Sissi Sarvilinna öffnet eine Holzkiste, holt eine kleine, durchsichtige Packung Honig heraus und presst den Inhalt in eine Tasse mit dampfendem Wasser. Dann verschwinden ihre langen Finger erneut in der Kiste, eine weitere Packung wird geöffnet und ebenfalls ins Wasser entleert.
Sarvilinna öffnet den Mülleimer mit der Spitze ihres Holzschuhs und wirft die Plastikkapseln zum restlichen Abfall.
»Man gewöhnt sich an alles«, sagt sie und rührt mit einem kleinen Löffel ihr Getränk um. Jessica und Jusuf wechseln einen fragenden Blick.
»Honig«, fährt Savilinna düster fort. »Früher hat mir eine Kapsel gereicht. Jetzt sind es zwei. Bald brauche ich schon drei.«
Jessica nickt und lächelt vorsichtig. Die alltägliche Verrichtung, deren Zeugen sie gerade geworden sind, passt perfekt zu dem steifen und pragmatischen Wesen der Rechtsmedizinerin. Andere würden den Honig direkt aus dem Glas nehmen, aber dann wäre es schwieriger, die Menge abzuschätzen. Indem sie die Kiste mit kleinen Packungen füllt, die man wohl kaum im Supermarkt kaufen kann, verwirklicht Sissi Sarvilinna offenbar ihr Bedürfnis nach totaler Kontrolle. Vielleicht hat sie die Kapseln vom Servierwagen im Flugzeug oder beim Frühstücksbuffet im Hotel geklaut.
»Mögt ihr Honig?«, fragt Sarvilinna und führt die Tasse an den Mund.
Jessica will gerade etwas sagen, doch da spricht die Pathologin schon weiter: »Ich habe ihn immer gemocht. Immer, von Kind an.«
Es ist geradezu erstaunlich, wie schnell Sarvilinna die Flüssigkeit, die noch vor ein paar Minuten im Wasserkocher gebrodelt hat, herunterschluckt. »Aber gleichzeitig habe ich ihn für selbstverständlich gehalten. Den Honig – dass Honig immer erhältlich ist. Erst neulich habe ich gelesen, dass eine Biene in ihrem ganzen Leben ein Zwölftel eines Teelöffels Honig produziert. Könnt ihr euch das vorstellen?«, fährt sie fort, ohne eine Miene zu verziehen. »Für einen einzigen Teelöffel braucht es also den lebenslangen Arbeitseinsatz von zwölf Bienen.«
»Klingt ziemlich irre«, sagt Jusuf.
»Ziemlich irre?«, wiederholt Sarvilinna abschätzig und trinkt noch einen Schluck. »So eine Kapsel enthält fünfundzwanzig Gramm Honig. Ich trinke zweimal täglich heißes Honigwasser und nehme jeweils zwei Kapseln, das heißt, ich verbrauche hundert Gramm Honig pro Tag. Richtig?«
»Nach Adam Riese, ja«, antwortet Jessica und steckt die Hände in ihre Jackentaschen. Sie erinnert sich nicht, Sarvilinna jemals so gesprächig erlebt zu haben. Und sie hätte sich wahrhaftig nicht vorstellen können, dass es bei ihrem ersten nichtdienstlichen Gespräch um Blumen und Bienen gehen würde.
»Für meine Tagesdosis braucht man zweihunderttausend Landungen auf einer Blüte, achttausend Flugkilometer und das Lebenswerk von fünfundsiebzig Bienen.«
»Wie lange leben …«
»Kommen wir zur Sache?«, sagt Sarvilinna barsch, als wären Jessica und Jusuf diejenigen, die sich über Bienen unterhalten wollten. »Damit wir hier nicht bloß quasseln, auf Kosten der Steuerzahler.«
Sie stellt ihre Tasse auf den Tisch und geht dann zwischen ihnen hindurch zu dem Metalltisch, auf dem die mit einem Plastiktuch bedeckte Leiche liegt.
Einige Sekunden lang spricht niemand. Jessica lauscht dem Summen der Ventilation an der Decke, der es zu verdanken ist, dass der Kopfschmerzen verursachende Formalingeruch nicht unerträglich wird.
»Was wissen wir?«
»An dieser Stelle muss ich euch enttäuschen«, sagt Sarvilinna.
Jessica runzelt die Stirn.
»Die Todesursache …« Sarvilinna streift sich Handschuhe über. »Es war nicht ganz leicht, sie festzustellen. Aufgrund der Kieselalgen-Untersuchung lässt sich aber definitiv ausschließen, dass die Frau ertrunken ist.«
Sie mustert Jessica, als wolle sie prüfen, ob die Hauptermittlerin weiß, wovon sie spricht. Und Jessica weiß es. Die in Finnland entwickelte Kieselalgen-Untersuchung ist eine erstaunlich zuverlässige Methode, um festzustellen, ob das Opfer ertrunken oder erst nach dem Tod ins Wasser geraten ist. Wenn ein Mensch ertrinkt, atmet er Wasser ein, und die darin enthaltenen Diatomeen oder Kieselalgen gelangen aus den Atemwegen in die Adern. Über den Blutkreislauf verbreiten sie sich blitzschnell im ganzen Körper. Für die Untersuchung entnimmt man Proben aus dem Gehirn, der Lunge, dem Herz, der Leber und den Nieren. Wenn sich in diesen Organen Kieselalgen finden, kann man davon ausgehen, dass es sich um Tod durch Ertrinken handelt. Und da es Millionen verschiedene Arten von Kieselalgen gibt, kann man obendrein schlussfolgern, ob das Opfer da ertrunken ist, wo es gefunden wurde.
»Die Lunge hat sich also erst nach dem Tod mit Wasser gefüllt?«, fragt Jessica.
Sarvilinna nickt und fährt nach einer kurzen Pause fort: »Äußere Verletzungen ausschließlich am Brustbein und an den Rippen. Kleine Brüche.«
»Von einer Reanimation?«, schlägt Jusuf vor. Sarvilinna lächelt freudlos.
»Beeindruckend«, sagt sie und entfernt das Tuch vom Oberkörper der nackten Leiche. An beiden Seiten des aufgesägten und wieder zugenähten Brustkorbs von Olga Belousova sind dunkle Flecken zu erkennen. »Wie ihr seht, hat man energisch versucht, die Frau wiederzubeleben, und zwar nicht heute früh, sondern bevor sie im Wasser gelandet ist.«
»Professionell?«, fragt Jessica.
Sissi Sarvilinna zuckt die Achseln.
»Derartige Verletzungen entstehen oft bei festem Druck auf den Brustkorb. Auch dann, wenn ausgebildete und erfahrene Profis am Werk sind. Es lässt sich also unmöglich sagen, ob es ein erfahrener Sanitäter oder ein Amateur war. Angesichts des Endresultats dürfen wir wohl davon ausgehen, dass die Wiederbelebung nicht den gewünschten Erfolg hatte«, sagt sie mit einem schiefen Lächeln. »Sonst wäre die Frau nicht in meiner Sprechstunde erschienen.«
Sie geht um den Untersuchungstisch herum und lässt ihre Finger über das Tuch gleiten, das Olgas Unterleib verdeckt. Jessica wird seit Langem von dem Gedanken verfolgt, dass Rechtsmediziner eine ganz spezielle Einstellung zu Leichen haben: nicht gleichgültig oder gefühllos, wie viele glauben, sondern eher kameradschaftlich. Als würde der Tod die Menschen nicht trennen. Praktisch sind wir ja alle tot. Was uns unterscheidet, ist nur der Zeitpunkt des Endes. Wir folgen dir bald nach, Olga.
»Ein Punkt verdient allerdings Beachtung: Die Frau hat unter starkem Flüssigkeitsverlust gelitten«, sagt Sarvilinna schließlich mit einem Blick auf die Uhr, die unter ihrem weißen Kittel hervorschaut. »Nicht so wie ein Mensch, der längere Zeit nichts trinkt, sondern unter einer schnell entstandenen Dehydration. Sie hat sich vor ihrem Tod heftig übergeben, worauf auch die Befunde im Mund und in der Speiseröhre hinweisen. Die ersten Blutproben haben ergeben, dass das Hämoglobin und das Volumen der roten Blutkörperchen erhöht sind, was ebenfalls auf Flüssigkeitsverlust hindeutet.«
»Heftig übergeben … Die Todesursache hat also mit irgendetwas zu tun, was die Frau gegessen oder getrunken hat?«, fragt Jessica leise und hat das Gefühl, Olgas Gesicht würde sich bei ihren Worten verziehen.
»Wahrscheinlich, denn ich habe an der Toten keine Einstiche gefunden. Den Mageninhalt habe ich zur toxikologischen Untersuchung geschickt. Eine Blutprobe ebenfalls.«
»Wie lange …?«, setzt Jusuf an.
»Die Ergebnisse kommen, wenn sie kommen«, fällt Sarvilinna ihm ins Wort und blickt suchend zum anderen Ende des Raums. »Du heißt Jusuf, stimmt’s?«, fragt sie dann plötzlich, als habe sie gerade eine ferne Erinnerung zu fassen bekommen.
Jusuf nickt, die Hände in die Seiten gestützt. »Jusuf Pepple.«
»Hör mal, Jusuf Pepple, könntest du mir das heiße Honigwasser bringen? Die Tasse, meine ich.«
Jusuf sieht sie ungläubig an und deutet mit dem Daumen fragend in die Richtung, aus der sie sich gerade der Toten genähert haben.
»Wenn du so freundlich wärst«, sagt Sarvilinna. »Ich will mit den Handschuhen nicht durch die Gegend wandern.«
Jusuf macht sich auf den Weg.
»Und das da?«, fragt Jessica und nickt zur Ellbogenbeuge der Toten hin.
»Brandwunden ersten Grades. Kein Zweifel. Sicher eine schmerzhafte Prozedur, falls die Frau bei Bewusstsein war. Ich habe Proben von dem verbrannten Gewebe entnommen, vielleicht findet sich da etwas. Zum Beispiel Spuren von dem Material, mit dem die Brandmale gemacht wurden.«
Jusuf kehrt mit der Tasse zurück und reicht sie Sarvilinna, die ihn dankend anlächelt.
»Danke, Jusuf Pepple. Und seht euch das hier an.« Sie berührt mit der Fingerspitze die unebene Haut um die Brandwunden herum. »An dieser Stelle ist in der Haut etwas passiert, was sich nicht allein durch die Brandwunden erklären lässt. Es muss sich um eine Art Entzündung handeln.«
»Was könnte die Ursache sein?«
»Zum Beispiel, dass irgendein Stoff in die Wunden gelangt ist.«
»Etwas, was eigens hineingestreut wurde?«, fragt Jessica.
Sarvilinna nimmt einen Schluck von ihrem Getränk, schwenkt ihn kurz im Mund und zuckt mit den Schultern.
»Geduld, Niemi. Das klärt sich bei der toxikologischen Analyse.«
Jessica hebt einen Fuß und streicht den Schlamm von der Seite ihres weißen Turnschuhs.
»Gibt es sonst noch was?«, erkundigt sie sich.
»Die Finger sind dunkel verfärbt. Auch unter den Fingernägeln habe ich eine kleine Menge schwarze Schmiere – vermutlich dieselbe – gefunden und ins Labor geschickt. Vielleicht hilft uns das weiter, oder dann eben nicht.« Sarvilinna hebt die weißen Finger der Toten vorsichtig an.
»Und die Todeszeit?«
»Ich würde sagen, dass die Frau seit drei bis vier Tagen tot ist.«
Jessica zählt die Tage im Kopf. Die Frau muss also in der Nacht von Samstag auf Sonntag gestorben sein. Jason Nervander war, soweit bekannt, zu dieser Zeit in der Nähe.
»Hast du eine Idee, wann wir mit den Ergebnissen rechnen können?«, fragt Jusuf.
Sarvilinna zaubert ein überraschendes Lächeln auf ihr Gesicht, dessen Bedeutung rätselhaft bleibt. »Ich arbeite noch bis Freitag, dann fahre ich für zwei Wochen in Urlaub«, sagt sie, leert ihre Tasse und fügt hinzu: »Nach Bali. Da soll es schön sein. Jedenfalls möchte ich die Resultate vor meiner Abreise haben, ich werde also Druck machen. Aus irgendeinem Grund interessiert mich dieser Fall ganz besonders. Nicht zuletzt wegen der Kleidung der Frau und wegen dieser Brandmale. Ui, ein großes Rätsel.«
»Prima«, sagt Jessica mit einem Blick auf ihre Uhr. Es fällt ihr schwer, sich die Rechtsmedizinerin in einer sonnigen Gegend vorzustellen. Sarvilinna ist ein Mensch, dem die Regenwolken garantiert bis in die Sahara folgen würden.
Sissi Sarvilinna zieht sich die Handschuhe aus und geht zu dem verchromten Waschbecken. Sie wirft die Handschuhe in den Abfallbehälter, blickt sich um und schüttelt den Kopf. Dann rückt sie die grüne Schutzhaube über ihren aufgesteckten Haaren zurecht. Sie ist groß und schlank, auf klassische, wenn auch ein wenig furchterregende Art schön, aber ihr scharfes schneeweißes Gesicht strahlt keinerlei sexuelle Energie aus.
»Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal zwei Wochen in Urlaub war«, sagt sie händereibend. »Was ihr in diesem Raum riecht, den Tod … Ich nehme ihn gar nicht mehr wahr, mein Geruchssinn ist längst abgestumpft. Aber ich fürchte, dass mich nach zwei Wochen Abwesenheit die Berufskrankheit der Rechtsmediziner packt, desire cadaveris.«
»Was ist das?«
Sarvilinna entblößt wieder ihre Zähne. »Die Sehnsucht nach einem Kadaver.«