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An der Nyyrikintie im idyllischen alten Stadtteil Käpylä, der in den 1920er Jahren in Nord-Helsinki erbaut wurde, steht ein weißes Holzhaus mit anderthalb Etagen. Im oberen Stock befindet sich ein kleines Zimmer unter den Dachschrägen, dessen großes Fenster abends erleuchtet ist. Diese gemütlichen fünfzehn Quadratmeter sind seit 34 Jahren das Reich von Rasmus Susikoski.

Es ist Abendbrotzeit. Unten klirren die Löffel, aber Rasmus Susikoski ist zum Essen nicht bei seinen Eltern geblieben. Er steigt die knarrende Holztreppe vorsichtig hinauf, damit die heiße Wurstsuppe ihm nicht auf die Finger schwappt.

Mit dem Fuß stößt er die Tür auf und geht gebückt durch den niedrigen Raum. Mit geradem Rücken konnte er zuletzt durch sein Zimmer gehen, als er zwölf war.

Er stellt den dampfenden Teller neben den Computer auf den Tisch und zieht den superergonomischen Gaming-Stuhl unter sich. Die Katze, die unter dem Tisch liegt, reibt sich an seinem Bein.

Hier wird Rasmus das Abendessen, das seine Mutter gekocht hat, zu sich nehmen, wie fast jeden Abend. Umgeben von Filmpostern an den Wänden und Regalen mit Sammelobjekten: eine schwarze Spielkonsole von Atari, ein View-Master mit den dazugehörigen Pappscheiben und in militärischer Ordnung aufgereihte Transformers- und Masters of the Universe-Figuren. Zum Teil in der ungeöffneten Originalverpackung, damit sie ihren Sammlerwert behalten. Im Regal mit den Brettspielen finden sich Klassiker wie Kongman, Ghost Castle und Hero Quest. Rasmus’ Zimmer würde bei jedem, der in den Achtzigerjahren zur Welt gekommen ist, Nostalgie und Bewunderung wecken. Das Tragische an der Sache ist allerdings, dass außer ihm selbst noch nie jemand aus dieser Altersgruppe den Raum betreten hat.

Tatsächlich wird die Zeitreise in die Vergangenheit nur durch den Computer beeinträchtigt, der alles andere als retro ist: zwei 24-Zoll-Monitore mit HD-Auflösung und G-Sync-Modul, der eine zum Surfen, der andere zum Spielen. Ein in verschiedenen Farben leuchtendes, großes ATX-Gehäuse mit Fenster, ein auf 5.1 GHz übertakteter, mehrkerniger Intel Core i9-9900K und modierte SLI-Grafikkarten RTX 2080 TI, deren Temperatur natürlich durch custom-loop, also selbst gefertigte Wasserkühlung, im sicheren Bereich gehalten wird. Den letzten Schliff erhält das Ganze durch die besten Spielkopfhörer auf dem Markt, eine Gaming-Maus, eine Tastatur und den Stuhl von Secretlab. Alles in allem hat das Set-Up eine beträchtliche Summe verschlungen, Rasmus hat konsequent sparen müssen, um es sich leisten zu können. Andererseits zahlt er seinen Eltern keine Miete, obwohl Putzen und Halbpension inbegriffen sind. Eigentlich sind das Futter, die Katzenstreu und die obligatorischen Impfungen für die drei im Haus lebenden Katzen die einzigen laufenden Kosten, die Rasmus aus eigener Tasche begleicht.

Als Gegendienst erledigt Rasmus als ausgebildeter Jurist die rechtlichen Angelegenheiten der Firma seines Vaters, die in den letzten Jahren nicht besonders umfangreich waren. Das Exportvolumen des vom Handel mit Großbritannien abhängigen Kleinunternehmens ist stark gesunken, seit die Bewohner des Inselreichs für den Brexit gestimmt haben. Manchmal überlegt Rasmus, wann seinen Eltern wohl das Geld ausgeht. Wann der Tag kommt, an dem sie ihn bitten, sich an den Kosten für den Unterhalt des alten Holzhauses zu beteiligen. Das würde Rasmus natürlich tun, sie brauchen nur darum zu bitten. Aber bis dahin steckt er sein Geld in die Ausstattung dieser unvergleichlichen Boy Cave.

Wenn er als Jurist tätig wäre, könnte er sich noch bessere Spielgeräte leisten, aber er wird seinen Arbeitsplatz wohl nie wechseln, zumindest nicht freiwillig. Es gibt zwei Gründe, aus denen er bei der Polizei arbeitet. Der eine ist das offene und inspirierende Betriebsklima, das sich allerdings nach Ernes Tod und Hellus Dienstantritt verschlechtert hat. Rasmus würde es keine Minute lang in einem Job aushalten, in dem man die eigenen Vorzüge hervorheben und die Ellbogen einsetzen muss. Zweitens ist er seit jeher fasziniert von Rätseln, vor allem von solchen im verschlossenen Raum, bei denen der Ermittler nicht nur die Lösung finden muss, sondern auch die Elemente, die sie unterstützen. Rasmus scheut vor Gewalt und Tod zurück, doch er liebt Herausforderungen. Solche, die seinen Verstand auf Hochtouren bringen.

Normalerweise würde er sein Essen schnell herunterschlingen und sich dann intensiv dem Spielen widmen. Apex Legends, PUBG, Escape from Tarkov oder CoD, je nach Stimmung. Aber jetzt kann er sich nicht darauf konzentrieren, Everglazer85 zu sein, der große Kriegsheld der virtuellen Realität. Die laufende Ermittlung ist einfach zu interessant.

Rasmus klickt sein Mailprogramm an, wo gerade eine Nachricht von Helena Lappi eingegangen ist.

Der Nachricht sind zwei Dokumente in englischer Sprache angehängt: der Gerichtsbeschluss und die Bestätigung über die Einleitung der Vorermittlung. Die Mail selbst ist kurz und bündig. Hier das Material für Facebook. Gruß, Hellu.

Rasmus braucht fünf Minuten, um die amtliche Anfrage an Facebook zu erstellen. Da es um eine Mordermittlung geht, ist es durchaus möglich, dass sie in Irland vorrangig behandelt wird und das Ermittlerteam in Pasila schon morgen die Daten des Instagram-Nutzers Akifumi2511946 erhält.

Er vergewissert sich, dass er die digitalen Formulare vollständig ausgefüllt hat, bevor er auf submit drückt. Eine Weile starrt er auf den Monitor und beginnt dann, die Suppe zu löffeln. Sie ist schon ein wenig abgekühlt und hat gerade die richtige Temperatur.

Irgendwo in der Ferne heult die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, und Rasmus blickt nach draußen. Die Schneeflocken tanzen und wirbeln rastlos durch die Luft, die Welt hinter dem großen, zugigen Fenster sieht zum ersten Mal in diesem Herbst winterlich aus. Rasmus mag den Winter und seine Dunkelheit. Es gefällt ihm, dass er kein schlechtes Gewissen zu haben braucht, weil er drinnen sitzt und spielt, anders als im Sommer, wenn die anderen jungen Leute im Park sind. Er liebt es, dass das kalte Wetter ihn zwingt, sich in dicke Mäntel, Hosen und Pullover zu hüllen, während er an heißen Sommertagen nicht weiß, wie er seinen plumpen, rundlichen Körper verbergen soll.

Allerdings hat der Winter auch seine schlechten Seiten: Bei starkem Frost wird es im Zimmer eiskalt, und Rasmus hat sich schon als Kind angewöhnt, im Winter in einem dicken Schlafanzug und mit Wollsocken zu schlafen. Jetzt ist ihm jedoch nicht kalt, eher im Gegenteil: Die warme Suppe lässt seine Kopfhaut schwitzen und jucken. Ich muss daran denken, sie einzufetten.

Rasmus stellt den Teller auf den Tisch und tippt kurz am Computer herum, bis das Bild des jungen Japaners auf dem Monitor erscheint. Noch am Morgen war er davon überzeugt, dass der Nutzer, der das Foto kommentiert hat, nichts mit dem Verschwinden von Lisa Yamamoto oder Jason Nervander zu tun haben kann. Doch nachdem er im Internet die masayoshi-Seite gefunden hat, ist er sich sicher, dass alles mit allem zusammenhängt.

Schon seit heute früh denkt er fieberhaft darüber nach, was die Zahlenreihe 2511946 bedeutet. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Geburtsdatum, doch dafür enthält sie eine Ziffer zu viel. Oder zu wenig. Es sei denn, sie bezeichnet den fünfundzwanzigsten Januar 1946.

Vielleicht handelt es sich um eine zufällige Zahlenkombination, mit der Akifumi sein Nutzerprofil individualisieren wollte. Andererseits hätten dafür auch weniger Ziffern gereicht. Es gibt viele Akifumis, aber die höchste Zahl, die Rasmus bei seinen Stichproben entdeckt, ist Akifumi145.

Rasmus lehnt sich in seinem teuren Stuhl zurück und seufzt. Nein, 2511946 ist keine laufende Nummer und kein Zufallsprodukt. Unmöglich. Wenn er nur an das herankäme, was auf Lisa Yamamotos masayoshi.fi-Seite stand, bevor sie geleert wurde.

Sein Handy klingelt. Jessica ruft an. Rasmus betrachtet den Namen auf dem Display und denkt daran, wie nett und gemütlich es war, mit ihr in dem nach Fett stinkenden und lauten Restaurant beim Mittagessen zu sitzen. Dort hat er vorübergehend geglaubt, wenn er nur genügend Selbstvertrauen aufbringen und seine Komplexe bezüglich Aussehen und Auftreten vergessen würde, könnte er so sein wie andere Männer. Echte Freunde finden, sich verabreden, Sex haben. All so was.

»Hallo?«

»Sorry, dass ich so spät noch anrufe«, entschuldigt sich Jessica.

»Macht nichts. Ich sitze gerade vor dem Monitor und sehe mir Akifumis Foto an.«

»Immer im Dienst, wie wir alle«, sagt Jessica schnell. Sie klingt irgendwie nervös. »Ist dir das Kambo-Ritual ein Begriff? Dabei wird über Brandwunden Froschgift in den Organismus eingespeist.«

Rasmus lässt sich Jessicas Worte durch den Kopf gehen.

»Kambo? Nein. Darum handelt es sich also? Die Verbrennungen an Olga Belousovas Leiche …«

»Alles weist darauf hin. Und außerdem haben wir Grund zu der Annahme, dass Lisa Yamamoto in den sozialen Medien für diese Behandlung geworben hat.«

»Aha. Klingt merkwürdig.«

»Ich habe alle Insta-Fotos von Lisa durchgesehen, aber Kambo wird da nicht erwähnt.«

»Und die Storys?«

»Das ist ja das Problem. Die sind nur 24 Stunden zu sehen.«

»Auch die könnten wir ausgraben, wenn wir die Möglichkeit hätten, uns in Lisas Instagram-Account einzuloggen.«

»Wie kann das so schwierig sein, Rasmus? An Lisas Benutzerdaten heranzukommen. Ich meine, es geht doch immerhin um eine Mordermittlung.«

»Es hat auch seine guten Seiten, Jessica. Dass die Behörden nicht alles in die Finger bekommen. Es muss ja auch Privatsphäre geben«, sagt Rasmus und löffelt noch ein wenig Suppe, während er auf Jessicas Antwort wartet. Er zerbeißt ein Pfefferkorn, das in der Brühe schwimmt, und genießt den Stoß, den es ihm versetzt.

»Rasse, du hast gesagt, dass die masayoshi.fi-Seite geleert worden ist. Und jetzt hat es den Anschein, dass Lisa alle Hinweise auf Kambo entfernt hat. Sie hat vor ihrem Verschwinden also aufgeräumt.«

»Entweder sie selbst oder jemand, der Zugriff auf ihr Handy hat.«

»Gerade jetzt glaube ich, dass es auf der masayoshi.fi-Seite etwas gab, das mit Kambo zu tun hat. Wenn wir herausfinden könnten, wer das Kambo-Ritual bei Olga Belousova gemacht hat, würden wir vielleicht erfahren, mit wem sie am Abend ihres Todes zusammen war.«

»Kambo«, wiederholt Rasmus leise, während er googelt. Frösche und in die Haut gebrannte Löcher erobern seinen 24-Zoll-Monitor. »Ich werd das mal klären«, sagt er. »Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass Kambo nicht illegal ist, im Internet wird jedenfalls ganz offen dafür geworben. Und da man das nicht im Verborgenen tun muss, glaube ich, dass wir herausfinden können, wo es gemacht wurde. Zumal es ja nicht sehr viele Stellen geben kann.«

»Danke, Rasse«, sagt Jessica. »Es wird eine lange Nacht.«

Sie seufzt und will sich vermutlich gerade verabschieden, doch Rasse kommt ihr zuvor.

»Jessica …«

»Ja?«

»Danke für das Mittagessen. Es war … schön.«

»Danke dir, Rasse. Das sollten wir öfter tun.«