Aus den Kopfhörern dringt der lärmende Refrain von Killing in the Name der Band Rage Against the Machine. Nina Ruska legt die Gewichte auf die Gummimatte und wartet darauf, dass ihr Atem gleichmäßiger wird. Sie hat den Blick auf den großen Wandspiegel geheftet und sieht sich im ärmellosen Top in der Mitte des asketischen Raums, in dem weißes Eisen, schwarzes Leder und bunte Gewichtsscheiben dominieren. Ihre Schulter- und Brustmuskeln sind geschwollen, und die Haut über ihnen ist hochrot. Sie spürt, wie ihre Muskeln zucken und zittern.
Außer ihr ist niemand im Fitnessraum. Die wenigen, die üblicherweise am späten Abend trainieren, sind wohl gerade im Einsatz oder machen eine Trainingspause. Die meisten Kolleginnen und Kollegen stürmen morgens in den Kraftraum, sofern ihr Dienstplan es erlaubt. Und dann gibt es Jusuf, der zu den verschiedensten Zeiten auftaucht, manchmal sogar zweimal am Tag. Nina, die schon seit zwanzig Jahren diszipliniert trainiert, findet das impulsive und ziellose Verhalten von Menschen, die urplötzlich ihre Liebe für den Kraftsport entdecken, unerträglich. Jusuf ist ein Paradebeispiel für diesen Menschentyp: ein unbestritten sportlicher Kerl, an dessen Körper die Wirkung der schweren Gewichte anfangs zu schnellem Muskelwachstum führte und der von den raschen Ergebnissen so begeistert ist, dass er ohne vernünftiges Trainingsprogramm immer nur noch mehr Gewicht auflegt. Und wenn die erste Begeisterung vorbei ist, verschwinden die Muskeln so schnell, wie sie gekommen sind. Trotzdem hat Nina das merkwürdige Gefühl, dass sie nach der wilden Kneipenwoche nur deshalb in den Fitnessraum zurückgekehrt ist, um Jusuf dort zu begegnen. Irgendetwas an der Metamorphose des Mannes spricht sie an. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Jusuf wieder Single ist: Vielleicht hat Ninas Unterbewusstsein sie zum Aasvogel gemacht.
Nina greift nach den Gewichten und lehnt den Rücken an die Bank, die in einem Winkel von fünfundvierzig Grad eingestellt ist. Bei den langsamen Wiederholungen mit schwerem Gewicht brennen Brust und Schultern. Neun, zehn, elf, zwölf …
Nina möchte, dass jede Muskelfaser in ihrem Körper sich bis aufs Äußerste zusammenzieht, jede Zelle soll alles geben, nicht weniger. Wenn ihre Arme vor Anstrengung zittern, sieht sie alles klarer. Der Kraftaufwand klärt den Kopf und vertreibt die Störfaktoren. So kann ihr Geist sich darauf konzentrieren, mit dem fertigzuwerden, was ihr passiert ist.
Dreizehn. Sie sieht sich auf dem Boden des dunklen Kellers, hilflos und nackt, nur in ein weißes Laken gewickelt. Um sie herum sind die Männer der Spezialtruppen im Einsatz.
Ihre Arme heben sich langsam, und der herrliche, brennende Schmerz in der Brust ist so stark, dass Nina sich vorstellt, ihr Herz würde zerreißen.
Vierzehn.
Ich habe dir in die Augen gesehen, Micke, und gesagt, dass ich dich liebe. Und du hast dasselbe zu mir gesagt, obwohl du Arschloch keine verdammte Ahnung von der Liebe hattest.
Noch eine Wiederholung. Vielleicht zwei. Scheiße!
Fünfzehn!
Jessica Niemi. Wir haben nie gesagt, dass wir Freundinnen sind. Aber wir sind Kolleginnen, die einander vertrauen müssten. Verfluchte Jessica. Die wunderbare Jessica, der man alles verzeiht, die hinter meinem Rücken mit Micke gevögelt hat und die trotzdem alle lieben.
Nina spürt, wie die Adern an ihrer Stirn hervortreten.
Der Verrat wird auch dadurch nicht gemildert, dass Micke sie beide betrogen hat.
Sechzehn.
Noch eine. Die Fäuste mit den Gewichten strecken sich zur Decke, ihr Körper will aufgeben, ihr stockt der Atem, aber sie muss verdammt nochmal die letzte Wiederholung schaffen, weil sie es so beschlossen hat.
Jessica hätte eine ordentliche Abreibung verdient. Die Faust aufs Auge und Punkt.
Siebzehn!
Nina brüllt wie eine Löwin. Die Hanteln fallen auf den Boden, und die Gummimatte lässt sie hochhüpfen, bevor sie zur Seite rollen.
Nina schließt die Augen. Ihr ist schwindlig. Ihre Arme sind wie abgestorben. Sie schüttelt den Kopf, hebt ihr Handy vom Boden auf und knipst sich im Spiegel. Sie sieht furchtbar aus, ihr Gesicht ist feuerrot und schweißnass, unter der Haut sind geplatzte Äderchen zu sehen. Aber so soll es ja sein. Authentische Training-Posts.
Instagram. Der New York-Filter. #Abendtraining #Maximum #Strandlöwe #stralö01072020
Nina will das Foto posten, doch ihr zitternder Finger macht über dem Display Halt. Sie braucht einen Moment, um zu begreifen, was ihr gerade aufgegangen ist. Es ist etwas sehr Simples, etwas, das noch niemand überprüft hat.
»Verdammt nochmal«, flüstert sie und nimmt schnell den Kopfhörer ab.