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Donnerstag, 28. November

Das leise Weinen der Mutter wird allmählich von der Sirene des Polizeifahrzeugs übertönt.

Jessica spürt, wie der Traum sich mit wirklichen Wahrnehmungen vermischt, wie die Menschen und die Geräusche um sie herum verschwinden, je mehr sie sich des Gewichts ihres Körpers bewusst wird, wie ihre Wangen, ihre Hüfte und ihre Beine von den Knien bis hinunter zu den Füßen das Satinlaken berühren.

Es ist Morgen. Endlich.

Langsam schlägt Jessica die Augen auf. Sie wirft einen Blick auf ihre Hand. Das Zimmer liegt im Halbdunkel, aber auf dem Handrücken sieht sie dennoch getrocknete Tinte. Sie fühlt sich kraftlos und verkatert, obwohl sie am Abend nur ein Glas Weißwein getrunken hat. Die Nächte, die sie ganz oder zum Teil im Gespräch mit ihrer Mutter verbringt, zehren an ihren Kräften: Es ist, als würden sie ihr auch noch die wenige Energie entziehen, die sie trotz ihres chronisch schlechten Schlafs ansammeln konnte.

Vorsichtig setzt Jessica sich auf und bleibt am Rand ihres breiten Bettes sitzen. Diese Angewohnheit stammt aus den Jahren, in denen zu abrupte Bewegungen oft qualvolle Schmerzattacken auslösten. Morgens war es am schlimmsten, ihre Fersen und Knie schienen sich während der Nacht mit kleinen Nadeln gefüllt zu haben, die heftig kreisten wie eine wildgewordene Kompassnadel. Ein Reißen im Kreuz, in den Schultern und Handgelenken, wie Schwerthiebe, wieder und wieder, als würde die Hand, die das lange Schwert schwenkte, niemals müde.

Es wäre unmöglich, irgendwem zu erklären, was der Verkehrsunfall vor fast zwanzig Jahren in ihrem Körper angerichtet hat, wie er ihr Rückgrat und ihre Nervenbahnen beschädigt hat. Wenn sie nach einer schweren Operation oder einer Bluttransfusion im Krankenhaus lag, wünschte sie sich oft, sie wäre tot. So wie Papa, Mama und Toffe. Warum musste gerade sie den Unfall überleben? Und wenn es so bestimmt war, wäre es dann zu viel verlangt, dass sie mit leichteren Verletzungen davongekommen wäre? Damit sie ihrem Schicksal wenigstens teilweise dankbar sein könnte.

Und selbst wenn Jessica eines Tages lernen wird, ihr Leben zu schätzen, wird sie nie vergessen, was sie getan hat. Sie hat einen Mann getötet, sie hat mit einem Messer zugestochen und gesehen, wie das Leben aus seinen Augen verschwand. War Colombanos Leben weniger wert, weil er ein Vergewaltiger und Sadist war? War es reine Selbstverteidigung oder doch vorsätzlicher Mord? Jessica erinnert sich, dass sie das Messer mitgenommen hat, als sie das Hotel verließ. Sie hat den Kampf gewählt statt der Flucht. So hatte Erne es ausgedrückt. Erne hat nie von Rache gesprochen, aber Jessica weiß, dass er die Sache nur beschönigt hat.

Du hast getan, was du tun musstest, Jessica.

Jessica räuspert sich und zieht ihre Armbanduhr an. Es ist Viertel vor sieben.

Sie gähnt, steht auf und schaukelt auf Ballen und Fersen vor und zurück, wie um sich zu vergewissern, dass ihre Beine sie tragen. Alles ist in Ordnung.

Jessica nimmt das Handy vom Nachttisch und geht nackt durch das große, mit schwarzem Teppichboden ausgelegte Zimmer ins Bad.

Sie hebt den Deckel und setzt sich auf die Toilette.

Auf ihrem Handy findet sie eine WhatsApp-Nachricht von Rasmus.

Nina hat herausgefunden, was Akifumi2511946 bedeutet. Ein Schritt vorwärts, aber eine Sackgasse.

Jessica schließt die Augen. Sie denkt an die vergangene Nacht. Das Gespräch am Tisch kommt ihr vor wie ein Traum, aber sie weiß, dass sie auf dem langen Esstisch unten im Wohnzimmer Stift und Papier finden wird. Wie bisher jedes Mal ist alles quälend wirklich. Die Menschen, die Gerüche, die Zeit und der Ort. Morgens gleicht die Wohnung einer verlassenen Theaterbühne, auf der die Schauspieler beim Weggehen die Requisiten zurückgelassen haben.

Jessica spürt das Parfüm ihrer Mutter in der Nase.

Sie betätigt die Spülung und ruft Rasmus an.