Der Song Free Your Mind von En Vogue, der in den Kopfhörern dröhnt, setzt kurz aus, als die Lauf-App ihr Feedback gibt. Geliefert wird sie von einer an sich freundlichen Frauenstimme, die jedoch die gleiche Düsterkeit und Seelenlosigkeit verströmt wie Tonbanddurchsagen: Strecke fünf Kilometer, Durchschnittsgeschwindigkeit zehn Komma zwei Stundenkilometer. Dann setzt die Musik wieder ein. Jessica Niemi atmet die frische Luft ein. Ihr Duft ist typisch für den Morgen nach der ersten Frostnacht im Herbst: Sie riecht nach dem Reif, den die Strahlen der Morgensonne vom Laub auf der Erde wischen, und nach den schmelzenden Pfützen, deren dünne Eisschicht unter den geschmeidigen Sohlen der Laufschuhe zerbricht.
Jessica hat das Gefühl zu fliegen, ihre Schritte sind leicht. Vor einigen Monaten hat sie nach langer Zeit wieder begonnen, zur Arbeit zu joggen, eine Aktivität, die schon oft am qualvollen Widerspruch ihres kaputten Körpers gescheitert ist. An schmerzenden Gelenken, am Nervenschmerz im Knie, an der bis in die Waden und Zehen ausstrahlenden Pein, gegen die normale Schmerztabletten machtlos sind. Jetzt läuft sie jedoch mühelos, und der Schmerz ist nicht zurückgekehrt. Natürlich wird er sich irgendwann wieder einstellen, das hat er immer getan. Bis dahin will Jessica jeden Schritt, jede mit Endorphinausschüttung endende Strapaze genießen. Im Nachhinein erscheint es verwunderlich, dass eine plötzliche Eingebung den Anstoß zum Laufen gegeben hat. Nach der Beerdigung ihres früheren Vorgesetzten Erne Mikson war Jessica wochenlang wie betäubt, sie saß zu Hause und dachte über die Ereignisse nach. Bis sie eines Tages die Laufschuhe anzog und nach draußen in die milde Frühjahrsluft stürmte. Wie Forrest Gump, witzelte ihr Kollege Jusuf später.
Der Weg von der Wohnung in der Töölönkatu zum Arbeitsplatz im Polizeigebäude im Stadtteil Pasila ist ungefähr dreieinhalb Kilometer lang, er führt am Ufer der Töölö-Bucht entlang und dann durch den Wintergarten und den Tiergarten in den Zentralpark. Um die Laufstrecke zu verdoppeln, biegt Jessica jedoch an den meisten Tagen – so auch heute – bei der Reitbahn in Laakso nach Westen ab und läuft kreuz und quer über die felsigen Waldwege bis zur Schrebergartenkolonie in Ruskeasuo.
Jessica läuft an der Reitschule vorbei, an deren nordöstlicher Seite auch die berittene Polizei von Helsinki ihren Sitz hat. Der von hohen Bäumen gesäumte Sandweg ist nur schwach beleuchtet, die Laternenpfähle stehen weit auseinander, und auf den hellen Hof der Manege folgt schlagartig die Dunkelheit des Waldes. Zwischen den Baumwipfeln fliegt ein großer Vogel.
He! Hörst du mich?
Jessica wirft einen Blick zurück, doch der Pfad ist leer. Es ist schwer zu sagen, ob sie den Ruf über die Musik hinweg tatsächlich gehört hat. Mitunter hört sie beim Laufen Worte und Ausrufe, die nur in ihrem Kopf existieren. Die Stimmen verfolgen sie schon so lange, dass sie oft gar nicht auf sie achtet.
Bleib stehen!
Jetzt klingt die Stimme allerdings zu real. Jessica zieht den Kopfhörer von einem Ohr und wirft erneut einen Blick über die Schulter. Sie sieht eine hochgewachsene Gestalt mit ausgestreckten großen Händen, die nach ihrer Windjacke greifen. Der Mann lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht gegen sie und wirft sie zu Boden. Jessica spürt das Gewicht des Angreifers auf ihrem Rücken, ihre Wange drückt sich in den mit schmierigen Blättern vermischten, eisigen Schlamm.
»Hör mal«, sagt der Mann.
Schnapsgestank schlägt Jessica ins Gesicht. Oberschenkel klammern sich um ihren Hintern, der Mann sitzt auf ihrem Rücken, seine Finger winden sich um ihren Nacken. Der nach Salmiakschnaps stinkende Mund brummt direkt an ihrem Ohr. Dann dreht der Mann Jessica um. Nun sieht sie sein Gesicht, erkennt es aber nicht. Die geröteten, spitzen Wangen und der dichte Schnurrbart gehören einem vom Alkohol ausgezehrten Mann um die vierzig. Nun erinnert Jessica sich, dass sie vor einigen Minuten an einem Kerl in Lederjacke vorbeigelaufen ist, der auf einer Bank am Rand des Laufpfades saß und Terpentin trank.
»Heiligabend«, sagt der Mann fast flüsternd. »Heiligabend.«
Jessica starrt ihn verwundert an. Er muss übergeschnappt sein. Bis Weihnachten ist es noch ein Monat. Die Finger des Mannes pressen sich um ihr Kinn. Mit der anderen Hand hält er ihr rechtes Handgelenk fest.
Jessica sammelt ihre ganze Kraft und versucht, ihr Knie zwischen die Beine des Mannes zu rammen, aber der Mistkerl blockiert ihre Beine mit seinem Gewicht und ist wahrscheinlich so besoffen, dass er seine Eier nicht spürt.
Jessica hört ihren eigenen Puls und holt tief Luft. Der grobe Kies drückt sich tief in ihren Hinterkopf, aus den Augenwinkeln sieht sie den vereisten Sand und die modernden Blätter. Irgendwo in der Ferne ruft jemand nach einem bellenden Hund.
»Heiligabend«, schäumt der Mann nun mit gefletschten Zähnen. »Heiligabend.«
Jessicas Fingerspitzen fassen nach dem Pfefferspray in ihrer Jackentasche, den das finnische Gesetz als Schusswaffe deklariert. Neuerdings trägt sie die Sprühdose immer bei sich. Und im nächsten Moment bekommt der Mann eine ordentliche Portion Pfefferspray in die Augen. Das besoffene Gebrabbel bricht ab, nach kurzer, ungläubiger Stille folgt ein Schmerzensschrei. Mit der freien Hand schlägt Jessica gegen das Kinn des Mannes, immer wieder, bis ihm die oberen Zähne abbrechen und Blut aus seinem Mund spritzt. Sein Griff lockert sich. Überraschend geschmeidig richtet er sich auf und rennt in den Wald.
Jessica schnappt nach Luft und kämpft sich mühsam auf die Beine. Die Fingerknöchel ihrer rechten Hand bluten.
Der Mann ist nicht mehr zu sehen, doch tief im Wald hört Jessica Zweige knacken.
Sie lässt die Hand nicht sinken, sondern hält die Spraydose für eine erneute Attacke parat. Sie wartet und lauscht auf Geräusche aus dem Wald. Aber der Mann kommt nicht zurück.
Jessica greift nach ihrem Handy und wählt den Notruf. Nachdem sie eine Beschreibung des Angreifers gegeben hat, läuft sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Diesmal ist sie auf der Hut. Strecke sechs Kilometer, Durchschnittsgeschwindigkeit neun Komma ein Stundenkilometer.