Jami Harjula schließt das Kipptor der Garage, dreht sich um und betrachtet den engen Raum, an dessen Wänden sich allerhand Kram stapelt, Werkzeug, blaue Taschen von Ikea und diverse Geräte mit Akkuantrieb. Die Sachen sind dem Anschein nach gut geordnet, aber so überflüssig, dass das Ganze dennoch chaotisch wirkt. Harjula hat im Laufe der Jahre Unmengen von Werkzeug in seiner kleinen Werkstatt angesammelt – nicht, weil er je geglaubt hat, es zu benötigen, sondern weil es zum Traum der Mittelschicht gehört, so etwas zu besitzen.
Harjula zieht seine beigen Lederhandschuhe aus und legt sie auf die mattschwarze Motorhaube. Der als Oldtimer registrierte Wagen ist ein Rambler American, Baujahr 1965, Harjulas Augapfel und sein liebstes Hobby. Der Schwarze Mann. Die industrielle Herstellung des Modells, das vor langer Zeit auch in Finnland sehr populär war, wurde schon 1969 eingestellt. Danach wurde es noch zwei Jahrzehnte lang in Lizenz in verschiedenen Ecken der Welt produziert. Heute ist es so gut wie unbekannt. Obwohl Harjulas Vater irgendwann einmal gesagt hat, es sei das zuverlässigste Auto der Welt.
Rambler ist als Erster auf die Idee gekommen, Autos mit einem Lenkrad auszustatten – mit dieser Behauptung brilliert Harjula besonders gern, wenn Sini und er Gäste haben, die er am späten Abend in die Garage führt. Dort stoßen sie mit rauchigem Islay-Whisky an, treten vorsichtig, in Strümpfen, gegen die Reifen, nehmen kurz auf den vor zwei Jahren neu gepolsterten Sitzen Platz, schnuppern den marzipanartigen Geruch nach Motoröl und Leder und streichen über das schmucklose Armaturenbrett. Es ist kein Porsche, aber er hat Charakter.
Der Whisky schmeckt übrigens gut.
Solche Abende sind neuerdings selten geworden.
Dasselbe gilt für die Spazierfahrten: Harjula war zuletzt im Juni mit dem Schwarzen Mann unterwegs. Nun betrachtet er das Auto und stellt sich vor, wie er sich ans Steuer setzt und den Motor anlässt. Er würde das Aufbrummen des 3.2-Liter-Benzinmotors hören, wenn die Kolben in den sechs Zylindern ihren Tanz beginnen. Dann würde er das Garagentor öffnen und sich von dem Wagen mit Hinterradantrieb und Sommerreifen davontragen lassen. Oder er könnte das Tor einfach wieder schließen, die Augen zumachen und darauf warten, dass sich der kleine Raum allmählich mit Abgasen füllt. Noch vor einigen Jahren wäre seine Leiche vielleicht noch am selben Tag gefunden worden, heute würde Sini ihn frühestens am nächsten Morgen vermissen, wenn überhaupt. Als die Kinder klein waren, nahm Sini ihm seine langen Arbeitstage übel. Sie war beleidigt, weil für Jami die Arbeit immer vor der Familie kommt. Jetzt wünscht sich Harjula, diese Worte von ihr zu hören. So egoistisch es klingt, er möchte spüren, dass Sini sich etwas aus ihm macht, er möchte die Verzweiflung und Enttäuschung in ihrer Stimme hören, wenn er wegen einer wichtigen Ermittlung das Abendessen ausfallen lassen muss. Doch inzwischen werden Aufbrüche, distanziertes Verhalten und Vernachlässigung der Angehörigen mit einem Achselzucken abgetan. Ein Teufelskreis ist entstanden.
Harjula nimmt seine Handschuhe und öffnet die Tür an der Garagenwand.
Hinter der Tür zieht er die Schuhe aus und hängt seinen Mantel an die Garderobe. Aus der Küche dringt das Surren der Abzugshaube und der Geruch nach angebratenen Zwiebeln und frischen Kräutern in den Flur.
»Hallo«, sagt Harjula an der Küchentür. Sini wirft einen Blick über die Schulter, während sie Wasser in den Kochtopf laufen lässt. Ein rascher Blick und ein zerstreutes Lächeln müssen reichen. Die Zeit der Umarmungen und Küsse ist wohl vorbei. Die gab es, als die Mädchen klein waren. Vor der Geburt der Mädchen. Sie haben sich umarmt und geküsst, weil sie es wollten, nicht, weil sie es voneinander erwarteten. Jetzt tun sie es überhaupt nicht mehr.
»Das Essen ist bald fertig«, sagt Sini und rührt in der Pfanne.
»Gut.« Harjula stemmt die Hände in die Hüften und geht ins Wohnzimmer.
Er weiß, dass er die Arme um Sini legen, ihr einen Kuss auf die Wange drücken und ihr sagen könnte, dass er sie liebt. Aber irgendeine rätselhafte Macht hindert ihn daran. Es erscheint ihm vielleicht überflüssig, eine seit Langem erstarrte Leiche wiederzubeleben, obwohl er sich womöglich weniger wie ein Versager fühlen würde, wenn er es täte.
Das Fernsehen läuft vor dem leeren Sofa. Die Mädchen sind in ihren Zimmern, sie machen Hausaufgaben oder spielen an ihren Smartphones herum. Für Letzteres haben Sini und er wohl ein allzu intensives Beispiel gegeben.
Harjula setzt sich auf das Sofa und schaltet den Fernseher aus. Er horcht eine Weile darauf, wie das Fett in der Pfanne zischt und der Geschirrschrank sich schmatzend schließt. Und da überkommt ihn eine seltsame und widersprüchliche Erkenntnis: Das Haus ist voller Leben, alle Familienmitglieder sind da, und doch wirkt es verlassen. Das Essen, das Sini gekocht hat, wird bald auf dem Tisch stehen, die Mädchen werden hungrig in die Küche stürmen und ihren Vater begrüßen. Sie werden alle vier um den Tisch sitzen, jeder an seiner Seite, und friedlich das Abendessen teilen. Und dennoch glimmt die Vorstellung in seinem Kopf nach, dass er sich auf den straffen Ledersitz des Rambler setzt und den Schlüssel umdreht. Nach Hause fährt, was immer das bedeutet.
Harjula dreht die Fernbedienung in der Hand und starrt auf den schwarzen Bildschirm. Ein Teufelskreis. Vielleicht hat Sini sich ja ursprünglich in seinen unerbittlichen Ehrgeiz verliebt. Und ihr Interesse verloren, als sie merkte, dass ihr Mann in der Polizeihierarchie nie aufsteigen würde. Verdammt. Der Gedanke ist nicht völlig neu, aber so klar ist er ihm noch nie zu Bewusstsein gekommen: Sini sieht, dass er keinen Biss mehr hat. Hier sitzt er auf dem Sofa und wartet auf das Abendessen, dabei waren es gerade seine Sturheit, seine unnachgiebige Arbeitsmoral und seine nächtlichen Einsätze, die ihre Beziehung lebendig gehalten haben. Wann hat er kapituliert?
»Wohin willst du?«, fragt Sini ausdruckslos, als Harjula durch die Küche geht und kurz darauf in Mantel und Mütze an der Tür steht.
»Ich fahr ein Stück durch die Gegend«, antwortet er und öffnet die Tür zur Garage. »Ich liebe dich.«