ein bisschen lauter stellen?«, sagt sie zu der Fahrerin, die den Knopf wortlos ein Stück weiter nach rechts dreht.
… die Ermittlungsleiterin, Hauptkommissarin Helena Lappi vom Gewaltdezernat der Helsinkier Polizei, sagte, die Polizei gehe von einem Verbrechen aus. Lappi erklärte, in Anbetracht der Umstände sei es unwahrscheinlich, dass die beiden aus freiem Willen unauffindbar sind. Angaben über Jason Nervander und Lisa Yamamoto werden an die Helsinkier Polizei erbeten. Der gestrige heftige Wind über dem Finnischen Meerbusen …
»Danke«, sagt Jessica, worauf die Taxifahrerin das Radio wieder leiser stellt.
»… Prank«, murmelt sie. Jessica merkt erst nach ein paar Sekunden, dass die Worte an sie gerichtet sind.
»Bitte?«
»Ein Prank, um mehr Publicity zu bekommen. Die fischen nach Aufmerksamkeit, sage ich Ihnen«, fährt die Taxifahrerin fort, und Jessica begegnet ihrem verdrossenen und seltsam verbitterten Blick im Rückspiegel.
»Na, ich weiß nicht«, gibt sie zurück und holt ihr Handy hervor, in der Hoffnung, dem Gespräch damit ein Ende zu bereiten.
Die Fahrerin ist jedoch nicht zu bremsen. »So ein unverantwortliches Treiben. Die vermitteln jungen Mädchen und Jungen ein total unrealistisches Bild von der Welt. Es hockt ja wohl keiner die ganze Zeit beim Fine Dining und bei Drinks oder sitzt mit dem Boyfriend am Strand, die Zehen im Sand. Mein Gott nochmal. Früher war das anders, da hat man vielleicht mal eine Ansichtskarte aus Jalta geschickt …«
Jessica sagt nichts, sie hofft, dass die Fahrerin verstummt, hört aber, dass sie tief Luft holt, als wolle sie zu einem neuen Redeschwall ansetzen.
»Meine Tochter ist gerade zwanzig. Sie schwärmt auch von diesem neuen Gesundheits-Quatsch. Komba oder Kombo … Irgendwas total Unverantwortliches. Ich glaub, es war gerade diese verschwundene Yoko Ono, die es in den Social Media empfohlen hat.«
»Yamamoto. Lisa Yamamoto«, korrigiert Jessica seufzend. Jetzt entdeckt sie über dem Taxameter die Abiturfotos von zwei jungen Erwachsenen. Ein Mädchen und ein Junge.
»Ja, ja. Von mir aus auch Mitsubishi …«
Das Klingeln ihres Handys rettet Jessica.
»Hallo«, sagt sie leise, während die Fahrerin weiterredet.
»Hallo, wo bist du?«, fragt Jusuf.
Jessica dreht den Kopf zum Fenster und spricht so leise, dass die Taxifahrerin ihre Worte bestimmt nicht aufschnappen kann. »Gerade aus dem Sea Horse gekommen. Der Künstler ist sich ziemlich sicher, dass Lisa nicht bei ihm auf der Nachfeier war. Außerdem kannte er alle verbliebenen Personen auf der Liste, das Gespenst muss also an der Liste vorbei zur Party gekommen sein.«
»Seltsam. Ich hab auf der Aufnahme nämlich deutlich gesehen, wie der Sahib die Liste prüft …«
»Ich weiß. Hast du sonst noch was entdeckt?«
»Lisa und das Gespenst reden gegen halb neun kurz miteinander. Ein paar Minuten in einer Ecke des Saals, unter vier Augen. Dann geht der Mann weg.«
»Ganz weg?«
»Ja.«
»Und Lisa? Mit wem geht sie?«
»Beim allgemeinen Aufbruch. Schwer zu erkennen, aber das Gute ist, dass es in der näheren Umgebung so viele Kameras gibt wie in Monaco, es gibt praktisch keine toten Winkel. Wir können sie ziemlich weit verfolgen, mindestens bis dahin, wo sie ein Taxi nimmt, falls sie eins genommen hat.«
»Ruf Rasmus an, er soll die Aufnahmen bei der Stadt besorgen.«
»Okay.«
Jessica wirft einen Blick auf ihre Uhr. Im selben Moment bremst das Taxi scharf an einer gelben Ampel. Die Fahrerin redet immer noch, obwohl Jessica in der letzten Minute kein einziges Wort registriert hat.
»Jusuf, es ist schon eins. Sehen wir uns Olga an. Schaffst du es in einer Viertelstunde zum Labor?«
»Ich brauch eine halbe Stunde.«
Jessica legt das Handy an ihre Brust und unterbricht die Fahrerin in ihrem Monolog. »Entschuldigung, eine kleine Änderung. Fahren Sie mich bitte in die Kytösuontie, zum Rechtsmedizinischen Institut.«
Jessica wartet die Bestätigung der Fahrerin ab. Dann hört sie Jusufs Stimme am Handy. »Hä? Fährst du Taxi?«