Jami Harjula umklammert das mit Leder bezogene Lenkrad des Rambler American. An der Ampel an der Kreuzung der Meripellontie und der Rusthollarintie schaltet er in den Leerlauf und bringt den Motor auf Touren: Der V6 heult laut, wenn auch ein bisschen verstimmt auf. Die Novembernacht im Osten von Helsinki ist nicht die richtige Umgebung für den Klang des Motors, der eher dazu geschaffen ist, an hellen Sommerabenden im Stadtteil Kaivopuisto zu schnurren. An solchen Abenden füllt sich dort die Merikatu mit Sportwagen unterschiedlichsten Alters, die Leute stehen an den Eisdielen Schlange, und die Jetskis kreuzen um die Wette zwischen den Inseln Liuskaluoto und Sirpalesaari. Dass eine Stadt zwei so verschiedene Gesichter haben kann.
Die Fahrt von Harjulas Haus in Vartiokylä nach Aurinkolahti dauert mit dem Auto nur zehn Minuten. Harjula parkt an der Ecke des Aurinkolahti-Platzes, hundert Meter von der Stelle, wo er am Morgen den Wagen abgestellt hat, nachdem er zum Fundort der Leiche gerufen worden war. Da war er nicht im Schwarzen Mann unterwegs, sondern im Dienstwagen, einem Octavia.
Harjula nimmt die Taschenlampe vom Beifahrersitz und steigt aus. Der starke, zum Meer hin wehende Wind scheint ihn zum Tanz aufzufordern. Das Wasser gleicht einem großen schwarzen Acker.
Er blickt sich um. Die überall aufragenden weißen, sechs- oder siebenstöckigen Wohnhäuser sind unmittelbar am Ufer gebaut, und alle Wohnungen haben einen verglasten Balkon. Elegant. Er erinnert sich noch gut daran, wie man um die Jahrtausendwende daranging, das Image der Gegend aufzupeppen. Der Stadtteil, der damals Mustalahti, »Schwarzbucht«, hieß, wurde in Aurinkolahti, »Sonnenbucht«, umgetauft. Ein ziemlich kühnes, aber offenbar erfolgreiches Rebranding.
In den meisten Wohnungen brennt Licht, obwohl es schon halb elf Uhr abends ist. Hier wohnen mehr als 8000 Menschen, aber im Fall Olga Belousova hat sich kein einziger Augenzeuge gemeldet. Wenn die Frau in der Kleidung einer japanischen Comic-Figur durch den Stadtteil gegangen wäre, würde sich zweifellos jemand an sie erinnern. Und eben deshalb muss die Leiche vom Meer gekommen sein.
Harjula bleibt an der Wasserlinie beim Bootshafen stehen. Der Hafen besteht aus vier langen Anlegern und bietet Platz für mehr als hundert Boote. Jetzt sind hier nur ungefähr zehn Boote vertäut, von denen einige in so schlechtem Zustand sind, dass sich vermutlich niemand die Mühe machen wird, sie für den Winter aufzubocken.
Zwischen dem Bootshafen und dem Sandstrand befindet sich ein massiver, rund dreihundert Meter langer Wellenbrecher, was die Möglichkeit ausschließt, dass Olga Belousovas Leiche aus einem der am Anleger vertäuten Boote ins Meer geworfen wurde.
Harjula blickt in die Gegenrichtung. Einen halben Kilometer weiter, am anderen Ende des Sandstrandes, hat man in der Einbuchtung einen zweiten Bootshafen angelegt, der ebenfalls durch einen Wellenbrecher geschützt ist.
Laternenpfähle beleuchten die Promenade. Harjula geht unmittelbar am Wasser über den Sandstrand, sodass die Wellen beinahe seine Schuhe nässen. Dann klettert er auf einen Felsblock in der Mitte des Strandes und späht eine Weile um sich, als könnte man aus einigen Metern Höhe alles viel deutlicher sehen.
Die Stelle, an der Olga Belousovas Leiche gefunden wurde, liegt etwa zehn Meter vor dem Felsen. Im hartgefrorenen Sand sind immer noch die Fußspuren zu sehen, die Harjula und die Tatortermittler hinterlassen haben.
Von wo zum Teufel bist du hierher geschneit, Olga?
Harjula betrachtet die kleine, bewaldete Landzunge zwischen dem Strand und dem zweiten Bootshafen und zieht sein Handy aus der Manteltasche. Laut Google Maps heißt die gut hundert Meter lange und fünfzig Meter breite Landzunge Suorttio.
Nach dem Expertengutachten, das sie früher am Tag in Auftrag gegeben haben, ist es zwar möglich, doch in Anbetracht der Strömung nicht besonders wahrscheinlich, dass eine Leiche, die außerhalb der Bucht ins Wasser geworfen wurde, zwischen dem Felsblock und Suorttio ans Ufer getrieben wird. Der Experte hält es für nahezu sicher, dass die Leiche an der Fundstelle oder in ihrer Nähe, innerhalb der Bucht, ans Ufer gelegt wurde.
Aber dann hätte irgendwer etwas sehen müssen.
Verdammt.
Harjula geht weiter bis ans Ende des Sandstrands und bleibt am Rand des Hafenbeckens stehen. Rechts von ihm erstreckt sich die Landzunge ins Meer und begrenzt den Hafen. Ihr Ufer ist nur ungefähr zehn Meter von den äußersten Anlegern entfernt.
Der Wind nimmt zu und bringt die Boote zum Schaukeln.
Harjula kneift die Augen zusammen. Wenn Olga zwischen den Bäumen auf der Landzunge ins Wasser gelegt wurde, hat es nicht unbedingt jemand gesehen. Aber dann hätte die Leiche zuerst mit einem Auto an die Stelle gebracht oder von einem Boot aus auf die Landzunge gezogen werden müssen.
Harjula beschließt, die Landzunge zu untersuchen. Er spürt den harten Felsboden unter seinen Füßen und wundert sich darüber, dass die hohen Kiefern auf so felsigem Grund wachsen können. Langsam, den niedrig hängenden Ästen ausweichend, nähert er sich der Spitze der Landzunge. Rechts schimmert das Wasser, hinter dem Olgas Fundstelle liegt, die Entfernung beträgt vielleicht hundertfünfzig Meter. Die vollständige Dunkelheit über dem Meer und die Straßenlampen an der Promenade bilden einen gewaltigen Kontrast, als würden sich zwei Welten begegnen. Und wenn man genauer darüber nachdenkt, wurde Olga Belousovas Leiche da gefunden, wo Licht und Dunkelheit sich kreuzen.
Plötzlich spürt Harjula unter seiner Schuhsohle etwas anderes als Moos und Fels.
Er hebt den Fuß und sieht ein kleines, halb in den Erdhügel gedrücktes Buch. Ein Notizbuch, bei genauerer Betrachtung.
Harjula holt Gummihandschuhe aus der Manteltasche und zieht sie an. Er hebt das Buch auf und öffnet es. Die knochenweißen Seiten sind nass und eiskalt. Rasch blättert er das Notizbuch von vorn bis hinten durch. Am Anfang sind einige Seiten herausgerissen, aber auf der ersten kompletten Seite sind in sauberer Handschrift drei Namen vermerkt.