Helena Lappi starrt auf die App, die eine grafische Zusammenfassung ihrer Schlafqualität in der letzten Nacht und des Regenerationsgrades erstellt hat. Der Schlaf war ganz okay, allerdings ist sie gegen zwei Uhr aufgewacht, nachdem sie zuerst von dem Fall geträumt und gleich darauf im nächsten Traum Jessica Niemi von den Unterlagen erzählt hat, die sie besitzt. In diesem Traum wurde Niemi total wütend, zog ihre Dienstwaffe und bedrohte Hellu mit harten Worten. Schließlich streckte Hellu Jessica mit einigen Kungfu-Tritten zu Boden und legte ihr Handschellen an. Es war keineswegs ein Albtraum, im Gegenteil.
Der Regenerationsgrad ihres Körpers ist jedoch trotz des relativ guten Schlafs niedrig, was an der stark gesunkenen HRV liegt. Dreizehn. Was zum Teufel fehlt mir bloß?
»Hellu?«, meldet sich Harjula, der ihr gegenübersitzt, voller Ungeduld.
»Sorry.« Hellu richtet den Blick auf das Notizbuch, das Harjula auf den Tisch gelegt hat. »Ich hab schlecht geschlafen.«
»Da sind handschriftlich drei Namen eingetragen«, sagt Harjula und fügt hinzu: »Medeya Lazakovich, Miep Loos und Tamara Jugeli.«
Hellu schüttelt den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass sie keine Ahnung hat, worum es geht.
»Ich hab gleich angefangen, die Sache zu klären. Es war nicht besonders kompliziert. Ich habe die Namen gegoogelt, und jetzt rate mal, was ich gefunden habe?« Harjula legt eine kurze Pause ein, als warte er auf Hellus Antwort. Als sie ausbleibt, fährt er fort: »Alle sind Prostituierte.«
»Die in den Nachrichten erwähnt wurden …«
»Weil sie gestorben sind«, sagt Harjula.
»Gestorben? Wie das?« Plötzlich hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie den Beginn der Besprechung herausgezögert hat, um nachzusehen, wie ihr Schlaf war.
Harjula legt drei Ausdrucke auf den Tisch.
»Lazakovich, 21 Jahre, russische Staatsbürgerin. Wurde am 12.11.2018 in St. Petersburg tot aufgefunden.« Er schiebt den Bogen zur Seite. »Loos, 28, am 4.2.2019 in ihrer Heimatstadt Amsterdam tot aufgefunden. Und die letzte: Jugeli, 27, eine ukrainische Prostituierte, deren Leiche am 6. Juni dieses Jahres in Lwiw in der Ukraine gefunden wurde. In allen Fällen geht man von einem ungewöhnlich brutalen Gewaltverbrechen aus.«
»Und die Namen dieser Frauen wurden also in das Buch da geschrieben?« Hellu überfliegt die Zeitungsberichte, die Harjula im Internet entdeckt und ausgedruckt hat. Jeder zeigt das Bild einer schönen, lächelnden jungen Frau.
»Wieso wurde das nicht schon am Morgen gefunden?«, fragt sie dann und klopft auf das Notizbuch. Harjula wirkt ein wenig beleidigt.
»Ich habe es jetzt gefunden, Hellu«, sagt er.
Sie blättert die leeren Seiten durch, als wäre das Notizbuch die Zeitung von gestern. »Entweder gibt es eine Verbindung zwischen diesen Todesfällen, oder Olga hat diese Frauen persönlich gekannt.«
»Ist das in der Praxis nicht dasselbe?«, sagt Harjula selbstsicher. »Jetzt sind sie alle tot.«
»Gab es bei diesen Todesfällen Manga-Kleidung oder Kambo-Behandlungen?«, fragt Hellu.
»Das geht aus den Artikeln nicht hervor. Auch anderswo in Europa verrät man den Medien keine Einzelheiten der Ermittlungen, wenn es für die Aufklärung nicht unbedingt notwendig ist«, entgegnet Harjula ernst. Hellu weiß nicht recht, was sie von seinem Benehmen halten soll. Bei seinen letzten Worten steckte in seinem Tonfall zu viel Belehrung.
»Aber wir müssen uns unverzüglich bei den Stellen erkundigen, die diese Morde untersucht haben«, fährt er fort.
»Gut. Das kann ich übernehmen. Je höher der Rang, desto schneller kommt die Antwort«, sagt Hellu und steht auf. »Gute Arbeit, Harjula. Bewundernswerter Einsatz. Und wenn ich bitten darf …«
Harjula ist ebenfalls aufgestanden, seine Hand liegt schon auf der Türklinke.
»Was denn?«
»Behalte diesen Fund noch eine Weile für dich. Es gibt jetzt so viele bewegliche Teile, dass Niemi womöglich den Überblick verliert. Warten wir ab, was wir aus dem Ausland erfahren, erst dann informieren wir alle.«