Jessica betritt den Besprechungsraum. Hellu sitzt bereits wieder auf ihrem Platz, Rasmus, Nina und Harjula tippen auf ihren Smartphones herum. Jusuf steht am Fenster und hält die Schnur der Jalousie in der Hand. Draußen dämmert es schon, die Lichter des Einkaufszentrums Mall of Tripla und der über ihm aufragenden Hochhäuser leuchten hell vor dem grauen Himmel.
»Entschuldigt die Unterbrechung«, sagt Jessica. Die anderen blicken von ihren Handys auf, Jusuf bleibt am Fenster stehen.
»Ich glaube, dass die Geschichte klarer wird, sobald wir Näheres über Olga Belousovas Todesursache erfahren. Bis dahin versuchen wir, eine Verbindung zwischen Olga und Lisa zu finden.«
»Was schlägst du vor?« Hellus Frage klingt, als wäre sie Teil eines Einstellungsgesprächs. Jessica hat sich an ihrem Arbeitsplatz noch nie so allein gefühlt. Sie richtet ihren Blick auf Rasmus, der an die Decke starrt, und räuspert sich.
»Rasse?«
»Ja?«
»Du hast den Instagram-Account und die Fotos darauf untersucht. Kannst du uns darüber etwas berichten?«
Rasmus rückt seine Brille zurecht, dann verbirgt er seine Hände unter dem Tisch. »Na ja«, beginnt er und legt eine kurze Kunstpause ein. »Als Erstes habe ich das Leuchtturmbild auf Yamamotos Account untersucht, also dessen Metadaten …«
»Sprich Klartext, Rasse«, fällt ihm Jusuf ins Wort.
»Muss ich euch etwa erklären, was Metadaten sind?«, fragt Rasmus leise und würde wohl die Augen verdrehen, wenn er den Mut dazu hätte. Dass jemand in so unterwürfigem Tonfall aufbegehrt, hat Jessica noch nie erlebt.
Jusuf nickt. »Ja, das musst du.«
»Metadaten sind beschreibende Informationen über einzelne Daten. Über alles, was ins Internet oder generell digital geladen wird, gibt es massenhaft Informationen, egal ob es sich um ein Foto, ein Video oder eine Textdatei handelt. Mal sind es mehr, mal weniger. Zu Fotos gibt es in der Regel wer weiß wie viele Daten, solche, die für die Ermittlung weniger nützlich sind, wie zum Beispiel Form, Größe, Auflösung, Farbbestimmung und Urheberrecht, aber auch äußerst nützliche Angaben, etwa über den exakten Zeitpunkt der Aufnahme und sogar über Marke und Modell des Aufnahmegeräts.«
Rasmus öffnet den Laptop, der vor ihm auf dem Tisch liegt, und tippt darauf herum, während die anderen schweigend warten. Bald darauf erscheint ein neues Foto an der Wand.
»Meines Wissens sollten Fotos, die auf Social Media gepostet werden, heutzutage nicht mehr für Meta-Analysen abgespeichert werden können«, erklärt Hellu wissend. »Instagram, Facebook und Twitter verhindern das Abspeichern von geposteten Fotos, um die Privatsphäre zu schützen.«
Rasmus sieht die Ermittlungsleiterin an, als wäre ihre Behauptung absolut lächerlich. »Verhindern ist das falsche Wort. Sie haben es erschwert, das ja. Aber um die Barriere zu umgehen, braucht man bloß den Link zum Foto im Developer-Tool zu kopieren.«
Als er weiter auf seinem Laptop tippt, wird die Wand des Besprechungsraums schwarz, und kurz darauf werden dutzendweise grüne Textzeilen sichtbar. Der Anblick erinnert an das MS-DOS-Betriebssystem, das irgendwann vor langer Zeit auf Microsoft-Computern installiert war. Rasmus führt das Team tief in seine eigene Welt.
»Du kannst also sehen, womit das Foto vom Leuchtturm gemacht wurde?«, fragt Jessica und setzt sich hin.
»Ja, weil es kein Screenshot ist, sondern das Original, zum Glück«, erklärt Rasmus. Er zeigt auf das Bit-Universum, das er an die Wand projiziert hat. »Da seht ihr es. Device Manufacturer: OnePlus und Device Model: OnePlus 5.«
»Herr im Himmel, warum erzählst du uns das erst jetzt?«
»Weil es keine genauere Information gibt«, sagt Rasmus. »Vom OnePlus 5 sind weltweit sicher Millionen verkauft worden. Wir wissen nur, dass das Foto mit einem davon gemacht wurde.«
»Das nützt uns einen Scheißdreck«, brummt Jusuf.
Rasmus wirkt niedergeschlagen, was Jusuf nicht entgeht.
»Ich meine es nicht böse, Rasse. Aber wenn wir das Gerät nicht identifizieren können …«
»Kann man keinen MAC-Code oder sonst etwas herausfinden, das den Besitzer angibt?«, fragt Jessica.
»Nein. Aber wenn wir aus Japan die Informationen über den Anschluss des Gespenstes bekommen, erfahren wir auch, welches Handy-Modell er benutzt. Und falls es ein OnePlus 5 ist, darf es als einigermaßen sicher gelten, dass …«
»Dass der Mann das Foto gemacht hat«, ergänzt Jessica. »Okay. Und hier sieht man, wann die Aufnahme gemacht wurde.«
»Ja. Wann und wo. Der Zeit-Code ist 20-11-19, also vorige Woche Mittwoch. Um 11:12 Uhr, was meiner Meinung nach ziemlich interessant ist.«
»Inwiefern?«, fragt Hellu.
Rasmus vergrößert eine Ziffernreihe an der Wand.
60˚ 06’ 34« N, 25˚ 24’ 36« O
»Die Koordinaten des Aufnahmeortes. Der Leuchtturm Söderskär. Das Foto ist also neu und wurde eigens für diesen Zweck gemacht. Anfangs war ich sicher, dass es ein Stockfoto oder ein Screenshot ist. Stimmt aber nicht. Derjenige, der in das Verschwinden der Blogger verwickelt ist, hat dieses Foto den Metadaten zufolge selbst vor Ort gemacht.«
Im Besprechungsraum wird es völlig still.
»Die Aufnahme wurde also um 11:12 Uhr gemacht. Und fünf Stunden später ist das Gespenst nachweislich zu Lisa marschiert und hat ein Gemälde nach diesem Foto bestellt«, sagt Jessica schließlich.
»Hast du dich mit dem Leuchtturm in Verbindung gesetzt? Dort haben sie vielleicht Informationen über die Besucher am letzten Mittwoch«, meint Jusuf.
»Das ist ja gerade das Seltsame«, antwortet Rasmus besorgt. »Söderskär liegt circa 28 Kilometer östlich von Helsinki. Mit einem normalen Boot braucht man ungefähr eine Stunde dahin. Von Porvoo aus wahrscheinlich genauso lange. In dieser Jahreszeit gibt es keine organisierten Exkursionen auf die Insel.«
»Der Fotograf muss also im eigenen Boot hingefahren sein?«
»Und die ganze Woche über hat ziemlich hoher Seegang geherrscht«, merkt Harjula an.
»Wir sollten klären, ob ein Bootsvermieter oder ein Fischer jemanden gegen Bezahlung hingebracht hat«, schlägt Jusuf vor und erntet zustimmendes Nicken.
»Das kann die Polizei von Ost-Uusimaa übernehmen. Ich kümmere mich darum«, sagt Hellu.
»Moment mal.« Jusuf sieht Jessica an und fährt dann wachsamer als zuvor fort: »Ist auf den Aufnahmen aus dem Nachtclub das Handymodell zu erkennen?«
»Der Gedanke ist mir auch gerade gekommen. Wenn man die Aufnahme vergrößert, wird sie ziemlich grobkörnig, aber sie könnte trotzdem einen Hinweis geben. Gibt es sonst noch was zu Instagram?«, fragt Jessica.
Rasmus sieht ihr in die Augen. Im Allgemeinen vermeidet er jeden Blickkontakt.
»Ich habe Akifumi gefunden«, sagt er.
Jessica stößt ihren Stuhl zurück. »Was? Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
»Ich meine … Die Person selbst habe ich nicht gefunden, aber ich weiß jetzt, wen das Bild zeigt.«
»Und?«
»Wir haben ja früher überlegt, wieso das Gesicht so seltsam aussieht. Irgendwie unproportioniert und isoliert. Das kommt daher, dass es eine Maske ist«, erklärt Rasmus. »Sie zeigt einen japanischen Politiker von der sozialdemokratischen Partei. Über Google findet man im Internet einen Bericht darüber, dass vom Gesicht des Parteivorsitzenden Akifumi Sato zigtausend Masken für einen Studentenprotest hergestellt wurden.«
»Verdammter Mist«, flucht Jusuf.
»Na, allzu viel Hoffnung hatten wir auf die Aufnahme ja sowieso nicht gesetzt«, sagt Jessica.
»Wir sind mit anderen Worten wieder an dem Punkt, dass das Gespenst und Akifumi ein und dieselbe Person sein können?«, folgert Jusuf.
»Ja.«
»Gut. Machen wir weiter!«, sagt Hellu ungeduldig und blickt auf ihre Uhr. »Was passiert als Nächstes, Niemi?«
Jessicas Kopf ist plötzlich blockiert, sie fühlt sich wieder wie bei einem Einstellungsgespräch, in dem ihr eine unerwartete Frage gestellt wird. Um Zeit zu gewinnen, räuspert sie sich und blättert in ihren Notizen.
»Lisas Mitbewohnerin muss noch einmal befragt werden. Danach, ob sie etwas über Olga weiß oder ob sie davon gehört hat, dass Lisa ein ukrainisches Mädchen kennengelernt hat. Oder ob Olgas Brandmal ihr etwas sagt«, beginnt sie dann.
Hellu nickt zustimmend und notiert sich irgendetwas.
»Da Jusuf und ich schon einmal bei ihr waren, ist es sinnvoll, dass wir das übernehmen«, fährt Jessica fort. »Rasmus, du machst mit Instagram und den Bildern weiter. Hellu kann dir hoffentlich Unterstützung besorgen, wenn das deine Arbeit beschleunigt.«
Rasmus nickt kurz, nimmt die Brille ab und poliert sie mit einem schwarzen Tuch, das sich bei genauerem Hinsehen als irgendwo abgerissenes Wildleder entpuppt.
Jessicas Blick wandert im Uhrzeigersinn, übergeht die intensiv zurückstarrende Hellu und macht bei Jami Harjula Halt.
»Was Olgas Tod betrifft, hältst du die Fäden zusammen, Harjula. Ich bitte Sarvilinna, dich zu kontaktieren, wenn neue Ergebnisse vorliegen.«
Jami Harjula wirft einen verstohlenen Blick auf die neben ihm sitzende Ermittlungsleiterin, bevor er nickt. Seine Miene ist immer noch ruhig und gelassen. Eine männliche Mona Lisa, in deren Augen an diesem Morgen etwas Allwissendes und Verschlagenes aufgeblitzt ist. Der Kerl wird noch zum Problem.
»Nina«, sagt Jessica. Nun kommt der schwierigste Teil der Besprechung. Sie hat kein einziges Mal mit Nina geredet, seit sie beide Anfang April aus dem Krankenurlaub zurückgekehrt sind.
»Am wenigsten wissen wir momentan über Jason Nervander. Übernimm du diesen Teil. Und versuch herauszufinden, ob Jason nur Lisa gegenüber gewalttätig war oder auch sonst.«
»Okay«, antwortet Nina, ohne Jessica anzusehen, und presst ihre Lippen zusammen.
Hellu sieht so aus, als würde sie die Kälte zwischen den beiden Polizistinnen genießen.