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Jessica wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr, es ist fünf vor neun. Sie schließt die Augen und lauscht auf das Rattern und Klappern des alten Aufzugs, der sie in den sechsten Stock trägt. Das Treppenhaus ist dunkel, Jessica hat das Licht nicht angeknipst, als sie das Haus betrat, und die vorbeiziehenden Treppenabsätze werden nur von dem blassgelben Licht des Aufzugs beleuchtet.

Das über hundert Jahre alte Haus hat zwei Weltkriege miterlebt, es steckt eine riesige Menge an Wissen, Erfahrungen, Sinneseindrücken, Geschmackserlebnissen und Gerüchen, gelebten Leben, Verliebtheit, Trennungen, Geburten und natürlich auch Todesfällen in den alten Mauern.

Auch in Jessicas Wohnung ist der Tod gewesen. Erne hat in ihrem Gästezimmer seinen letzten Atemzug getan, während Jessica seine knochige Hand gestreichelt hat. Das alles liegt ein halbes Jahr zurück, aber es kommt ihr so vor, als wäre Erne erst gestern noch im Haus gewesen. Und gleichzeitig scheint zwischen dem gegenwärtigen Moment und Ernes Tod ein ganzes Menschenleben Platz zu finden.

Manchmal verwischt sich die Zeitrechnung, die das Leben misst, und Jessica hat das Gefühl, alles wäre gerade eben erst passiert – sie glaubt sich an den Geruch zu erinnern, der an jenem Morgen im Auto lag, als ihre Mutter es vor den Laster auf der Gegenspur lenkte. Wie sich Toffes weiche Finger in ihren eigenen anfühlten, wie ihr Vater brüllte wie ein Raubtier, als ihre Mutter das Steuer herumriss und damit das Schicksal ihrer kleinen Familie besiegelte.

Und daran, wie Jessica zu Toffe gesagt hat – sie will glauben, will sich erinnern, es gesagt zu haben, auch wenn sie nicht sicher sein kann, dass sie es getan hat –, wie sie also gesagt hat, dass alles wieder gut wird. Dass ihr kleiner Bruder sich nie Sorgen machen muss. Ganz gleich, was geschieht, Jessica und er würden zusammenhalten und sich gegenseitig helfen. Und doch wurde dieser schöne Gedanke Sekunden später unmöglich.

Toffes kleiner unschuldiger Körper wurde bei dem Unfall zerstört. Jessicas Körper ebenfalls. Aber sie durfte weiterleben. Nein, sie musste weiterleben, das war kein Privileg, sondern eine schwere Last, die sie von Jahr zu Jahr mitschleppen musste.

Jessica spürt, wie ihr eine Träne über die Wange zum Kinn rollt und auf den Boden tropft.

Die Zeit scheint stillzustehen.

Der Aufzug hat im sechsten Stock Halt gemacht und die schwache Glühbirne an der Decke ist erloschen. Jessica weiß nicht genau, wie lange sie reglos dagestanden hat.

Jessica.

Sie öffnet die Augen, nicht, weil die Stimme ihr Angst einjagt, sondern weil sie hofft, sie dadurch zum Schweigen zu bringen. Die Stimme kommt aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit und von einem anderen Ort, doch sie ist mehr als nur eine Erinnerung.

Nicht jetzt. Die nächste Träne rollt über Jessicas Wange, folgt zuerst dem Weg der vorigen, findet dann ihren eigenen.

Jessica.

Meist tut sich die andere Wirklichkeit im Schlaf auf, manchmal aber auch im Wachzustand, wenn die Müdigkeit hinter den geschlossenen Augenlidern tobt.

In einer Wohnung im dritten Stock kläfft der Pudel der grantigen alten Frau, die dort wohnt. Dann wird es wieder still.

Jessica spürt die Finger ihrer Mutter an ihrer Schulter. Ihre Kälte dringt durch den dicken Mantel und die Bluse bis auf die Haut. Jessica weiß, dass das Gefühl nicht real ist, das kann es ja nicht sein, aber wie jedes Mal überkommt sie auch jetzt ein leiser Zweifel: Wie kann etwas, das so konkret und gleichzeitig sowohl schön als auch schrecklich ist, ein Produkt ihrer Fantasie sein?

Jessica.

Sie dreht sich langsam um, bis sie die Gestalt im Spiegel an der Rückwand des Aufzugs sieht. Das Gesicht ihrer Mutter ist heil, es ist symmetrisch und schön, die Gesichtsknochen sind nicht durch den zerstörerischen Zusammenprall verformt. Aber kurze Streiflichter enthüllen die Wahrheit, sie erinnern daran, wo das geronnene Blut die zersplitterte Stirn dunkelrot, fast schwarz färbt. Das Blut ist vom zerlöcherten Scheitel über das eine Auge zum Kinn gelaufen. Jessica schließt eine Sekunde lang die Augen, und als sie sie wieder aufschlägt, ist ihre Mutter wieder sie selbst. So schön wie immer.

Weine nicht, Jessi. Du schaffst es, mein Schatz.

Die Mutter seufzt liebevoll und lässt Jessicas Schulter los. Als sie ausatmet, klingt es irgendwie endgültig, wie der letzte Atemzug vor der ewigen Kälte. Die Mutter ist dabei, den Aufzug zu verlassen.

Die Wahrheit ist immer mehr oder weniger sichtbar, liebe Jessica. Die Wahrheit, das sind die Umrisse, die mit Farben ausgemalt werden müssen, und die Farben liegen nicht immer griffbereit auf dem Tisch. Manchmal muss man sie mühsam ausgraben.

Ich verstehe nicht.

Manche erzählen nichts, obwohl man sie fragt. Andere erzählen ungefragt etwas.

Wieder schließt Jessica die Augen, und als sie sie aufschlägt, ist ihre Mutter verschwunden. Unten im Erdgeschoss schließt jemand die Haustür auf, und kurz darauf geht im Treppenhaus das Licht an.

Jessica wischt sich die Tränen am Ärmel ab und öffnet die Aufzugtür.