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Jessica klopft an Essis Zimmertür und wird mit dünner Stimme hereingerufen.

Sie sieht die junge Frau, die im Bett liegt und deren Augen rot geweint sind.

Jessica holt sich einen Stuhl ans Bett. »Sie können ganz unbesorgt in der Wohnung bleiben. Die Schlösser werden bald ausgewechselt, und ein Polizist bleibt hier und bewacht das Gebäude.«

Essi setzt sich im Bett auf und putzt sich die Nase.

Jessica blickt sich um. Das Zimmer ist ganz anders eingerichtet als Lisas, in dem die Manga-Kunst dominiert. Hier sind die Wände dunkelblau gestrichen und mit großen Kopien von berühmten Fotos und Propagandaplakaten aus dem Zweiten Weltkrieg geschmückt. Keep calm and carry on. Und so weiter.

»Es war der Typ«, sagt Essi.

Jessica nickt. »Haben Sie eine Ahnung, was er hier gesucht hat?«

Essi schüttelt den Kopf.

»Okay. Ursprünglich waren wir noch einmal vorbeigekommen, weil ich Sie nach dieser Frau fragen wollte«, erklärt Jessica und hält Essi ihr Handy hin.

»Was wollten Sie fragen?«

»Kennen Sie sie?«

Essi zuckt die Achseln. »Nein. Wer ist das?«

»Sie heißt Olga Belousova. Ukrainerin. Sagt Ihnen der Name etwas?«

Essi scheint sich zu konzentrieren. Mit den Fingerspitzen zoomt sie das Foto größer. »Schön«, sagt sie und reicht Jessica das Handy zurück.

»Aber nicht bekannt? Auch nicht vom Namen her?«

»Nein.«

»Okay«, sagt Jessica und steht auf. »Noch eine andere Frage … Sie hat mit Jason zu tun.«

»Ja?«

Jessica legt eine kurze Pause ein und überlegt, wie sie das Thema zur Sprache bringen soll. Sie entscheidet sich dafür, geradeheraus zu fragen. »War Jason gewalttätig, als er mit Lisa zusammen war?«

Essi dreht das Taschentuch in ihrer Hand und gibt keine Antwort.

»Essi? Hat Jason Lisa geschlagen?«

Essis Kopf beginnt schnell zu zucken. Eine ganze Serie kurzer Nicker. »Ich glaube ja. Ganz zum Schluss«, flüstert sie. »Lisa hatte blaue Flecken im Gesicht und … Sie hat gesagt, sie hätte bei einer Party zu viel getrunken und wäre gestürzt, aber … So fällt keiner hin. Ich war mir sicher, dass Jason sie geschlagen hatte.«

»Warum haben Sie das nicht gleich erzählt?«

»Na, weil … Lisa ist eine starke Frau, sie würde nicht wollen, dass es bekannt wird. Und es kann ja mit dieser Sache gar nichts zu tun haben. Jason ist selbst verschwunden. Außerdem ist das schon ein ganzes Jahr her.«

Jessica greift nach der Klinke und schiebt die Tür auf. »Wenn Ihnen noch irgendwas einfällt, Essi. In einer Stunde, heute Abend oder morgen. Oder wenn Sie merken, dass hier etwas fehlt. Oder dass etwas aufgetaucht ist, was Sie noch nie gesehen haben. Dann müssen Sie mich sofort anrufen, okay? Jede Information ist wertvoll.«

»Okay.« Essi nickt.

»Jetzt ruhen Sie sich erstmal aus«, sagt Jessica und schließt die Tür hinter sich.