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Jessica.

Das Flüstern schwebt durch den Raum.

Die runde Uhr an der Wohnzimmerwand zeigt Viertel vor vier. Vor fünfzehn Minuten ist Jessica vom Sofa aufgestanden. Um halb vier. In der Stunde der Wahrheit. Die Lampen, die auf der Straße im Wind schaukeln, hängen niedriger als die Fenster, ihr Licht dringt nicht durch die Fenster dieser Etage des alten Hauses. Nur das in einiger Entfernung unermüdlich leuchtende Lichtermeer der Innenstadt von Helsinki gibt den Möbelstücken und anderen Gegenständen klare Umrisse und hindert sie daran, in der völligen Dunkelheit der Nacht unterzugehen.

Jessicas Hand bewegt sich mühelos über das Papier, sie schreibt die Buchstaben so sorgfältig, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Aber ihre Mutter hat nicht lange genug gelebt, um zu sehen, wie die Hand, die den Stift hält, gewachsen ist, und um zu hören, welche Gedanken sich hinter Jessicas schöner Handschrift verbergen. Die Gedanken der erwachsenen Jessica. Der Jessica, die etwas zu sagen hat und fähig ist, ihre Gedanken in gewandte Sätze zu kleiden.

Manchmal vergisst das Mädchen bewusst, was der Mann ihr angetan hat, und erinnert sich an Venedig in der Junisonne. An die Tage, als Colombanos starke Finger sich noch nicht um ihren Hals gelegt hatten, als er seine Maske noch nicht abgenommen hatte. An die Momente in den Armen des schwer atmenden Mannes, wenn die Geräusche der erwachenden Stadt in die Stille der ersten Morgenstunden dringen. Der heraufdämmernde Morgen setzt die Stadt, ihre Menschen und die Vögel als Instrumente ein. Die kreischenden Möwen und die Geige eines Straßenmusikanten. Die sich öffnenden Sonnenschirme der Terrassen und die nach unten rollenden Markisen, die die Feuchtigkeit, die sie während der Nacht gesammelt haben, auf das Kopfsteinpflaster tropfen lassen. Die auf den Kanälen kreuzenden Boote mit ihren kleinen Motoren, die Rufe der Kutscher, das Stimmengewirr der Touristen. Venedig ist so schön wie ihre Liebe, denn in dem Moment, als Colombano sie verächtlich ansieht, scheinen sich Wolken vor die Sonne zu schieben, und der modrige Geruch, der von den Kanälen aufsteigt, dringt dem Mädchen in die Nase. Und als der Mann seine Finger tief in die Haut an ihrem Hals drückt, ihr den Atem abschnürt und seine Hand mit Gewalt dahin schiebt, wo sie früher willkommen war, wo das Mädchen sie wollte, mehr als irgendetwas auf der Welt, spürt das Mädchen, dass etwas in ihrem Inneren stirbt.

Jessica legt den Stift auf den Tisch und wartet.

Trotz der schwachen Beleuchtung hebt sich der dunkelblaue Text deutlich von dem weißen Papier ab. Es dauert eine Weile, bis ihre Mutter die Sätze gelesen hat. Oder vielleicht liest sie sie zweimal. Um genau zu verstehen, was ihre Tochter sagt.

Jessica, Liebling …

Als ihre Mutter spricht, wird es Jessica kalt, als würde sie eine Sekunde lang an der offenen Tür stehen und die eisige Luft hereinlassen. Sie zieht den Gürtel ihres Bademantels fester und bedeckt ihre nackte Brust.

Er hat dich immer noch im Griff, nicht wahr?

Die schwarz lackierten Fingernägel streichen über Jessicas Zeilen, die erstaunlich gerade sind, als wären sie auf liniertem Briefpapier geschrieben.

Jessica hebt den Blick vom Papier und lässt ihn über die mageren Finger zu dem weißen Arm wandern, zu dem schwarzen Abendkleid, das die spitzen Brüste nur teilweise bedeckt, zum Halsausschnitt und schließlich zum Gesicht. Es ist schwierig, das verunstaltete Gesicht zu betrachten. Blut hat es erobert, die helle Haut lugt nur hier und da zwischen der eingedrückten Stirn und den zertrümmerten Wangenknochen hervor.

Ich hatte dich für stärker gehalten, Jessi.

Entschuldigung, Mama.

Ein röchelnder Seufzer folgt. Jessicas Mutter nimmt das Papier in die Hand, ihre Finger rascheln auf dem Bogen wie die Beine eines großen Insekts. Dann faltet sie den Bogen in der Mitte zusammen. Einen Moment lang glaubt Jessica, ihre Mutter würde ihn in ihre Handtasche stecken, die an der Stuhllehne hängt. Aber plötzlich wird er in der zitternden Hand der Mutter zusammengeknüllt und verschwindet auf Nimmerwiedersehen hinter dem Handrücken. Die Mutter hebt ihre Augenlider, und ihre weißen Augen in der roten, formlosen Masse scheinen größer zu werden.

Manchmal verletzen mich deine Gedanken, Jessi. Ich habe versucht, dich zu einem starken Menschen zu erziehen.

Ihre Stimme ist kalt und tadelnd.

Entschuldigung, Mama.

Geh jetzt ins Bett und vergiss den Mann. Benimm dich so, wie es sich für eine von Hellens gehört.

Jessica senkt den Blick und steht auf. Der Stuhl macht kein Geräusch, und das alte Holzparkett knarrt nicht unter den Füßen, anders als tagsüber. Der Moment, der die dunklen Nuancen der Nacht vereint, wählt seine eigene Klangwelt. Die Stimme der Mutter. Jessicas Stimme. Das leise Säuseln des Stifts auf dem dicken Briefpapier. Das Geräusch des zerknüllten Papiers.

Jessica bleibt an der Treppe stehen.

Aber ich habe ihn getötet.

Ihre Mutter seufzt.

Er hatte den Tod verdient, Jessi.

Die Stimme der Mutter klingt verächtlich.

Ich habe ihn getötet, Mama.

Jessica schließt die Augen und spürt, wie sie auf eine andere Realität zuschwebt, auf eine andere Zeit und einen Ort, an dem das Licht zu den Fenstern hereinfließt und die endlose Dunkelheit des Winters überflutet. Doch sie schlägt die Augen wieder auf, sie muss die Szene zu Ende bringen, muss jeden Satz sprechen, der für sie vorgesehen ist. Und auf eigenen Beinen in die obere Etage gehen, wo ihr Bett steht.

Konzentrier dich auf die Gegenwart, Jessi. Richte deine Energie auf das, was du noch beeinflussen kannst.

Jessica sieht ihre Mutter an, die aufsteht.

Erinnerst du dich an den Kartentrick, den dein Vater dir und Toffe vorgeführt hat? Immer wieder und wieder.

Jessica nickt.

Der Zauberer muss die Karte, die du wählst, nicht kennen, Jessi. Nur die Karte neben deiner.

Jessica spürt, wie ihre Lippen sich bewegen, als sie die Worte ihrer Mutter lautlos wiederholen.

Gute Nacht, Mama.

Gute Nacht, Schatz.

Jessica betrachtet noch eine Weile das Sofa, auf dem sie vor einigen Stunden eingeschlafen ist. Der Timer hat den Fernseher ausgeschaltet. Als sie die Treppe in die obere Etage der Wohnung hinaufgeht, hört sie ihre Mutter weinen. Jede Stufe führt sie weiter weg von ihrer Kindheit und näher an die Gegenwart. Als Jessica noch einen letzten Blick auf den langen Tisch wirft, ist ihre Mutter nicht mehr dort. Es gibt nur noch gespannte Stille, den Füller und den Brief. In der Nase spürt sie jedoch immer noch den starken Geruch, der sie geweckt hat: verbranntes Holz wie von einem Lagerfeuer und ein Parfüm, das nach Blumen duftet.

Der Zauberer muss die Karte, die du wählst, nicht kennen, Jessi. Nur die Karte neben deiner.