Jusuf lehnt sich an die Motorhaube und steckt sich eine Zigarette an. Vor dem Kambo-Studio auf der anderen Straßenseite ist ein Mannschaftswagen der Polizei vorgefahren, und das Gebiet vor dem Geschäft ist mit blauweißen Bändern abgesperrt. Die Wände der grauen Hochhäuser zu beiden Seiten des niedrigen Gebäudes flackern hellblau. Auf den Balkons stehen Neugierige.
Jusuf saugt das Nikotin in die Lunge, hält einen Moment die Luft an, als wollte er dem Gift die Chance geben, gründlich in seinen Kreislauf einzudringen. Dann lässt er den Rauch als dünnes Band durch den Mundwinkel entweichen.
In letzter Zeit hat er mehr geraucht als je zuvor. Er hat allmählich alle Sportarten aufgegeben, die Ausdauer erfordern – Joggen, Unihockey und Futsal – und sich auf Krafttraining konzentriert.
Nach der Trennung im Frühjahr hatte er das Gefühl, nur beim Gewichtheben innere Ruhe zu finden. Die Musik im Kopfhörer, das Poltern der Gewichte, das Magnesiumpulver an den Händen und der Schweißgeruch. Die in den Muskeln rumorenden Lactate und das brennende Gefühl, das den Körper bei den letzten Wiederholungen langer negativer Serien erfasst. Die von der Anstrengung geschwollenen und zitternden Muskeln. Die vergleichsweise schnelle und sichtbare Entwicklung. Die Adern, die schon nach einem halben Jahr auf dem Bizeps hervorgetreten sind und die vor allem die Frauen zu betrachten scheinen.
Vor allem geht es wohl die ganze Zeit darum, sich neu zu erfinden. Jusuf wollte im Spiegel nicht mehr denselben, allen bekannten sportlichen, schönen dunkelhäutigen Jungen sehen, der auf dem Spielfeld mühelos einen Hattrick hinlegt, schnell duscht und dann nach Hause zu seiner Verlobten eilt. Es ist Zeit, etwas anderes zu sein. Er möchte mehr Eckigkeit und Glaubwürdigkeit. Er will wissen, wie es ist, mehr Alphamann zu sein: im nächsten Sommer so superfit zu sein, dass alle Frauen sich nach ihm umdrehen.
Und gleichzeitig weiß Jusuf: Scheiße, wie albern. Trotz allen Eifers und trotz der heiligen Versprechungen vor dem Spiegel hat er in den letzten Monaten keine Frau kennengelernt. Vielleicht hätte er sogar Chancen gehabt, aber Sex interessiert ihn nicht. Der Frust hat seine Libido zerstört.
Er blickt von seinen Schuhspitzen auf. Von der Innenstadt her kommt ein langer Lkw, der langsam vorbeifährt, und als er aus dem Blickfeld verschwindet, sieht Jusuf Jessica die Straße überqueren.
»In der Vorratskammer sind einige Flaschen«, sagt Jessica, als sie bei ihm angekommen ist, und fügt hinzu: »Sie werden zur Untersuchung ins Labor gebracht. Kann sein, dass sich alle Stoffe finden, unter das Froschgift gemischt oder einzeln.«
»Davon gehe ich aus. Wenn der Schütze sie nicht mitgenommen hat.«
Um die Ecke biegt eine Straßenbahn, die gemächlich an ihnen vorbei zum Marktplatz Hakaniemi und zur U-Bahn-Station rappelt. Hinten im Wagen steht ein Dutzend Feiernde in dunkelgrünen Studentenoveralls.
»Was denkst du über das Ganze?«, fragt Jessica und setzt sich neben Jusuf auf die Motorhaube.
Jusuf zieht an seiner Zigarette und blickt in den dunkelgrauen Himmel. Eine dicke Wolkendecke hat sich vor den Mond geschoben.
»Olga Belousova war am Samstag hier. Vielleicht allein, vielleicht mit jemandem. Vielleicht hat dieser Jemand heute erfahren, dass wir in Vuosaari eine Leiche gefunden haben. Dass es Olga sein muss. Und dass die Brandmale an ihrem Arm dazu führen, dass die Polizei hier nach ihr fragt«, meint Jusuf und rümpft die Nase, weil ein Teil des Rauchs sich in die Nasenhöhle zu verirren scheint. »Und dann ist er hergekommen und hat Jose Rodriguez erschossen, damit der nicht reden kann.«
»Das Gespenst?«, flüstert Jessica.
»So muss es sein.«
»Mich stört nur ein bisschen …«, beginnt Jessica, und Jusuf richtet den Blick auf sie. »Ich hab auf der Fahrt im Internet über den Besitzer des Ladens, über diesen Jose gelesen. Er scheint eine Art Pionier im Kambo-Geschäft gewesen zu sein. Jedenfalls in Finnland. Er hatte viele zufriedene Kunden, die schreiben, die Kambo-Behandlung hätte ihr Leben verbessert.«
»Und?«
»Es ist nicht möglich, dass er in die Kambo-Dosis aller Kunden Morphin und Buprenorphin gemischt hat. Die Wirkung wäre zu stark geworden, und er wäre früher oder später aufgeflogen. Außerdem ist die Mischung ziemlich teuer, und ich glaube nicht, dass alle für sowas zahlen wollen.«
»Du meinst also, er hat es nur bei einigen untergemischt?«
»Genau. Er hatte zwei verschiedene Kundengruppen.«
»Interessant.«
»Überleg doch mal, Jusuf. Wenn du jemanden davon überzeugen willst, dass er regelmäßig zur Behandlung kommen muss, ist es der perfekte Trick, das Gift mit etwas zu würzen, das nicht nur Kicks gibt, sondern auch süchtig macht. Aber wie ich schon sagte, hat Jose das nicht bei allen tun können und wollen«, sagt Jessica, während Jusuf die Kippe auf die Straße fallen lässt.
»Mach weiter, Jessi. Du bist voll im Flow.«
»Es muss noch mehr Mädchen wie Olga Belousova geben. Sie wissen vielleicht nicht, dass sie drogenabhängig sind, aber sie sind es trotzdem. Sie begreifen es nicht, weil sie an Kambo glauben und denken, dass bestimmte Empfindungen dazugehören.«
»Jemand peppt das Gift auf, damit die Kunden zurückkommen und mehr wollen? So ähnlich wie die Tabakfirmen?«
»Genau.« Jessica blickt auf die Kippe, die Jusuf gerade weggeworfen hat.
»Okay«, sagt Jusuf. »Wer organisiert diesen Mist?«
»Jemand, der junge Frauen ins Land bringt. Das ganze Schema – den Pass wegnehmen und ein Schuss in die Vene – ist in Zuhälterkreisen vielleicht veraltet. Außerdem sind Verzweiflung und Angst im Gesicht einer Sexarbeiterin zu sehen. Das ist schlecht fürs Geschäft. Und deshalb hatte auch Olga Belousova ihre Papiere bei sich. Die Frauen sind Gefangene, ohne es zu wissen. Es ist sozusagen eine offene Strafanstalt.«
»Deren unsichtbare Mauer die Kambo-Abhängigkeit ist?«
»An diesem Punkt müsste es wohl heißen: Abhängigkeit von aufgeputschtem Kambo, oder?«
»Scheint so.«
Zwischen den beiden Polizeifahrzeugen vor dem Gebäude hält der weiße Lieferwagen der KTU.
»Du glaubst also, dass bei Olga Belousova irgendeine Komplikation eingetreten ist?«, fragt Jusuf, als ein Mann und eine Frau aus dem Wagen aussteigen und weiße Schutzkleidung anlegen.
»Hier oder anderswo. Vielleicht erst in dem Boot, von dem Harjula gesprochen hat. Jedenfalls hatte niemand damit gerechnet. Man hat versucht, Olga wiederzubeleben, aber ins Krankenhaus konnte man sie nicht bringen, denn dort hätte man sich dafür interessiert, wo eine Frau, die sich illegal im Land aufhält, mit verschiedenen Chemikalien vollgepumpt wurde. Also hat man sie kurz entschlossen ins Meer geworfen, und ein paar Tage später hat ein Passant die Leiche gefunden.«
»Und Harjulas Theorie, irgendjemand hätte sich eine bewusstlose Frau bestellt, um sie zu vergewaltigen?«
»Daran glaube ich nicht. Das heißt, ich glaube schon, dass es in dieser kranken Welt Nachfrage nach so etwas gibt, aber meiner Meinung nach passt es irgendwie nicht zu der Geschichte«, sagt Jessica und zieht die Ärmel über ihre Finger.
»Gut, Jessi. Morgen lösen wir den Fall.« Jusuf steckt sich die nächste Zigarette an.
Eine Weile sitzen sie schweigend nebeneinander auf der Motorhaube. Der leichte Schneefall hat dem Asphalt schon einen dünnen weißen Schleier beschert. An den Fenstern der Hochhäuser sind Kerzen und Adventsschmuck zu sehen. Aber der Mann, der in seinem kleinen Laden tot auf der Toilette sitzt, hält Jusufs Gedanken gefangen, und er kann sich kaum vorstellen, dass es nur noch knapp einen Monat bis Weihnachten ist.