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Rasmus Susikoski nimmt die Brille ab und betrachtet sein verschwommenes Bild im Spiegel der Männertoilette. Er reibt sich die Nase und tastet mit der Daumenspitze über die höckerige Kante des Nasenbeins. Seit einem einseitigen Schlagabtausch auf dem Pausenhof vor langer Zeit ist es verformt. Keilerei, Gerangel, Klopperei: nette Worte, die sich im Auge des Gesetzes nur dadurch von einer Misshandlung unterscheiden, dass die Beteiligten minderjährig sind. Rasmus hat so oft die Faust zu spüren bekommen, dass er nicht weiß, ob er selbst damals in der Schulzeit mit Sicherheit hätte sagen können, wer ihn jeweils verprügelt hatte und warum. Eins steht jedenfalls fest: Rasmus trug in der Regel selbst die Schuld an den Gewaltausbrüchen seiner Mitschüler. Es ging immer um etwas, was er sagte oder was er ungesagt ließ. Er äußerte seine Meinung, wenn niemand danach gefragt hatte, und erstarrte andererseits zum Eiszapfen, wenn man eine vernünftige Erklärung für seine Äußerung von ihm forderte. Was hast du grade gesagt, du Schwuli? Scheiße, nenn mir einen einzigen Grund, warum ich dich nicht gleich fertigmache.

Rasmus setzt die Brille wieder auf und seufzt. Die schiefe Nase macht ihn nicht hässlich. Oder eher: Die Nase allein macht ihn nicht hässlich. Daran, dass er hässlich und abstoßend ist, kann kein Zweifel bestehen, denn sonst würde er ja nicht in der oberen Etage des Holzhauses seiner Eltern im Vorort Käpylä wohnen, in einem Zimmer, in dem seine Mutter staubsaugt und jeden Dienstag die Bettwäsche wechselt.

Mitunter hat Rasmus das Gefühl, dass nur ein kleiner Anstoß, ein Schubs in den Rücken nötig wäre, damit er in eine eigene Wohnung zieht: eine fast unmerkliche Anspornung von Vater und Mutter. Aber die Eltern scheinen nicht an Rasmus’ Chancen zu glauben, als wüssten sie, dass seine Flügel angeknackst sind und er bei dem Versuch, das Nest zu verlassen, geradewegs gegen eine Felsspitze fliegen und sich das Genick brechen würde. Die Welt da draußen ist hart, Rasse. Sehr hart. Was fehlt dir denn bei uns?

Manchmal, meist nachts, begegnet Rasmus der Realität: Er will weinen und ins Kissen schreien, mit dem Lichtschwert den ganzen nutzlosen Plastikkram auf den Boden fegen, der sein Regal füllt. Und dann, nachdem er selbst aufgeräumt, den Fußboden gesaugt und zum Schluss blitzblank geschrubbt hätte, würde er seinen Koffer packen und in eine eigene Wohnung ziehen, möglichst weit weg. Mindestens ans andere Ende von Helsinki.

Aber so ist Rasmus Susikoski nicht. Er hat immer getan, was Vater und Mutter ihm gesagt haben, hat die Zähne zusammengebissen und seinen Ärger heruntergeschluckt. Man hat ihm eingeredet, dass nur wenig im Leben so läuft, wie man es sich wünscht, und dass es in aller Regel nichts bringt zu murren. Lass sie schlagen, Rasse. Lass sie lachen. Sie sind im Grunde nur neidisch, und es reicht, wenn du das weißt.

Neidisch worauf?

Die Toilettentür öffnet sich, und Rasmus erschreckt sich fast zu Tode. Ein großer und magerer, in vielerlei Hinsicht originell aussehender Mann tritt ein. Jami Harjula. Er hat schmale Finger und tellergroße Hände, mit denen er einen ganzen Basketball umfassen könnte.

Rasmus nickt grüßend. Harjula geht auf eine der Kabinen zu, dreht sich dann aber überraschend um.

»Hör mal, Susikoski«, sagt er, baut sich vor Rasmus auf und stemmt die Hände in die Seiten. »Was hältst du von der Manga-Sache?«

Rasmus hebt und senkt das Kinn, weil der intensive Blick des großen Mannes zu drückend wird.

»Ist eigentlich nicht so mein Ding …«, beginnt er, doch Jami Harjula unterbricht ihn mit einem herzlichen Lachen.

»Ich meine, glaubst du, dass die beiden Fälle zusammenhängen?«

Rasmus nimmt ein paar Papierhandtücher aus dem Halter und trocknet sich sorgfältig die Finger ab. Das Wasserrohr in der Wand rauscht, als auf der Frauentoilette abgezogen wird.

»Ja«, sagt er und schluckt. »Meiner Meinung nach ist das völlig klar.«

Eine Weile sieht Jami Harjula Rasmus an und nickt. Nicht kritisch oder misstrauisch, sondern eher interessiert. Harjula ist einer der wenigen männlichen Ermittler im Gewaltdezernat, die nicht versuchen, durch ihre physische Erscheinung Eindruck zu schinden. Harjulas Ego, sofern er eins hat, macht sich vielleicht eher zu Hause und in der Freizeit bemerkbar. Trotzdem fühlt Rasmus sich in Gegenwart des großen Mannes wie ein kleiner, mickriger Käfer.

»Spricht für diese Hypothese noch etwas anderes als die Kleidung, in der Olga Belousova gefunden wurde?«, fragt Harjula.

»Das wird sich wohl bei der Besprechung herausstellen«, antwortet Rasmus und wirft die zusammengeknüllten Papierhandtücher in den Abfallkorb. »In einer Viertelstunde.«

Er greift nach der Klinke, aber Jami Harjula tritt einen Schritt zur Seite und zwingt ihn stehenzubleiben.

»Okay, schon gut. Ich meine ja nicht, dass ich es nicht glaube. Oder wer weiß …«, sagt er, merkt offenbar, wie unnötig seine Geste ist, und zieht sich ein Stück zurück. »Aber eigentlich wollte ich dich etwas anderes fragen. Über jemanden, den du viel besser kennst als ich.«

»Wen?«

»Niemi.«

Rasmus spürt, dass sich sein Puls leicht beschleunigt.

»Jessica?«

»Genau. Jessica. Weil ich eigentlich bisher noch nie mit ihr gearbeitet habe …«

»Unter ihr«, korrigiert Rasmus leise und bereut es sofort. Er sieht sich auf dem Schulhof, wo er vor einem Gleichaltrigen, der ihn um einen ganzen Kopf überragt, das Falsche sagt.

Jami Harjula schlägt jedoch nicht zu, natürlich nicht, sondern lächelt wieder freundlich. »Genau, unter ihr. In diesem Fall«, sagt er und kratzt sich am Kinn. »Und du hast offenbar schon öfter unter ihr gearbeitet.«

»Ja.«

»Ich dachte bloß, dass …«

Rasmus sieht Harjula fragend an. Egal, was du gegen Jessica im Schilde führst, von mir hast du keine Hilfe zu erwarten.

Harjula presst die Lippen zusammen und mustert die Türen der Kabinen, offenbar um sich zu vergewissern, dass sie ungestört sind. Dann öffnet er den Mund, um etwas zu fragen, bringt aber kein Wort heraus. Schließlich lacht er auf und schüttelt den Kopf. »Schon gut, Susikoski. Sorry. Hab nur so dahingeredet. Wir sehen uns bei der Besprechung.«