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Jessica nimmt zwei Stufen auf einmal, wie sie es als Kind immer getan hat, und spürt die Milchsäure in ihren Beinen pochen, als sie sich dem Treppenabsatz im vierten Stock nähert. Mit 34 ist der Mensch noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Es wäre wohl klüger, beim Joggen, das in letzter Zeit fast manisch geworden ist, eine kleine Pause einzulegen. Umso mehr, als sie auf der Strecke im Zentralpark komischen Käuzen begegnen kann, die Salmiakschnaps trinken, von Heiligabend faseln und sie erwürgen wollen.

Jessica bewältigt die letzten Stufen und öffnet mit ihrer Schlüsselkarte die Tür zum Gewaltdezernat.

Sie passiert ein Dutzend Schreibtische, an denen Polizisten sitzen, die ihre Dienstmarke um den Hals tragen. Bei einem klingelt pausenlos das Telefon. Finger eilen über Tastaturen. Meist versammeln sich einige am Tisch eines Kollegen, um dienstliche Dinge zu besprechen oder sich einfach nur komische Katzenvideos anzusehen. Jetzt ist jedoch nichts dergleichen im Gange, sondern alle hocken vor ihren Computern und heben grüßend das Kinn, als sie vorbeigeht. Es ist Jessica erst kürzlich klargeworden, dass fast alle von ihr Notiz nehmen und sie grüßen. Sie hat immer gewusst, dass sie Blicke auf sich zieht, obwohl sie sich bemüht hat, in der Masse unterzugehen. Dass die männlichen Kollegen ihr mehr Aufmerksamkeit schenken als den anderen Frauen, liegt nicht daran, dass sie sich so sehr von den anderen abhebt: Jessicas Art, sich zu geben, ist ungewollt auffällig. Auf niedliche Art burschikos. Die Idioten kapieren nicht, dass Jessica weiß, was in den Umkleideräumen hinter geschlossenen Türen geredet wird. Obwohl die Gesellschaft sich entwickelt, obwohl Zeiten und Sitten sich ändern, bleiben Männer offenbar immer Männer, zumindest im Polizeigebäude in Pasila. Offene sexuelle Belästigung ist allerdings auch hier passé. Warum soll man sich also beklagen? Außerdem hat Jessica im Laufe der Jahre ein paar Mal von der Konstellation profitiert. Wenn große Jungs A sagen, müssen sie auch B sagen, ob sie vergeben sind oder nicht.

Jessica nickt Marjut zu, der Expertin für Brandstiftung, die am Kaffeeautomaten steht und sich den Zeigefinger leckt.

Wieder die ganze Woche draußen vor Ort, aber erst am Kaffee verbrenn ich mir die Finger.

Jessica lacht auf und geht weiter zum Besprechungszimmer. Bei den Kolleginnen weckt sie keine negativen Gefühle, wie sie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Männer an manchen Arbeitsplätzen auslösen kann. Hellu scheint Jessica allerdings nicht ertragen zu können, und Nina, na ja, Nina hat treffliche Gründe, Jessica nicht zu mögen.

Wenn man vom Teufel spricht.

»Es ist zehn nach«, sagt Hellu und klopft auf ihre Smartwatch. Nina, die gerade noch neben ihr gestanden hat, verschwindet wortlos durch die offene Tür.

»Wir sind direkt vom …«, setzt Jessica an.

»Wo ist Jusuf?«

»Der bringt den Wagen in die Garage. Er kommt gleich nach.«

»Dann fangen wir ohne Jusuf an«, sagt Hellu und winkt Jessica ins Besprechungszimmer.

Der Raum ist kühl und sachlich, aber wenn man ihn mit geschlossenen Augen betreten würde, könnte man aufgrund des Geruchs glauben, man käme in eine gemütliche Bäckerei in Bromarv. Bei jeder Ermittlung gibt es zur ersten Besprechung Kaffee und Kuchen, und auch diesmal wird der Brauch eingehalten. An der Tür befindet sich jedoch keine hell klingelnde Glocke, und niemand heißt die Ankommenden willkommen. Unmöglich, sich Helena Lappi als freundliche, nach Kardamom duftende Bäckerin vorzustellen.

»Hallo«, grüßt Jessica in die Runde.

Rasmus, Nina und Harjula sitzen bereits am Tisch. Hellu nimmt zwischen den beiden Letzteren Platz und angelt sich eine Zimtschnecke.

Ein tolles Team. Eine Löwenhöhle.

»Hallo«, antwortet Rasmus auf seine typische Art, bei der man an eine Wühlmaus denken muss, die sich vor einer Atomexplosion unter die Erde geflüchtet hat. Gerade jetzt ist seine Anwesenheit jedoch Gold wert. Von den vier Menschen an der anderen Tischseite ist er der Einzige, der Jessica mag. Oder es jedenfalls in all dem Wirrwarr versucht.

Jami Harjula wiederum ist wahrscheinlich als Polizist und als Mensch ganz okay: ein vernünftiger Familienvater, zu dem aus irgendeinem Grund noch keine persönliche Beziehung entstanden ist. Manchmal hat Jessica das Gefühl, dass Harjula sie durchschaut und zu Recht vermutet, irgendetwas an ihr sei seltsam. Das hat sogar Erne vor Jahren gesagt: Bei Harjula musst du auf der Hut sein, Jessica. Er ist wie ein schlauer, gut trainierter Hund. Er ist nicht böse, aber er ist nur einem Herrn treu, nämlich dem System.

Nina Ruska dagegen ist eine wunderbare, warmherzige Person, deren Vertrauen Jessica im letzten Frühjahr verspielt hat, indem sie zweimal mit deren Freund Mikael ins Bett gegangen ist.

Dass Mikael sich bald danach als kaltblütiger Verbrecher entpuppt hat, als fauler Apfel im Präsidium, ändert nichts an der Tatsache, dass Nina ihn geliebt hat.

Jessica begreift selbst nicht ganz, wie sie Ninas freundlich lächelndes Gesicht vergessen konnte, den selbst angesetzten Limoncello, den Nina ihren Kollegen zu Weihnachten geschenkt hat, und die liebevoll gebastelten Weihnachtskarten, in denen sich handwerkliches Geschick und eine kindlich-naive Winteridylle verbinden. Jessica hat beide aufgehoben, wagt aber nicht, sie anzusehen. Sie würde gern den im Kühlschrank wartenden Zitronenlikör probieren, doch sie weiß, dass sie ihn nicht verdient hat.

Andererseits haben Nina und Jessica sich nie wirklich nahegestanden, und niemand hätte es erfahren sollen, alles sollte so weitergehen wie zuvor. Für Jessica war es nur bedeutungsloser Sex, eine spontane Lust, die jede Rationalität ignoriert und auf die oft Reue folgt, vor allem, wenn die Gefühle anderer verletzt werden. Natürlich war das Ganze falsch und hätte nicht passieren dürfen, das steht außer Zweifel. Aber jetzt ist es auf jeden Fall zu spät, darauf herumzukauen.

Und dann ist da Helena Lappi: die böse Stiefmutter aus einem Disney-Film oder Annie Wilkes und Cersei Lannister in einer Person. Eine Frau, die sich ihrer beruflichen Position so beflissen und besitzergreifend zu widmen scheint wie einer neuen Zweierbeziehung, und zu spät erkennt, dass zu der neuen Familie auch eine Stieftochter gehört. Und genau da liegt das größte Problem: Ernes Geist ist überall, im ganzen Haus achtet und vermisst man ihn so sehr, dass es übermenschlich schwierig sein muss, in seine Fußstapfen zu treten. Er ist überall präsent. Das gerahmte Foto am Ehrenplatz neben dem Wasserautomaten, Ernes Sprüche, die Witze und Erinnerungen, die seine Untergebenen immer noch daran knüpfen. Mitunter auch die vergossenen Tränen. Sie alle erinnern an Erne, daran, wie ein Vorgesetzter dank seines Charismas und seiner Menschlichkeit alle anderen überflügeln und an seinem Arbeitsplatz eine Art Heiligenrang einnehmen konnte.

Die anderen wollen sich erinnern, Hellu möchte, dass sie vergessen. Aber etwas erinnert Hellu unablässig an Erne: Jessica Niemi. Solange die Tochter im Schloss wohnt, bekommt die böse Stiefmutter nicht das, was sie sich wünscht: die ungeteilte Aufmerksamkeit und Achtung der ganzen Abteilung. Deshalb weiß Jessica, dass Hellu die erste Gelegenheit nutzen wird, um die lange Leine, die Erne ihr immer gelassen hat und die sie in aller Ruhe dehnen konnte, durchzuschneiden. Daran besteht kein Zweifel.

»Sorry, dass ich zu spät komme«, sagt Jusuf hinter ihr, und die Tür schließt sich.

Jessica spürt, wie die Beklemmung von ihr abfällt. Zum Glück gibt es Jusuf. Er ist Jessicas letzter echter Verbündeter und ihr zuverlässigster Freund in dieser Abteilung.