Jusuf parkt den Wagen an derselben Stelle in der Messeniuksenkatu wie beim letzten Mal. Die Temperatur ist in der Nachmittagsdämmerung ein wenig unter Null gesunken, kleine Schneeflocken schweben vom Himmel.
»Die Parkbucht ist offenbar für uns reserviert«, meint Jusuf, als er die Tür öffnet. Diesmal zieht er seine Lederjacke an.
Auch Jessica steigt aus. In der Ferne sieht sie Essi, die zwei Einkaufstüten schleppt.
»Genau richtig«, sagt Jusuf und zündet sich eine Zigarette an.
»Wo zum Teufel bleiben die Koordinaten des Teleanbieters«, sagt Jessica, während sie Essi zuwinkt.
»Das Handy des Gespenstes ist also ausgeschaltet?«
»Es wurde gestern um 15:10 Uhr in Taka-Töölö ausgeschaltet.«
Der Rauch, der Jusuf aus der Nase steigt, wird vom Wind davongetragen. »Sollten wir Essi nach dem zweiten Blog fragen?«, überlegt er.
»Ich weiß nicht. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass wir die Information vorsichtig verwenden sollten. Wenn überhaupt«, sagt Jessica.
Als Essi die Straße überquert, geht Jusuf ihr entgegen. »Hallo, ich kann Ihnen eine Tüte abnehmen.«
Essi nimmt Jusufs Angebot lächelnd an. Sie wirkt müder und erschütterter als am Morgen. Vielleicht ist ihr der Ernst der Lage allmählich bewusst geworden.
Zu dritt gehen sie zum Eingang. Als Essi die Tür öffnet, wirft Jessica einen Blick auf die kürzlich ausgewechselte Klingelanlage, von der heute ein paar Mal die Rede war.
Kurz darauf kommt der kleine, unangenehm enge Zwei-Personen-Aufzug in der dritten Etage an, und Essi öffnet das Gitter. Jusuf hat es vorgezogen, die Treppe zu nehmen. Sie treffen sich an der Wohnungstür.
»Alle sagen, ich müsste jetzt essen. Dabei habe ich wirklich keinen Appetit«, sagt Essi und steckt den Schlüssel in das Sicherheitsschloss. Jessica beobachtet, wie sie sich mit dem massiven Schlüssel abmüht: Wahrscheinlich wurde das Sicherheitsschloss bisher selten oder gar nicht benutzt. Nach dem mystischen Verschwinden der Mitbewohnerin hat sich die Lage tatsächlich verändert.
Dann macht Essi sich am zweiten Schloss zu schaffen, doch die Tür will nicht aufgehen.
»Mist«, schimpft sie. Jessica und Jusuf wechseln einen Blick.
»Ich bin nicht besonders …«, fährt Essi fort und beginnt wieder, sich mit dem Sicherheitsschloss abzumühen. »Ich sperre das jetzt immer zu …«
Eine ganze Weile versucht sie erneut, das Sicherheitsschloss zu entriegeln. Jessica wird den Gedanken nicht los, dass es die ganze Zeit offen war, dass Essi doch vergessen hatte, das obere Schloss zu verriegeln.
Endlich geht die Tür auf. Essi tritt ein und stellt die Einkaufstüte im Flur ab.
»Sie brauchen die Schuhe nicht auszuziehen«, sagt sie und geht zerstreut ins Wohnzimmer.
Jessica und Jusuf folgen ihr, noch im Mantel, und sehen sich um. Die Bilder sind von den Wänden verschwunden, das Wohnzimmer wirkt verwüstet und leer.
»Lisas Bilder sind abgeholt worden«, sagt Essi. Jessica nickt. Dass Helena Lappi angeordnet hat, alle Manga-Bilder als Beweismaterial zu beschlagnahmen, erinnert an eine totalitäre Diktatur.
»Erst jetzt«, fährt Essi fort und wischt sich über die Augen, »erst jetzt, seit die Wände leer sind, spüre ich, dass Lisa wirklich weg ist.«
»Sie bekommen die Bilder zurück«, erklärt Jusuf mit weicher Stimme, obwohl er weiß, dass das kein Trost ist. Essis Trauer gilt nicht den fehlenden Bildern.
»Die sind mir scheißegal«, schnieft sie. Sie nimmt ein Taschentuch aus der Schachtel und putzt sich die Nase. Dann lässt sie sich aufs Sofa fallen und sieht Jessica und Jusuf aus glasigen Augen an.
Sekundenlang hat es den Anschein, als würde Essi die Fassung schnell wiedergewinnen. Doch dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck, an die Stelle der Trauer tritt Verwunderung und dann Entsetzen. Jessica sieht den Ablauf nicht zum ersten Mal. Schnell aufsteigende Panik im Gesicht einer jungen Frau. Essi hat gerade etwas Furchtbares bemerkt.
»Pfui Teufel«, stammelt sie und schlägt die Hand vor den Mund.
Jessica wirft einen raschen Blick auf Jusuf, der verwirrt und zugleich wachsam wirkt.
»Essi? Was ist?«, fragt sie und tritt einen Schritt näher.
Die junge Frau scheint zu hyperventilieren. »Er ist hier«, flüstert sie.
»Wer?«, fragt Jessica und greift instinktiv nach der Pistole unter ihrer Achsel.
Und da geht ihr auf, was Essi meint. Der süßliche Geruch, der am Vormittag nicht da war. Das Rasierwasser. Das Gespenst.
Im selben Moment fliegt die Tür zu Lisas Zimmer auf, und bevor irgendwer reagieren kann, stößt eine Gestalt Jusuf aus dem Weg und wirft ihn auf den Sofatisch. Die Holzbeine geben nach, und die gläserne Tischfläche zersplittert.
Das Klirren des zerbrechenden Glases und Essis verzweifelter Schrei füllen den Raum.
»Stehenbleiben!«, ruft Jessica der Gestalt nach, die in den Flur läuft und mit raschen Schritten aus der Wohnung verschwindet.
»Schnapp ihn dir, Jessi!«, ruft Jusuf und versucht sich zwischen den Scherben und Holzsplittern hochzustemmen. Seine Hände bluten.
Jessica zieht ihre Waffe und stürmt ins Treppenhaus. Weiter unten auf der Treppe hört sie Schritte und rennt hinterher.
»Halt! Stopp!«, ruft sie und eilt die Treppe hinunter. Über das Geländer erhascht sie einen Blick auf einen Mann in schwarzem Mantel und breitkrempigem Hut, der erstaunlich schnell ins Erdgeschoss und zur Haustür rennt.
Sie hört, wie der Mann durch die Eingangshalle läuft. Dann schlägt die Haustür zu. In einer Wohnung im zweiten Stock bellt ein Hund.
Jessica eilt zur Tür, tritt hinaus und sieht ein altes Ehepaar vor dem Haus stehen. Der Mann schiebt einen Rollator. Beide blicken erschrocken auf die Waffe in Jessicas Hand.
»Wohin ist er gelaufen?«
Die alte Frau zeigt zur Topeliuksenkatu, und Jessica läuft weiter.
Sie kommt an einer kleinen Grasfläche und einem einzelnen Baum vorbei und beginnt, die Steintreppe herunterzusteigen, die zur Messeniuksenkatu führt. Die Stufen sind rutschig, sie muss sich mit der linken Hand an dem Eisengeländer an der Wand festhalten.
Ich muss den Typ kriegen. Er hat was gesucht.
Im selben Moment spürt sie einen Schlag gegen das Zwerchfell, die Luft entweicht aus ihrer Lunge, sie krümmt sich und fällt zu Boden.
Sie sieht eine menschengroße Nische im Sockel und eine beschmierte Aluminiumtür. Ein schlaues Versteck. Jessica erwartet einen Tritt ins Gesicht, vielleicht sogar das Abfeuern einer Waffe, irgendetwas, das ihre Verfolgungsjagd abschließt. Doch nichts dergleichen passiert. Die dunkle Gestalt tritt über sie hinweg und verschwindet hinter der Ecke. Jessica schnappt nach Luft und kämpft gegen die Übelkeit. Ihre Wange liegt auf dem nassen Asphalt. Verdammter Mist! Zwei Demütigungen am selben Tag. Dann gewinnt der hämmernde Schmerz im Bauch die Oberhand, und der Mageninhalt sprudelt die Speiseröhre hoch. Als Jessica die Galle ausspuckt, hört sie, wie Jusufs Schritte sich nähern.