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Helena Lappi parkt auf dem Hof des roten Reihenhauses im Helsinkier Vorort Konala und zieht die Handbremse an. Sie schaut zu einem der Fenster in der oberen Etage hinauf und erhascht einen Blick auf die große blonde Frau, die sich in der Küche zu schaffen macht. Hellu hat am Morgen, bevor sie zur Arbeit ging, den Speiseplan an der Kühlschranktür überflogen, den die pedantische Hanna immer für die ganze Woche aufstellt: Heute gibt es indischen Linseneintopf zum Abendessen. Ganz gut, aber für Hellus Geschmack ein bisschen zu gesund. Außerdem weiß sie, dass sie in der Nacht immer hungrig aufwacht, wenn das Abendessen aus Tofu oder Hülsenfrüchten besteht.

Sie zerknüllt das Papier des doppelten Cheeseburgers und stopft es ins Handschuhfach. Dann öffnet sie ihr Laptop-Etui und zieht die Mappe heraus.

Der Motor läuft noch, als sie mit der Zunge ihren Zeigefinger befeuchtet und in dem dünnen Papierstapel blättert. Zuoberst liegt der Prüfbericht der Sicherheitspolizei aus dem Jahr 2007. Es handelt sich um eine routinemäßige Überprüfung, die bei allen vorgenommen wird, die sich für die Polizeihochschule bewerben. In dem Bericht heißt es, dass die damals 22jährige Jessica Niemi unbescholten und tauglich ist.

Das nächste Dokument ist der geheime Bericht, den Jens Oranen kürzlich bei der Sicherheitspolizei angefordert hat und der erheblich mehr Text enthält.

Unfall … Tod der Eltern. Hellu spürt, wie ihr Herz schneller schlägt. Sie hält sich das Blatt näher vor die Augen, um den Text in dem schwachen Licht entziffern zu können.

Die Mutter Theresa von Hellens (260560-1521), der Vater Axel Koski (040158-113A) und der Bruder Kristoffer von Hellens (241289-1412) kamen bei einem Verkehrsunfall am 4. Mai 1993 ums Leben. Laut dem Bericht der Unfallkommission des Los Angeles County deuten die technische Untersuchung der Unfallstelle sowie die Aussagen des zweiten in den Unfall verwickelten Fahrers und der Angehörigen darauf hin (was allerdings nicht lückenlos nachgewiesen werden konnte), dass Theresa von Hellens den Wagen vor den schweren Lastzug auf der Gegenspur gelenkt hat, in der Absicht, sich selbst und ihre Familie zu töten.

Hellu schreckt auf, als sie eine Bewegung im Rückspiegel wahrnimmt. Bald sieht sie durch das Fenster den kleiner werdenden Rücken eines Nachbarn, der seinen Hund ausführt, und konzentriert sich wieder auf den Text.

Adoptiert im Juni 1993. Raimo und Paula Niemi, Adoptiveltern. Schwester des Vaters. Verstorben 2002 (Gehirntumor) und 2004 (Herzinfarkt).

Kopfschüttelnd blättert Hellu um. So viel Tod, Jessica Niemi. Jessica von Hellens. Bist du deshalb so geworden, wie du bist? Hast du in zu jungen Jahren zu viel verloren? War Erne dein dritter Vater? Und jetzt ist auch er von dir gegangen.

Schwere Rückenmarksverletzung. Wird vermutlich lebenslang motorische Probleme verursachen …

Hellus Handy klingelt. Es ist Hanna, die mit dem Telefon am Wohnzimmerfenster steht und winkt. »Ich komm ja schon«, murmelt Hellu, zeigt auf den Papierstapel auf ihrem Schoß und schaltet den Motor aus.

Hanna ist daran gewöhnt, dass Hellu lange arbeitet, auch zu Hause noch. Hannas Arbeit als Krankenschwester ist psychisch vielleicht noch belastender, aber sie braucht wenigstens keine Patientenakten mit nach Hause zu schleppen.

Hellu zieht das letzte Dokument hervor. Es handelt sich unverkennbar um die Fotokopie eines älteren Schriftstücks: eine auf der Schreibmaschine getippte Diagnose aus dem Jahr 1998, unterschrieben von dem Kinderpsychiater Olli Vuonamo. Am oberen Rand klebt ein Post-it von Jens Oranen: Das hier findet sich in keiner Datenbank! Mikson hat es die ganze Zeit gewusst. Die Epikrise nimmt fast die ganze Seite ein, und Oranen hat einzelne Sätze gelb markiert.

Es kann sich durchaus um eine Erstsymptom-Phase handeln, die durch seltsame subjektive Wahrnehmungen und unspezifische Symptome wie Beklemmung und Depressivität geprägt ist … symptomatisch sind uneinheitliches Denken und Verhalten, Assoziationsstörungen (Lockerung der Verknüpfung von Denkinhalten) und Wahnvorstellungen beispielsweise in der Beziehung zur Umgebung oder zu anderen Menschen …

»Jetzt hab ich dich an den Eiern, Niemi«, flüstert Hellu und legt die Papiere in die Mappe zurück. Der indische Linseneintopf erscheint ihr plötzlich gar nicht schlecht. Außerdem hat sie Lust auf Sex, hoffentlich ist auch Hanna heute in der richtigen Stimmung.