Jessica tritt über die Schwelle und lehnt sich mit der Hüfte an den Türrahmen. Die heiße Dusche im Waschraum des Polizeigebäudes hat ihr erneut den Schweiß aus den Poren getrieben, sodass ihre dunkelblaue Bluse am Rücken klebt. Sie zupft sie unauffällig zurecht. Die rechte Hand, mit der sie auf das Kinn des Angreifers eingehämmert hat, tut höllisch weh. Es wäre wohl ratsam, sie beim Betriebsarzt röntgen zu lassen.
»Mach die Tür zu, Niemi«, sagt Hauptkommissarin Helena Lappi und klopft mit dem Zeigefinger auf die kabellose Maus. Sie spricht Jessicas Nachnamen aus, als würde er schlecht schmecken. Jessica schließt die Tür hinter sich, was den Raum noch kleiner wirken lässt. Der Parfümgeruch im Zimmer erinnert an eine teure und aufdringliche Seife.
Helena Lappi, intern zwangloser Hellu genannt, starrt immer noch auf ihren Monitor, was Jessica Gelegenheit gibt, sich umzuschauen. Der Raum ist weitgehend noch so wie zu Ernes Zeiten: eine minimalistische, karge Zelle, deren weiße Wände geradezu nach Formen und Farben schreien, die das Einerlei durchbrechen. Die Jalousien baumeln oberhalb der Fenster, und Steckdosen ragen in Vierergruppen auch da aus der Wand, wo niemand Strom braucht. Das Dienstzimmer ist in seiner Uniformität und Trostlosigkeit eine Klasse für sich. Dennoch wirkt es erst jetzt, ohne Erne, beklemmend und leblos: Der Mensch, der mit seinem großen Herzen die ganze Abteilung erhellt hat, ist nicht mehr da.
»Wir hatten noch keine Zeit, uns ausgiebig zu unterhalten«, sagt Hellu und bedeutet Jessica, Platz zu nehmen.
Jessica setzt sich, verschränkt die Hände im Schoß und sieht der etwas über vierzigjährigen Frau in die braunen Augen, die nicht ganz zu den blondgefärbten kurzen Haaren passen.
Auf dem Posten des Leiters des Gewaltdezernats ist es nach Ernes Ausscheiden im März turbulent zugegangen. Der erste Kandidat, ein auf das Rentenalter zugehender Bierbauch, hat die Einheit einige Monate lang geleitet, bis er eine Stelle in der Chefetage der Polizeiverwaltung ergattert hat. Der zweite verschwand stillschweigend, nachdem er ungefähr die gleiche Zeit im Dienst war. Einer zuverlässigen Quelle zufolge wurde er von Whisky lahmgelegt. Seine langjährige Freundschaft mit der Flasche hatte sich nach seiner Scheidung zur schicksalhaften Liebe vertieft. Ein klassischer Fall.
Bei Hellu dagegen hat man den Eindruck, dass sie nicht auf dem Absprung ist. Sie strotzt vor Eifer und Selbstsicherheit, was sie leider auch zu einer ätzend pedantischen Vorgesetzten macht. Jessica arbeitet erst seit ein paar Wochen unter Hellus Leitung, aber schon jetzt ist klar, dass die neue Chefin Präzision, Protokoll, halbmilitärische Disziplin und unbestechliche Bürokratie liebt. Die Spannung zwischen ihnen war vom ersten Tag an spürbar. Die Ursache ist Jessica nicht ganz klar. Jedenfalls sind die Flure im Polizeigebäude von Tag zu Tag schmaler geworden – als wäre es nicht vorgesehen, dass sie beide dort Seite an Seite gehen.
»Herzlichen Glückwunsch zu Kalasatama«, sagt Hellu trocken. Sie bezieht sich auf einen Mordfall in der Arcturuksenkatu im Stadtteil Kalasatama, dessen Ermittlung Jessica verblüffend schnell abgeschlossen hat. Die Tat an sich war kein großes Mysterium: Ein wegen Gewaltverbrechen vorbestrafter Mann hatte im Suff seinen alten Freund mit einem Baseballschläger totgeschlagen und die Leiche in einem persischen Teppich (oder vielmehr einer chinesischen Kopie eines Perserteppichs) in den Müllcontainer des Hauses geworfen.
»Danke«, sagt Jessica und versucht, neutral zu lächeln. Das ist die diplomatischste Form des Lächelns, aber schwieriger beizubehalten als jede andere. Hellu blättert in ihren Papieren und sieht Jessica von unten herauf an. Jessica schlägt ein Bein über das andere. Dabei stößt sie mit dem Knie gegen die Tischecke, und die Stifte im Ständer wackeln.
»Ich habe gerade mit der Staatsanwaltschaft gesprochen. Dort sind sie zufrieden, es wird eine leichte Arbeit für sie«, fährt Hellu fort.
»Sie können den Fall ja kaum vergeigen, immerhin haben wir ihnen die Waffe geliefert, das Motiv, die DNA, die den Täter …«
»Wie gesagt, Glückwunsch«, sagt Hellu und lässt die Maus los. Die Art, wie sie das tut, wirkt wohldurchdacht. Die an sich unbedeutende Geste beendet gewissermaßen die Ouvertüre. Das Vorspiel. Den Smalltalk. Du hast dein Lob bekommen, Niemi. Jetzt drehe ich dir den Hals um. Die Hauptkommissarin lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und schnalzt unheilverkündend mit der Zunge.
»Ich habe mich bemüht, mit allen zu reden. Das ganze Team kennenzulernen. Bei dir war das noch nicht möglich, weil du mit dem Kalasatama-Fall beschäftigt warst, aber jetzt …« Hellu krümmt die Finger ihrer linken Hand. Den Ringfinger schmückt ein offenbar bewusst schlichter Ring, wohl aus Stahl oder Weißgold. Am Handgelenk trägt sie eine massive Smartwatch, mit der sie sicher versucht, sich das ewige Leben zu biohacken. Oder etwas in der Art.
»Ich habe verstanden, dass du Hauptkommissar Erne Mikson sehr nahestandest. Dass du lange mit ihm zusammengearbeitet hast. Wie viele Jahre?«
Als Jessica Ernes Namen hört, muss sie an sein pockennarbiges Gesicht denken. An seine grauen Bartstoppeln, seine freundlichen Augen. An den leicht komischen Akzent und den beißenden Zigarettengeruch, den er zurückließ, wenn er hinausging.
»Acht«, antwortet sie nach einer Weile, als hätte sie die verstrichenen Sekunden nur gebraucht, um die mit Erne geteilten Jahre zu zählen.
»Und ich habe auch gehört, dass du ihn schon vorher kanntest. Dass ihr Freunde wart.«
»Waren wir. Ja.«
Hellu mustert Jessica aufmerksam, als suche sie in ihrem Gesicht nach weiteren Informationen über die Beziehung zwischen ihr und ihrem verstorbenen Chef. Dann wird ihr Blick ein wenig milder.
»Ja, eine traurige Geschichte. Mein Beileid, nachträglich. Niemand von uns hat zu viele gute Freunde.«
»Danke.«
»Krebs ist eine beschissene Sache.«
»Ja.«
»Der Grund, warum ich jetzt über Mikson spreche und Wunden aufreiße, die wohl noch nicht ganz verheilt sind, ist der folgende: Ich glaube, dass ich mit dir viel Arbeit haben werde. Im Vergleich zu den anderen in der Abteilung.«
Jessica leckt sich über die trockenen Lippen und wartet darauf, dass die Hauptkommissarin weiterspricht. Das geschieht jedoch nicht. »Viel Arbeit?«
Hellu wirkt ein wenig enttäuscht, als hätte sie erwartet, dass Jessica ihre Gedanken lesen kann.
»Hör mal.« Sie holt kurz Luft, bevor sie fortfährt: »Ich weiß, dass du eine gute Polizistin bist, Niemi. Das habe ich so oft gehört, dass ich es nicht bezweifle. Aber ich habe auch gehört, dass du zu Ernes Zeiten eine gewisse Neigung hattest, na ja … aus der Reihe zu tanzen. Anweisungen und Befehle mitunter zu missachten.«
»Aha.« Jessica gibt sich Mühe, ruhig zu bleiben. Sie spürt das Pochen ihrer verletzten Hand, die sie unter dem Tisch verbirgt. Sie braucht bald ein paar Schmerztabletten.
»Diese Information kam übrigens nicht von deinen Kollegen, sondern von weiter oben«, erklärt Hellu.
»Das musst du wohl sagen.«
»Meine Frage an dich, Niemi, lautet: Hast du so gehandelt, weil oder obwohl Mikson und du eine lange und enge Beziehung hattet? Das ist nämlich ein großer Unterschied«, sagt Hellu und lächelt fast unmerklich. Dann fährt sie fort: »Denn die letztere Alternative stellt mich natürlich vor eine größere Herausforderung. Sie würde ja bedeuten, dass ich mich darauf einstellen muss, hart durchzugreifen. Ich dulde schlicht und einfach keine Alleingänge. Ich bin nicht Erne Mikson.«
Zum Teufel, du kannst Erne ohnehin nicht das Wasser reichen, du aufgeblasene Kuh.
Jessica betrachtet die Frau, deren glänzende Augen direkt in ihre eigenen stieren. In Momenten wie diesem brennt sie vor Verlangen, der Autorität den Stinkefinger zu zeigen, der Polizei den Rücken zuzukehren und ihre Kündigung einzureichen. Das Gewaltdezernat braucht sie dringender als umgekehrt. So war es immer schon.
Die Fensterfugen knacken irritierend, obwohl draußen gar kein Wind geht.
»Erne und ich hatten eine bestimmte Arbeitsweise«, beginnt Jessica. »Und die sah nach außen manchmal vielleicht schlimmer aus, als sie war. Wer immer dein Informant ist – für ihn war es sicher unmöglich, die Dynamik zwischen Erne und mir zu verstehen.«
»Es wird dir also nicht schwerfallen, auf meine Art zu handeln?«
»Das ist schwer zu sagen, solange ich nicht weiß, was deine Art ist«, gibt Jessica zurück, obwohl sie ahnt, dass Hellu bei dieser Antwort rotsieht. Die Hauptkommissarin schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch – nicht wütend, aber fest genug, dass Jessica zusammenfährt – und stößt einen ätzenden Laut aus, bei dem man an den Buzzer und das große rote Kreuz an der Wand bei einem Fernsehquiz denken muss.
»Falsche Antwort, Niemi.«
»Ich meine bloß, wenn du als neue Chefin alles umkrempeln willst, dann gibt es natürlich negative Gefühle und Widerstand. Und nicht nur bei mir, sondern bestimmt bei allen. Unter Erne haben wir schließlich immer wirklich gute Ergebnisse erzielt. Warum etwas verändern, wenn es nicht …«
»Niemi«, unterbricht Hellu sie ruhig. »Du sagst gerade all das, was ich nicht hören will.«
»Aha.«
»Tatsächlich bestätigt dieses Gespräch das Bild, das ich von dir hatte.«
»Ich will keineswegs …«
»Wir kommen früher oder später auf die Sache zurück. Hoffentlich deshalb, weil ich dir für deine Fähigkeit, dich an die neue Situation anzupassen, Anerkennung zolle.«
»Hoffen wir es«, sagt Jessica müde und steht auf.
»Niemi.«
Wenn du mich noch einmal beim Nachnamen nennst, reiße ich dich an deinen blöden Wasserstoffperoxidhaaren.
»Ja?«
»Wir sind noch nicht fertig.«
Jessica setzt sich wieder und zählt in Gedanken bis zehn.
»Ich habe auch eine polizeiliche Angelegenheit zu bereden.« Hellu befeuchtet ihre Fingerspitze an der Zunge. »Sind dir die Gesichter bekannt?«, fragt sie und zieht zwischen ihren Papieren das Titelblatt einer Boulevardzeitung hervor. Jessica greift danach und betrachtet die Fotos, die zwei junge Menschen zeigen, eine Frau und einen Mann. Beide sind auf ihre Weise schön und trendy, die Bilder strahlen eine gewaltige Energie und Lebensfreude aus. Vorbilder, Trendsetter. In den letzten zwei Tagen hat Jessica die Fotos viele Male gesehen.
»Die Blogger.«
»Genau die.«
Lisa Yamamoto und Jason Nervander. Die populärsten Social-Media-Promis und Lifestyle-Blogger Finnlands. Zu beiden sind seit zwei Tagen besorgte Anfragen bei der Polizei eingegangen: Beide sind in der Nacht zum Sonntag nicht nach Hause gekommen, nachdem sie am Samstagabend auf einer Party zur Veröffentlichung des neuen Albums eines bekannten finnischen Rappers waren.
»Kriegen wir den Fall?«, fragt Jessica und legt das Blatt auf den Tisch. Die Möglichkeit, dass die Sache bei ihnen landet, ist ihr schon früher durch den Kopf gegangen. Vielleicht hat sie sogar insgeheim darauf gehofft. Vermisstenfälle sind oft faszinierender als normale Mordermittlungen. Sie sind wie eine Opernaufführung, bei der die Leiche vor der Pause gefunden werden muss. Der zweite Akt fällt aus, wenn die Vermissten lebend entdeckt werden. Manchmal werden sie nie gefunden.
»Noch gestern schien klar zu sein, dass es sich um irgendeinen Prank handelt, irgendeine Aktion, um ihre Followerzahlen in die Höhe zu treiben. Die beiden kennen sich nämlich, und sie haben massenhaft neue Follower bekommen, nur weil sie verschwunden sind. Aber heute Morgen ist dann was passiert, das den Verdacht weckt, es könnte sich um ein Verbrechen handeln.«
»Was denn?«
»Auf Lisa Yamamotos Instagram-Account ist ein neues Bild aufgetaucht.« Hellu legt einen weiteren Bogen vor Jessica hin. Es ist ein Instagram-Bild, das einen hohen, aus gelbbraunem Stein gebauten Leuchtturm zeigt.
»Was ist das?«
»Der Leuchtturm von Söderskär. In den äußeren Schären vor Porvoo. Sieh dir den Text an.«
Jessica lässt ihren Blick nach unten wandern und sieht unter den Ziffern, die Tausende von Likes dokumentieren, einen Text. Sekundenlang hat sie das Gefühl, die Feuchtigkeit an ihrem Rücken sei kein Schweiß, sondern feinkörniger Reif, den der Frost auf ein Ahornblatt gelegt hat. Eine schneidende Kälte durchfährt sie.
Ein stilles Grab tief drunten im Meer,
dort hilft der Prinzessin keiner mehr.
In ewigem Schlaf liegt sie so kalt,
Eis und Schnee bedecken sie bald.