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Jessica prüft mit den Fingerspitzen die Wassertemperatur und steigt in die Badewanne. Das heiße Wasser streichelt ihre Haut und putscht sie auf. Sie lässt sich langsam ins Wasser sinken, lässt jede Pore ihrer Haut den Moment genießen, in dem das Wasser sie umfängt. Bald geschieht dasselbe wie bei jedem Genuss: Der Körper gewöhnt sich schnell daran, und die Herrlichkeit wird zur neuen Normalität. Die angenehme Wärme wird sich schon bald lauwarm anfühlen, deshalb muss man jeden Sinneseindruck dann genießen, wenn das Erlebnis direkt ist, man muss hier und jetzt leben. Leichter gesagt als getan.

Jessica schließt die Augen, und als sie sie wieder aufschlägt, sind ihre Augenlider leichter geworden. Sie lässt den Blick durch das große Badezimmer wandern. Vor einigen Jahren wurde Mikrozement auf die weißen Kacheln an den Wänden aufgebracht. Jessica erinnert sich, wie Erne die einfache Eleganz des rauen, mattgrauen Aufstrichs bewundert hat, während er sich von Jessica beim Waschen helfen ließ. Manchmal vergaß er den Druck und die Scham, die seine Pflegebedürftigkeit in ihm weckte, und schaffte es, sich zu entspannen und sein Kontrollbedürfnis zu verdrängen. Dann lehnte er den Kopf an die weiche Nackenstütze der Wanne und schloss die Augen, während Jessica ihm mit Teershampoo die Haare wusch. Erne mochte den Geruch, der ihn an seine Kindheit erinnerte, an die Speicher auf der Insel Saaremaa, wo die bei der Jagd erlegten Wildschweine in der Herbstkühle hingen.

Erneut schließt Jessica die Augen, sie spürt Ernes Anwesenheit und die Sicherheit, die er ihr gibt, als wäre er bei ihr im Badezimmer.

»Ich bin so froh, dass du das hast«, sagt Erne eines Abends in der Wanne und schließt die Augen, als Jessica seine Haare mit lauwarmem Wasser spült. Er spricht langsam, seine Stimme ist brüchig, aber entschlossen. Sein Körper liegt im Sterben, doch sein Kopf funktioniert noch so wie immer. Im Guten wie im Schlechten.

»Was?«

»Na, das hier«, lacht Erne, lässt seinen Finger kreisen und bekommt eine kurze Hustenattacke. Danach schluckt er ein paar Mal, als wolle er sicherstellen, dass seine Stimme noch trägt, und fährt fort: »Aber vielleicht könntest du … Vielleicht solltest du dir überlegen, deinen Freunden die Tür zu deiner richtigen Wohnung zu öffnen. Den anständigen Typen, solchen, denen du vertraust. Jusuf. Oder Rasse. Dieser Fubu weiß ja auch nicht …«

»Erne«, seufzt Jessica. »Allmählich bereue ich, dass ich dich hergeholt habe.«

Erne nickt entschuldigend. »Sorry. Wenn man alt wird, gibt man dauernd Ratschläge, hast du das schon gemerkt? Oder vielleicht geht es nicht allein ums Altwerden, sondern darum, dass man bald stirbt. Dann glaubt man, dass man so weise geworden ist, wie man nur werden kann.«

Jessica trocknet sich die Hände ab und steht auf. Es ist so still, dass sie hören, wie aus dem Hahn noch ein paar Tropfen ins Badewasser fallen.

»Du solltest nicht darüber nachdenken müssen, ob sie dich wegen alldem nicht mögen würden. Oder ob die Tatsache, dass du Geld hast, dich irgendwie zu einem schlechteren Menschen macht. Zu einem anderen …«

»Vielleicht möchte ich das lieber nicht herausfinden«, sagt Jessica.

»Ich fürchte nur, Jessi, dass du grundlos einsam bist. Viele sind es, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Weil sie hässliche, vertrocknete und grantige Hutzelmännchen sind, so wie ich. Weil all die Geheimnisse und Fehler, die sich im Laufe des Lebens angesammelt haben, Körper und Seele fast zum Platzen bringen. Du hast noch Zeit, dein Leben jemandem zu öffnen, dem du vertraust, Jessi.«

»Vielleicht fühle ich mich hier in meinem Märchenschloss ganz allein wohl«, sagt Jessica. »Vielleicht finde ich es schön, zwischen zwei Welten hin und her zu springen. Vielleicht ist das Freiheit.«

»Die Heimlichtuerei?«

»Nein, sondern die Möglichkeit zu wählen, was und wer man ist. Jeden Tag von neuem.«

Erne nickt erschöpft, er begreift, dass er aufgeben muss. Jessica geht ans Waschbecken und reibt sich die Hände mit Feuchtigkeitscreme ein. Im Spiegel sieht sie sich selbst und den in der Badewanne liegenden Erne. Sie weiß, dass ihm nur noch Tage, höchstens zwei Wochen bleiben. Gerade jetzt ist Erne relativ munter, fast sein altes Ich, aber gegen Ende des kurzen Bades wird er so müde sein, dass er die Augen nicht mehr aufhalten kann. Seine Zeit läuft ab, das weiß Jessica. Der Arzt hat ihr gesagt, dass Erne unter dem Einfluss der starken Schmerzmittel zum Ende hin immer müder wird, dass er mehr und mehr schläft. Bis er eines Morgens nicht mehr aufwacht. Jessica hat schon begonnen, ihre Gedenkrede für Erne zu entwerfen. Sie möchte unbedingt, dass er sie hört. Erne wird das Publikum der Generalprobe sein.

Als Jessica sich mit dem Rest der Creme die Stirn einreibt, sieht sie im Spiegel, dass Ernes Gesicht zuckt.

»Erne? Was ist los?« Sie dreht sich schnell um.

Das Gesicht des mageren Mannes ist von trostlosem, stummem Weinen verzerrt. Er sieht Jessica in die Augen, tiefer als je zuvor.

»Versprich mir, dass du zurechtkommst, Jessi. Sonst muss ich zurückkommen … und dann nochmal sterben«, sagt er und wischt sich mit der seifigen Hand die Augen ab. Jessica beugt sich vor und trocknet ihm das Gesicht.

Ich verspreche es, lieber Erne.

Jessica holt tief Luft und sinkt tiefer in die Wanne, lässt ihren Körper langsam bis auf den Grund gleiten. Sie hört, wie das Wasser in die Gehörgänge eindringt, und sieht die Luftbläschen, die aus ihrem Mund entweichen. Ihre schwarzen Haare steigen nach oben wie die Fangarme eines Tintenfischs. Sie hält die Luft an und zählt die Sekunden, bis ihre Gedanken abzuschweifen beginnen. Dann verliert sie das Zeitgefühl. Sie war wohl eine Minute unter Wasser. Vielleicht auch länger. Sie spürt den Druck in der Lunge und der Luftröhre. Hat sich Erne im Bett in Jessicas Gästezimmer so gefühlt, als seine Lunge ihre Tätigkeit einstellte? War es unmenschlich, tatenlos dabeizustehen, als er allmählich erstickte wie ein Fisch an Land? Hätte eine wahre Freundin Ernes Wunsch erfüllt zu sterben, als er noch halbwegs bei Kräften war, ohne Qual und ohne Verwirrung stiftende Hilflosigkeit?

Jessica schließt die Augen und sieht das Schwarzweißfoto von Tim Taussi und Lisa Yamamoto vor sich. Es scheint nichts Besonderes oder Verdächtiges an sich zu haben, aber es will ihr nicht aus dem Sinn. Gleich am nächsten Morgen wird sie Taussi danach fragen.